Hintergrund Senioren mit Demenz am Steuer - wie lange geht das gut?

Ältere Menschen sind heutzutage immer länger mobil. Mit dem Alter steigt aber auch die Gefahr von Unfällen. Gerade ab 75 Jahren aufwärts, sagen Verkehrsexperten sagen. Doch aufs Auto zu verzichten, fällt vielen Älteren schwer. Bei beginnender Demenz sind auch Ärzte und Angehörige gefordert. Für sie ist es oft heikel, das Problem anzusprechen.

Eine Rentnerin startet am 25.06.2015 mit dem Zündschlüssel ihr Auto bei einem Fahrtraining für Senioren am 25.06.2015 am «Aktionstag Senioren im Straßenverkehr» in Beeskow (Brandenburg).
Bei betagten Menschen lässt die Fähigkeit, ein Auto zu führen, deutlich nach, sagen Verkehrsexperten Bildrechte: dpa

Ältere Autofahrer sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes weniger unfallgefährdet als die Altersgruppe der Fahranfänger. Doch steigt die Zahl der in Unfälle verwickelten Senioren seit Jahren, weil die Menschen immer älter werden. Die Verkehrsunfallzahlen steigen ab 75 Jahren aufwärts deutlich, sagte der Dresdner Verkehrsforscher Henrik Liers MDR SACHSEN. In drei von vier Unfällen, in die sie verwickelt sind, seien sie die Hauptverursacher. Allerdings handle es sich dabei meist um leichtere Unfälle, auch weil ältere Menschen langsamer führen als jüngere Fahrende. Generell ist in Deutschland die Altersgruppe der 25 bis 35 Jahre alten Männer am häufigsten in Verkehrsunfälle mit Personenschaden verwickelt.

Verkehrspsychologe: Fahreignung überprüfen

Um die Frage zu beantworten, ob jemand noch in der Lage ist, ein Auto sicher zu führen, müsse sich zunächst jeder selbst beobachten, sagte der Chemnitzer Verkehrspsychologe Bernd Wiesner im Gespräch mit MDR SACHSEN. Wenn man merke, dass man Verkehrsituationen übersehe, häufiger Fehler mache und in Unfallsituationen verwickelt werde, sei es Zeit darüber nachzudenken, seinen Führerschein abzugeben. "Es gibt auch die Möglichkeit, sich an eine medizinisch-psychologische Untersuchungsstelle in Sachsen zu wenden und dort einen anonymen Senioren-Check zu machen."

Einen "Fahr-Fitness-Check" bietet auch der ADAC Sachsen für ältere Autofahrer an. Dabei können Senioren ihre Fahreignung ohne Risiko für den Führerschein überprüfen oder sich auch mit der Technik neuerer Autos vertraut machen.

Autofahren bei beginnender Demenz noch möglich?

Studien und praktische Fahrtests haben nach Angaben der Deutschen Alzheimergesellschaft gezeigt, dass bei beginnender Demenz die "Fahreignung" oft noch in hohem Maße vorhanden sei. In Begutachtungs-Leitlinien zur Kraftfahrereignung werde daher kein grundsätzliches Fahrverbot bei leichter Demenz verlangt. Die "Fahreignung", das heißt die generelle Befähigung zum Führen eines Kraftfahrzeugs, sei zu diesem Zeitpunkt noch gegeben.

Warnzeichen für verminderte Leistungsfähigkeit im Verkehr
• auffällig langsames Fahren
• Desorientiertheit an Kreuzungen
• unentschlossenes Verhalten
• Verfahren auf bekannten Strecken
• Nicht-Beachten von Verkehrsschildern

Quelle: Deutsche Alzheimergesellschaft

Eine ältere Frau sitzt am Steuer ihres Kleinwagens 29 min
Bildrechte: dpa

Demenz-Forscher sieht hohes Risiko

Der Bielefelder Neuropsychologe Max Töpper rät, mit dem Autofahren aufzuhören, wenn eine gesicherte Diagnose vorliege. "Das liegt daran, dass eine Demenzerkrankung mit deutlichen kognitiven Defiziten verbunden ist und wenn diese fahrrelevant sind, sehe ich ein sehr hohes Risiko", sagte Töpper MDR SACHSEN. Auch die Selbsteinschätzung, ob jemand noch in der Lage ist, ein Auto zu fahren, sei bei Demenzpatienten oft nicht mehr vorhanden.

Der Gesetzgeber sieht vor, dass man immer, wenn man in sein Auto steigt, einer Selbstprüfungungs- und Vorsorgepflicht unterliegt und diese Fähigkeit ist bei Demenzpatienten sehr häufig beeinträchtigt.

Dr. Max Töpper Neuropsychologe am Universitätsklinikum Bielefeld, Evangelisches Klinikum Bethel

Ärztliche Untersuchung zur Abklärung der Demenz-Form

Wichtig sei auch, feststellen zu lassen, welche Form der Demenz vorliege, sagte Töpper. Bei Alzheimer sei das Fahren noch am ehesten möglich, das würden auch verschiedene Studien zeigen. "Da haben wir bei Fahrverhaltensbeobachtungen eine Durchfallrate von etwa 50 Prozent, ich finde das ist ein sehr hohes Risiko". Bei der frontotemporalen Demenz sollte das Autofahren in jedem Fall eingestellt werden. Bei dieser Form der Demenz neigen Erkrankte zu einem agressiven Fahrstil, wobei häufig Regeln missachtet werden. Töpper empfiehlt Angehörigen, auf eine Fahrverhaltensprobe und eine ärztliche Untersuchung hinzuwirken.

Ärzte sind nach Angaben der Deutschen Alzheimergesellschaft auch dazu verpflichtet, ihre Patienten darauf hinzuweisen, wenn eine Fahruntauglichkeit vorliegt bzw. im Verlaufe der Erkrankung eintreten wird. Sie haben dann auch das Recht, die Verkehrsbehörde zu informieren und sind von der ärztlichen Schweigepflicht befreit.

Autoschlüssel verstecken

Was können Angehörige tun, wenn Betroffene keine Einsicht zeigen und nicht auf das Autofahren verzichten wollen? Der Chemnitzer Verkehrspsychologe Bernd Wiesner rät Angehörigen, Defizite offen anzusprechen. Führe dies nicht zur Einsicht bei einem Betroffenen, könne man auch die Fahrerlaubnisbehörde informieren. "Es geht darum, das Leben des Vaters zu schützen, wenn er nicht mehr Autofahren kann. Das sind manchmal auch schwierige Entscheidungen notwendig".

Andere Experten und die Alzheimergesellschaft raten in solchen Fällen auch zu kleinen Tricks wie, den Zündschlüssel zu verstecken, die Autobatterie abzuklemmen oder das Auto außer Sichtweite zu parken. Hilfreich ist demnach auch, Betroffenen rechtzeitig Alternativen aufzuzeigen und in den Alltag einzubauen. Um Mobilität zu erhalten, könnten der Öffentliche Nahverkehr oder Taxis genutzt werden.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Expertenrat | 05. Oktober 2021 | 10:00 Uhr

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