Steigende Baupreise Wenn der Eigenheim-Traum platzt: Bauherren in der Krise

Noch immer ist der Traum vom Eigenheim für viele Sachsen ein Lebensziel. Nun wird er bedroht durch steigende Baupreise, Zinsen und gesprengte Lieferketten für Baumaterial. Die Familie von Jörg Kleint in Uhsmannsdorf in der Oberlausitz steht nach langer Planung noch immer vor dem unbebauten Grundstück, auf dem ihr Traumhaus stehen soll. MDR SACHSEN hat den Bauherren besucht. Er kämpft nicht nur für die Baugenehmigung, sondern auch gegen den drohenden Baustopp wegen seiner wackelnden Finanzierung.

Arbeiter auf einer Eigenheim-Baustelle.
Millionen Bürger träumen vom Eigenheim. Doch die Umsetzung dieses Traumes wird in Deutschland immer teurer und schwerer. Bildrechte: Colourbox.de


"Wer heute ein Haus bauen will, ist wenigstens vorgewarnt", sagt Jörg Kleint. Er hat vor der Corona-Krise mit der Planung für sein Eigenheim begonnen. Der selbstständige Estrichleger hat eine Firma mit drei Angestellten. Täglich ist er auf Baustellen und kann mit anpacken. Doch bei seinem eigenen Haus geht es bis heute nicht voran.

Festpreisbindung für Massivhaus lief aus

Beim Vor-Ort-Termin mit MDR SACHSEN steht Familie Kleint etwas verloren auf ihrem Baugrundstück im Oberlausitzer Uhsmannsdorf. Die freigemachte Baustelle beherbergt nur einen neuangelegten Garten. Verschiedene Faktoren haben immer wieder zu einer Verschiebung des Baubeginns geführt. Sollte Ende dieses Jahres der erste Spatenstich erfolgen, droht später ein Baustopp. "Der mit der Baufirma vereinbarte Festpreis ist von der Gültigkeit her abgelaufen."

Nun wackelt die Finanzierung. "Die Baufirma will nach Baupreisindex abrechnen", erklärt Kleint. Für den Familienvater wäre die Indexbindung finanziell eine Katastrophe. "Der Index stieg im Vorjahr um über 14 Prozent." Ein höheres Darlehen verweigere ihm die Bausparkasse. "Weil die Baufirma wegen steigender Preise keinen Festpreis nennt." Als Selbstständiger, bei dem die Ehefrau angestellt ist, bekomme Kleint nur mit Festpreisgarantie ein Darlehen.

Bauherren-Familie auf ihrem Grundstück
Familie Kleint aus Uhsmannsdorf will ein Eigenheim bauen. Explodierende Baupreise und Bürokratie verhindern den Baustart. Bildrechte: MDR/Wiebke Müller

Das Grundstück für das zweigeschossige Massivhaus kaufte Kleint vor der Corona-Krise von der Eisenbahn. Seine Frau und er sind in Uhsmannsdorf aufgewachsen. Hätte er vor der Pandemie mit dem Bau anfangen können, wäre der Plan aufgegangen: Kleint hatte einen Vertrag mit einer Hausbaufirma in der Tasche für einen schlüsselfertigen Neubau zum Festpreis mit 150 Quadratmetern Wohnfläche: Für sich, die 38-jährige Ehefrau Melanie und den achtjährigen Sohn. Dazu eine 60-Quadratmeter-Einliegerwohnung für die Schwiegermutter. "Damit sie unseren Jungen betreuen kann."

Dann verzögerte sich der Baustart durch einen vom Landkreis geforderten Bebauungplan, Probleme mit Umweltrecht und Plänen für eine ICE-Strecke von Görlitz nach Berlin vor ihrer Nase. "Dabei reaktivierten wir eine Verkehrsbrache, was wiederum voll im Interesse des Landkreises ist", sagt Kleint. Die Geduld des Ehepaares ist fast am Ende: "Wir wollen endlich bauen."

