Hintergrund Fragen und Antworten rund um die Atommüllendlagersuche

2014 wurde mit dem Standortsuchgesetz ein wissenschaftliches Vorgehen zur Findung eines Atommüllendlagers in Deutschland beschlossen. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung hat einen Zwischenbericht vorgelegt, der geologisch geeignete Teilgebiete ausweist. MDR SACHSEN hat mit Vinzenz Brendler vom Institut für Ressourcenökologie des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf über die wichtigsten Fragen gesprochen.

Drei Atommüll-Fässer vor einer Deutschlandfahne und Ortsschild mit Aufschrift Endlager
Bildrechte: imago stock&people

Atommüll möchte niemand in seiner Nachbarschaft haben. Wie sollte das in die Planung mit einbezogen werden?

Brendler: Bislang wurde die Debatte um ein Atommüllendlager höchst emotional geführt. Es ist aber nicht zielführend, einen möglichen Standort jetzt schon zu blockieren. Wenn alle blockieren, würde der Atommüll in den Zwischenlagern bleiben müssen. Und obwohl die Hallen auch sicher vor Flugzeugabstürzen sind, ist ein Endlager um einiges sicherer. Der Atommüll wird viele hundert Meter unter der Erde mit vielen Sicherheitsmaßnahmen eingelagert und nicht direkt unter der Kirche oder der Stadthalle verbuddelt. Die Abfälle sind da und wir müssen uns jetzt darum kümmern.

Eine Ablehnung aus dem Bauch heraus ist nicht geraten. Natürlich sollten Gegenargumente mit guten Begründungen gehört werden. Der Standortfindungsprozess ist so konzipiert, dass Meinungen und Argumente jederzeit mit eingebracht werden können.

Wie ist das weitere Vorgehen bei der Suche nach dem geeigneten Standort für ein Atommüllendlager?

Brendler: Im Zwischenbericht wurden 90 Teilgebiete ausgezeichnet, die für das Endlager nach der ersten geologischen Einschätzung in Frage kommen. Als nächsten Schritt wird es eine Fachkonferenz geben, an der auch interessierte Laien teilnehmen können, um die Ergebnisse des Zwischenberichts vorzustellen. Danach werden die ausgwählten Gebiete weiter eingegrenzt. Dabei werden neben geologischen Kriterien dann auch planungwissenschaftliche Kriterien, wie zum Beispiel die Besiedlungsdichte, betrachtet. Es ist ein langer Prozess, bei dem auch die Öffentlichkeit mit einbezogen werden soll. 2031 soll dann ein Standort ausgewählt werden, 2050 sollen die ersten Abfälle dort eingelagert werden.

Welche und wieviele Abfälle sollen in dem Endlager gelagert werden?

Brendler: Im geplanten Endlager sollen 17.700 Tonnen hochradioaktiver Atommüll gelagert werden. Das sind zum großen Teil Abfälle, die direkt aus der Kernenergieerzeugung anfallen, wie zum Beispiel die Brennstäbe. Der zweite große Anteil des Atommülls besteht aus Abfällen, die 2004 nach Großbritannien und Frankreich zur Aufbereitung verschifft wurden. Die Reste wurden wieder zurück nach Deutschland gebracht und für die Zwischenlagerung in Glas gegossen.

Wo befindet sich der Atommüll zur Zeit?

Brendler: Die Abfälle, die von der Wiederaufbreitung aus Großbritannien und Frankreich zurückkamen, befinden sich im oberirdischen Zwischenlager in Gorleben. Das wurde damals so geplant, da sich ursprünglich auch das Endlager in Gorleben befinden sollte und so die Abfälle nicht nochmal durch Deutschland transportiert werden müssten. Die Brennstäbe befinden sich in Castoren auf den Standorten der Atomkraftwerke.

Die Karte zeigt in unterschiedlichen Farben die Gebiete mit unterirdischen Gesteinsformationen, die für ein atomares Endlager in Deutschland als geologisch günstig angesehen werden.
Die Karte zeigt in unterschiedlichen Farben die Gebiete mit unterirdischen Gesteinsformationen, die für ein atomares Endlager in Deutschland als geologisch günstig angesehen werden. Weiße Flächen beschreiben Orte, die für eine Endlagersuche nicht mehr in Frage kommen. Bildrechte: BGE/ GeoBasis-DE/BKG 2020

Was sind Vor- und Nachteile der drei Gesteinsarten die in Betracht kommen?

Salzgestein

Brendler: Im Salzgestein gab es schon seit Millionen von Jahren keinen Wassereinbruch. Deswegen ist es wahrscheinlich, dass es auch in einer Million Jahren keinen geben wird. Das Material ist außerdem undurchlässig und selbstverschließend. Das heißt, in einigen Hundert Jahren schließt sich das Lager von selbst. Außerdem hat Deutschland Erfahrung mit Bergbau im Salzgestein.

Ein Nachteil ist die fehlende Wärmeleitfähigkeit. Die radioaktive Strahlung würde das Endlager und die Umgebung auf etwa 200 Grad Celsius erwärmen.

Granit

Brendler: Granitgestein ist sehr stabil und benötigt daher weniger Absicherung als andere Gesteinsarten. Außerdem besitzt es eine gut ausgebildete Wärmeleitfähgikeit. Die radiokativen Abfälle würden das Endlager und die Umgebung nur auf etwa 100 Grad Celsius erwärmen. Auch im Granitgestein hat Deutschland langjährige Erfahrungen im Bergbau. Schweden und Finnland arbeiten bereits an Lösungen für Endlager in Granitgestein und Deutschland könnte von diesen Erfahrungen profitieren.

Ein Nachteil ist, dass Granit relativ viele Spalten und Risse aufweist und eine höhere Wasserdurchlässigkeit besitzt. Daher müsste mehr Aufwand in die Behälter der Abfälle gesteckt werden.

Tongestein

Brendler: Beim Tongestein gibt es internationale Erfahrungen aus Frankreich, Belgien und der Schweiz, auf die Deutschland aufbauen könnte. Ähnlich wie das Salzgesteinn ist auch Tongestein undurchlässig für Wasser. Außerdem ist es ebenfalls, wenn auch im gereingeren Maß als Salzgestein, selbstverschließend.

Ein Nachteil beim Tongestein ist, dass Deutschland keine Erfahrung im Bergbau mit diesem Gestein hat. Daher müsste die passende Technologie erst entwickelt werden.

Quelle: MDR/al

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 28.09.2020 | 19:00 Uhr

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