Landwirtschaft Düngerknappheit bringt Bauern in die Bredouille

Wegen hoher Energiekosten drosselt die Industrie die Produktion von Mineraldünger. Ein Teil der sächsischen Bauern schlägt Alarm und sieht die Branche in Existenznot. Doch es gibt auch andere Stimmen aus der Landwirtschaft.

Mittels eines Traktors wird Kunstdünger auf einem Feld verteilt.
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Ein Teil der sächsischen Bauern schlägt Alarm: Ihnen gehen die Düngemittel aus. Paul Kompe vom Vorstand des Vereins "Land schafft Verbindung" sagte MDR SACHSEN, der Grund seien die hohen Energiepreise. Aus diesem Grund drosselten die Hersteller die Produktion. Zugleich lägen die Preise für noch verfügbaren Mineraldünger drei Mal höher als noch im Vorjahr, so Kompe. Organische Dünger wie Gülle oder Mist seien nicht ausreichend verfügbar, um den Mineraldünger komplett zu ersetzen. Auch für den Anbau von Leguminosen, also Stickstoffsammlern, gebe es nicht genug Abnehmer - also beispielsweise Firmen, die Erbsen und andere Hülsenfrüchte verarbeiten oder Klee als Futter benötigen.

Landwirt Paul Kompe steht vor einem Traktorgespann auf einem Feld.
Landwirtschaftsmeister Paul Kompe befürchtet, dass seine Zunft durch die hohen Düngerpreise in Schwierigkeiten kommt. Zudem bekommen die Bauern auch die steigenden Dieselpreise zu spüren. Bildrechte: Sammlung Paul Kompe

Leguminosen Leguminosen sind Pflanzen, die in ihren Wurzeln natürlich Stickstoff sammeln und damit dem Boden zufügen. Sie werden in der Landwirtschaft oft nach der Ernte eingesät und verhindern Erosion. Kleearten oder Luzerne können auch als Futterpflanzen dienen. Nutzpflanzen unter den Leguminosen sind Erbsen, Bohnen oder Linsen.

Kompe befürchtet, dass mittelfristig viele landwirtschaftliche Produkte aus dem Ausland kommen werden - beispielsweise hochwertige Mehle. Auch Fleisch könnte zunehmend aus nicht überwachten Beständen im Ausland kommen, wenn die einheimische Landwirtschaft aus den Fugen gerate. Ein Mangel an Mineraldünger führe letztendlich auch dazu, dass nicht in ausreichenden Mengen auf den Äcker produziert werden könne. Ob es bisher schon Bauern gibt, die wegen der verdreifachten Düngerpreise ihre Produktion umstellen oder Flächen stilllegen, vermochte Kompe aber nicht zu sagen. Einige seiner Kollegen hätten zumindest noch preiswerter eingekauften Mineraldünger im Lager.

Landwirt Kompe: Ohne Dünger keine hochwertigen Erzeugnisse

Kompe sagt, die einheimischen Landwirte könnten jedoch nicht ausschließlich von geförderten Blühstreifen leben und meint dies durchaus als Seitenhieb auf die Landwirtschaftspolitik, die nach seiner Einschätzung die Belange der Bauern aus den Augen verliere. Ohne Dünger sei der Anbau hochwertiger Produkte wie beispielsweise Backweizen jedoch nicht möglich. Eine Alternative zu hochwertigem Backweizen sei Futterweizen, der weniger Ertrag und dem Landwirt weniger Geld bringe. Zudem sei die Zahl der Abnehmer für Futterweizen, also die Tierhalter, begrenzt. Kompe legt Wert auf die Feststellung, dass nach seiner Einschätzung die Mehrzahl der Bauern verantwortungsvoll und bedarfsgerecht dünge. Für die korrekte Dosierung werde in hochmoderne Technik investiert. "Andernfalls würden wir uns die Böden selbst kaputt machen", sagt er.

Illustration - Düngerpreis
Landwirte müssen für Mineraldünger tiefer in die Tasche greifen. Die Preise steigen weiter. (Symbolbild) Bildrechte: imago/CHROMORANGE

Entwicklung der Düngerpreise Laut Branchendienst "agrarheute" lagen die Importpreise für den wichtigen Stickstoffdünger Kalkammonsalpeter in der dritten Oktoberwoche 2021 bei knapp 550 Euro je Tonne. Das waren den Angaben zufolge 150 Euro mehr als zu Monatsbeginn und drei Mal so viel wie vor einem Jahr. agrarheute.com

Industrie bestätigt die Befürchtungen der Bauern

Der Industrieverband Agrar bestätigt Befürchtungen der Bauern. "Die extrem hohen Energie- und Rohstoffkosten sowie steigende Belastungen etwa durch die CO2-Abgabe stellen unsere heimischen Hersteller vor riesige Herausforderungen", sagte Sprecher Martin May auf Anfrage von MDR SACHSEN. Die Herstellung von mineralischen Düngemitteln sei "energieintensiv, insbesondere von Stickstoffdüngern und deren Vorprodukt Ammoniak".