Bauherr Jörg Kleint auf seinem Baugrundstück in Uhsmannsdorf. Darauf steht noch ein alter Güterbahnhof.
Der Oberlausitzer Bauherr Jörg Kleint auf seinem Baugrundstück. Der Schriftwechsel mit Bausparkasse, Hausfirma und Ämtern füllt dickte Ordner. Bildrechte: MDR/Wiebke Müller

Baumaterial kostete bis 77 Prozent mehr

Der Hauptgeschäftsführer vom Bauindustrieverband Hessen-Thüringen, Burkhard Siebert sieht die Not der Baufirmen. "Wir werden angesichts von Lieferengpässen auch über Baustopps reden müssen." Der Sächsische Handwerkstag warnte sogar vor einer Pleitewelle unter Baufirmen angesichts eines "Krisencocktails" aus Corona-Spätfolgen, Arbeitskräftemangel und Ukraine-Krieg. Laut einer Umfrage des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie klagen 80 bis 90 Prozent der Unternehmen über Preissteigerungen und Lieferengpässe.

Laut Statistischem Bundesamt stiegen die Baupreise auf einen Nachkriegsrekord: Konstruktionsvollholz kostete im Vorjahr 77 Prozent mehr als 2020. Betonstahl verteuerte sich im gleichen Zeitraum um 53 Prozent. Auch Dämmstoffe, Ziegel, Fliesen und Keramik verteuerten sich oder sind knapp. Dazu kletterten laut Internetportal "Immowelt" die Bauzinsen seit Januar von 1,38 auf 2,05 Prozent Ende März. Für Immobilienkäufer bedeute dies eine monatliche Mehrbelastung von gut 430 Euro.

Baupreisindex Der Baupreisindex erfasst Erzeugerpreise für Baumaterial wie Holz, Stahl oder Dämmmaterialien. Er spiegelt die Entwicklungen der Preise für Neubau und Instandhaltung von Wohn- und Gewerbeimmobilien wider.

Ortseingang Uhsmannsdorf
In der 660-Seelen-Gemeinde Uhsmannsdorf in der Oberlausitz will Familie Kleint ihr Eigenheim bauen. Bildrechte: Wiebke Müller

Sparkassen sprechen von ungebrochenen Run auf "Betongold"

Der Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands (OSV) Ludger Weskamp sagt dem MDR, seinem Verband mit 26,7 Milliarden Euro Kreditbestand für Wohnungsbaukredite an Privatpersonen sei "wichtig, dass die Kunden bei der Finanzierung einen Puffer einplanen."

Auch die Ostsächsische Sparkasse mit einem Bestand von drei Milliarden Euro für private Baufinanzierung sieht die Nachfrage "ungebrochen hoch", so ein Sprecher. Das sogenannte Betongold habe nicht umsonst "den Ruf als Inflationsanker und Wertanlage."

Zusatzkosten sprengen Bau-Budget

Familie Kleint hat keinen Puffer mehr, die Geldreserven seien erschöpft, sagt die Familie. "Monatlich zahlen wir neben unserer Wohnungsmiete knapp 900 Euro Bereitstellungszinsen für den Kredit", nickt der Bauherr. Den sie nicht in Anspruch nehmen können, solange kein Bagger rollt.

Ins Kontor schlugen auch 3.000 Euro für ein Schallschutzgutachten, rund 13.000 Euro für den Bebauungsplan. Schon jetzt sei ihr ursprüngliches Bau-Budget um rund 50.000 Euro überschritten, rechnen die Kleints. Bei vorzeitigem Ausstieg aus den Bau- und Kreditverträgen drohen ihnen hohe Ablösegebühren.

Der Bau eines Eigenheims führt oft zu Streitigkeiten bis hin zum Gericht.
Bei drohenden Streitigkeiten rund um den Bau eines Eigenheims kann der Verband Privater Bauherren wertvolle Tipps geben. Bildrechte: Colourbox.de

Laut Dr. Ing. Hartmuth Brunzel vom Dresdner Regionalbüro des Verbandes Privater Bauherren häuften sich ähnliche Fälle in seiner Beratungspraxis. Der Fachmann rät der Familie "auf Vorschläge der Baufirma einzugehen". Kleints Bausparkasse Wüstenrot & Württembergische AG berief auf Anfrage von MDR SACHSEN auf ihre gesetzliche Schweigepflicht: "Ganz allgemein lässt sich jedoch sagen, dass Wüstenrot, bezogen auf die eigenen Finanzierungen, bisher kaum nennenswerte Verzögerungen auf Baustellen von Wohnbauten oder gar Bauherren-Insolvenzen aufgrund der aktuellen Situation registriert", sagte eine Sprecherin.

Welchen Weg die Kleints letztlich einschlagen, ist noch offen. Ihre in Niedersachsen ansässige Hausbaufirma, die nach eigenen Angaben 350 aktive Baustellen unterhält, war für eine Stellungnahme bis zum Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

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