Ausbildungen So wenig Azubiverträge in Sachsen wie noch nie

Die Zahl der Neuverträge befindet sich auf einem historischen Tiefstand. Laut dem Statistischem Bundesamt habe es noch nie seit Beginn der Statistik vor über 40 Jahren in einem Jahr weniger als 500.000 neue Azubis gegeben. Auch in Sachsen sind die Zahlen alarmierend: Hier sind kurz vor dem offiziellen Ausbildungsstart noch rund 7.800 Lehrstellen unbesetzt. Ein Grund dafür: die Corona-Pandemie. Eine Ausbildungsgarantie könnte dabei helfen, die unbesetzten Stellen zu füllen.

«Azubis gesucht» steht auf einem Banner am Stand einer Firma beim Forum Berufsstart Mitteldeutschland in Erfurt.
In vielen Branchen gibt es derzeit einen Mangel an Fachkräften. Bildrechte: dpa

"Wir haben Räume, die leer sind. Wir haben Veranstaltungen, die wir nicht bewirten können, weil das Personal einfach nicht da ist", sagt Daniel Lehmann. Er arbeitet im Management im Restaurant Bayrischer Bahnhof. Der Fachkräftemangel sei seit Langem ein großes Problem, sagt Axel Klein vom Verband der Gastronomie DEHOGA in Sachsen. Corona hätte das Problem jedoch noch verschärft.

Die Zukunftsängste seien dieses Jahr bei den jungen Leuten größer, die Sicherheiten fehlten, wie es weitergeht. Vor allem aber fehle der direkte Kontakt zu potenziellen Azubis. Der Unterricht und die Jugendveranstaltungen in den Schulen müssten aufgrund der Kontaktbeschränkungen auf Pause gelegt werden. "Das haben wir zwar digital-hybrid ausgeglichen – wir haben da neue Formate entwickelt – aber den Kontakt vor Ort, den kann nichts ersetzen. So eine Schulstunde, wo man mal die Gastronomiebranche oder Tourismusbranche vorstellt, die kann nichts ersetzen", erzählt Klein.

Forderung nach Ausbildungsgarantie

Die größten Rückgänge von Ausbildungsverträgen gab es bei den Tourismuskaufleuten mit 61 Prozent. Bei den Hotelfachleuten gab es über 30 Prozent weniger Verträge und bei den Köchen knapp 20 Prozent weniger. Auch das Handwerk leidet. Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert deshalb eine Ausbildungsgarantie – also Ausbildungen, die öffentlich gefördert werden, wenn keine betriebliche zustande kommt.

Clemens Wieland von der Bertelsmann-Stiftung hat eine Studie dazu durchgeführt. Vorbild war das Modell aus Österreich, wo es so eine Ausbildungsgarantie schon seit 2008 gibt. "Eine Ausbildungsgarantie könnte in Deutschland der Wirtschaft bis zu 20.000 zusätzliche Fachkräfte bringen. Für den einzelnen bedeutet das einen Anstieg des durchschnittlichen Lebenseinkommens von 580.000 Euro im Vergleich dazu, was er als Ungelernter verdienen würde", erklärt Wieland. Den Staat würde dies zunächst 1,4 Milliarden Euro kosten. Doch nach spätestens zehn Jahren wären die Staatseinnahmen durch Steuern und Versichertenbeiträge größer als die Staatsausgaben – so gäbe es ein zusätzliches Bruttoinlandsprodukt von 2,6 Milliarden pro Jahr.

Wechsel in betriebliche Ausbildungen

Oft wechselten die Jugendlichen sogar noch während der öffentlichen in eine betriebliche Ausbildung. Der Grund ist laut Clemens, dass sie dann für die Betriebe die nötige Reife hätten und ausbildungsfähig seien. Daniel Lehmann vom Bayrischen Bahnhof findet die Idee gut. Auch bei ihm im Restaurant sind die meisten Kellnerinnen und Kellner vor allem Studierende, denn: "Ein Student ist in seiner Entwicklung schon weiter. Ein Student sucht sich einen Studiengang aus und investiert viele Jahre, viel Mühe, viel Zeit. Ein Auszubildender kommt aus der Schule und weiß meistens gar nicht, was er möchte", sagt Lehmann. Motivation und Auffassungsgabe – dafür brauche es keine dreijährige Ausbildung, sondern vor allem ein wenig Lebenserfahrung.

Gute Chancen auf Ausbildung in Sachsen

Axel Klein von der DEHOGA setzt hingegen auf Dinnerveranstaltungen und Azubitickets oder die Anwerbung von ausländischen Kräften. Wer sich für eine Ausbildung in der Touristikbranche oder Gastrobranche entscheidet, sagt er, brauche auf sich um eines jedenfalls keine Gedanken machen: die Zukunft.

Auch Interessenten auf Ausbildungen als Verkäuferinnen und Verkäufer oder als Fachkräfte in der Lagerlogistik habe in Sachsen beste Chancen. Detlef Scheele von der Bundesarbeitsagentur für Arbeit wies noch einmal darauf hin, dass auch nach Beginn des Ausbildungsjahres am 1. September Vermittlungen möglich seien. Und das bis ins neue Jahr hinein.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. August 2021 | 06:00 Uhr

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