Bei der Ammoniakherstellung dient Erdgas sowohl als Rohstoff wie auch als Energiequelle, der Gaspreis macht dabei bis zu 80 Prozent der Produktionskosten aus.

Industrieverband Agrar

Die Preise für Mineraldünger seien zuletzt wegen der hohen Produktionskosten aber auch wegen der weltweiten Knappheit und zusätzlicher Logistikprobleme stark angestiegen, hieß es. "Die jüngsten Kostensteigerungen lassen sich deshalb nicht mehr an die Endkunden weitergeben und lassen eine betriebswirtschaftlich sinnvolle Herstellung, vor allem von Ammoniak, nicht mehr zu", so May.

Düngemittelhersteller erwarten Abwanderung der Produktion

Mittel- bis langfristig sei die inländische Produktion von Grundchemikalien wie Ammoniak und damit verbunden von mineralischen Düngemitteln unter den aktuellen Rahmenbedingungen stark gefährdet, denn in anderen Weltregionen lasse sich wesentlich kostengünstiger produzieren, so der Sprecher des Industrieverbandes Agra. "Notwendige Investitionen in neue Technologien sind so kaum zu finanzieren." Dabei arbeite die Industrie auf eine klimaneutrale Produktion auf Basis von regenerativ erzeugtem Wasserstoff hin. "Wir sind hierbei auf die richtigen politischen Rahmenbedingungen, ausreichende Verfügbarkeit von 'grünem Wasserstoff' und Schutz vor klimaschädlich, aber günstig produzierten Importen angewiesen."

Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft für Mist und Gülle als Alternative

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die Familienbetriebe vertritt, meint, es sei schwierig, kurzfristig eine Lösung zu finden. Der für Sachsen zuständige Geschäftsführer Clemens Risse sagte MDR SACHSEN, es sei hart, dass die Preise schlagartig anstiegen. Dies sei die Folge des hochenergetischen Verfahrens zur Herstellung der Mineraldünger, insbesondere des sogenannten Haber-Bosch-Verfahrens. Auch konventionell wirtschaftende AbL-Betriebe nutzten Mineraldünger, während dieser in der Öko-Landwirtschaft nicht zugelassen ist.

Ein junger Bauer steht mit einem braun-weißen Kalb auf einer grünen Weide
Bio-Bauer Clemens Risse ist überzeugt davon, dass die Landwirtschaft auch ohne Mineraldünger wirtschaftlich arbeiten kann. Er darf schon jetzt nicht damit düngen. Bildrechte: MDR/L. Müller

Bio-Bauer Risse: Landwirtschaft muss sich langfristig umstellen

Bio-Bauer Risse meint, hinsichtlich der Klimaneutralität müsse die Landwirtschaft mittelfristig andere Wege finden. Eine Möglichkeit sind seinen Angaben zufolge mehr Leguminosen - also pflanzliche Stickstoffsammler - in der Fruchtfolge auf den Äckern. Er widerspricht damit seinem Kollegen Kompe von "Land schafft Verbindung", der Leguminosen für keine Alternative hält. Auch Festmist und Gülle in Maßen seien geeignete und praktikable Dünger, so Bauer Risse. Allerdings müssten dann Viehbestände gleichmäßiger verteilt und nicht mehr in einzelnen Regionen konzentriert werden. Risse plädiert für Mischbetriebe, die Ackerbau und Viehzucht naturnah betreiben und Böden schonen. Das würde zu einer gleichmäßigen Verteilung von Acker- und Weideland führen.

Quelle: MDR/lam

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https://www.mdr.de/wissen/resteretter/video-487122.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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8 Kommentare

heinz1954 vor 5 Wochen

Mein Vorschlag an alle Landwirte: Hört Euch mal die Bauern an, die in den 60ger und 70ger in der DDR gewirtschaftet haben. Da war alles knapp, auch Düngemittel, aber es wurde selbst das kleinste Stück Agrarland bestellt, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Es gab keine Subventionen für Stillegungsflächen und "Unkrautwiesen" der EU. Dieses Gejammer der Landwirte geht einem langsam auf den S..... Aber solange immernoch Lebensmittel, die auch in Deutschland hätten produziert werden können aus dem Ausland importiert werden, wird sich nichts ändern, da ist auch die Politik gefragt, aber die ist ja EU-verpflichtet.

MarioS vor 5 Wochen

Wenn sich Herr Kompe in so einem stylischem Outfit vor einem topmodernen und schicken Traktor präsentiert, im Stil von "Bauer sucht Frau", erweckt es nicht unbedingt einen existenzbedrohenden Eindruck. Dann lieber kariertes Hemd, Gummistiefel und Kälbchen. Das ist schön! Und glaubwürdiger!

hansfriederleistner vor 5 Wochen

Jahrelang liest man wie diverse Experten über die Überdüngung klagen und ihre Folgen. Jetzt klagen die Bauern, daß es von Jauche über Mist bis zu mineralischem Dünger Mangel gibt. Ich bin überzeugt, der Bauer, der selbst auf seinen Feldern wirtschaftet, wird es wohl am besten wissen.

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