Hotspot 23 Corona-Infektionen im Flüchtlingsheim Kamenz

Desinfektionsmittel - Spieler müssen sich vor dem Betreten der Kabinen die Hände Waschen und mit Desinfektionsmittel einreiben.
Zu wenig Desinfektionsmittel, zu wenig Seife, zu wenig Masken im Flüchtlingsheim in Kamenz - das sind die Vorwürfe an das Landratsamt Bautzen. Bildrechte: imago images/Jan Huebner

In einer Asyl-Unterkunft in Kamenz ist es zu einem Ausbruch von Corona-Infektionen gekommen. Aktuell sind 23 Geflüchtete positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Darüber informierte das Landratsamt Bautzen auf Anfrage von MDR SACHSEN. Demnach seien die Infizierten jetzt in die Asylunterkunft Hoyerswerda verlegt worden. Dort könne eine noch bessere Quarantäne umgesetzt werden, hieß es.

Bereits in der vergangenen Woche hatte das Gesundheitsamt erste Personen positiv getestet. Mittlerweile hat sich die Zahl von 13 Infizierten am vergangenen Donnerstag auf 23 Infizierte am Dienstag erhöht. Den Angaben zufolge befinden sich aktuell 60 Personen in Quarantäne. Bislang war von den betroffenen Infizierten niemand so schwer erkrankt, dass er in eine Klinik gebracht werden musste. Etwa vierhundert Menschen leben in dem Plattenbau am Kamenzer Flugplatz.

Kritik an Hygieneverhältnissen

Ralf Döcke, ehrenamtlicher Pate von Geflüchteten aus Kamenz kritisierte im Gespräch mit MDR SACHSEN die Hygieneverhältnisse vor Ort. Weder Seifen noch Desinfektionsmittel stünden ausreichend für die Bewohnerinnen und Bewohner zur Verfügung. Zudem gebe es nicht genügend Masken. "In dem Flüchtlingsheim gibt es große Lücken bei der Hygienevorsorge. Die beengten Verhältnisse verschärften die Situation." Es sei eigentlich schon fast verwunderlich, dass nicht schon früher etwas passiert sei.

Landratsamt verteidigt Zustände

"Den Bewohnern wurden in der Vergangenheit bereits Masken zur Verfügung gestellt", hieß es vom Landratsamt. Eine Bereitstellung "besserer Masken" sei im Zuge der "vorgesehenen Abgabe von Masken an ALG-II-Bezieher in der Prüfung". Zudem seien Desinfektionsmittel entwendet und Spender mutwillig zerstört worden.

"Masken gab es bislang einmal seit Beginn der Pandemie", sagte Geflüchteten-Pate Döcke. Die Mittel vieler Geflüchteter seien sehr beschränkt, die Räumlichkeiten sehr eng und damit die Bedingungen ungleich schwieriger. In der vierten Etage habe es zum Beispiel bis vor kurzem für knapp hundert Menschen lediglich eine Küche gegeben - und das in Zeiten, in denen viele gastronomische Betriebe geschlossen seien. "Wenn so viele Menschen auf engem Raum leben, sind Konflikte nicht ausgeschlossen. Das würde Deutschen ganz ähnlich gehen", sagte Döcke.

Zusätzliches Polizei- und Wachpersonal

Das Landratsamt Bautzen hat eigenen Angaben zufolge zusätzliches Wachschutz-Personal angefordert, um "die Einhaltung der Quarantäne-Auflagen" zu kontrollieren. "Auch die Polizei wurde im Rahmen eines Amtshilfeersuchens gebeten, uns bei der Kontrolle der Umsetzung der Corona-Regeln zu unterstützen", hieß es.

Forderung nach dezentraler Unterbringung

Unterdessen werden weiter Stimmen nach einer dezentralen Unterbringung der Geflüchteten laut. Caren Lay, stellvertretende Vorsitzende der Linken-Fraktion im Bundestag, erklärte am Montag in einer Pressemitteilung: "Die Sturheit auf Kosten von Menschenleben bleibt mir unbegreiflich. Erneut gab es einen Corona-Ausbruch in einer Asylsuchendeneinrichtung im Kreis und dennoch lehnt das Landratsamt dezentrale Unterbringung weiter ab. Ich habe dafür wirklich kein Verständnis mehr!"

Caren Lay, Abgeordnete im Bundestag der Partei Die Linke
Caren Lay, Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzender der Fraktion "Die Linke" im Bundestag. Bildrechte: dpa

Das Kamenzer Flüchtlingsheim liegt in Sichtweite zum Impfzentrum des Kreises. Das ist schon besonders absurd: Während mit viel Aufwand ein großes Zentrum für die Impfkampagne aufgebaut wird, um endlich die Pandemie in den Griff zu bekommen, werden in 100-Meter-Luftlinie dazu simpelste Hygienevorschriften ignoriert, Kontaktvermeidung ist unmöglich. So lässt man sehenden Auges die Menschen unter hohem Infektionsrisiko leben.

Caren Lay Stellvertretende Vorsitzende der Linken-Fraktion im Bundestag

Das Landratsamt Bautzen weist die Forderungen nach dezentralen Unterkünften mit dem Verweis auf Paragraph 53 des Asylgesetzes zurück. Demnach seien die Gemeinschaftsunterkünfte die Regelunterbringungsform. "Daran sind wir gebunden", hieß es knapp.

Offener Brief vom Bürgerbündnis Hoyerswerda im Dezember

Bereits im Dezember hat das Bürgerbündnis "Hoyerswerda hilft mit Herz" in einem offenen Brief auf die schlechten Bedingungen in mehreren Unterkünften für Geflüchtete aufmerksam gemacht. "Schon bei der ersten Welle im Frühjahr wurde der Landkreis darauf hingewiesen, dass die Gesamtunterkünfte für Asylbewerber in Kamenz und Hoyerswerda die nötigen Hygienevorschriften nicht einhalten können", hieß es dort. Das betreffe das gemeinsame Nutzen von Sanitäranlagen und Küchen.

Die Idee einer nötigen dezentralen Unterbringung sei vom Vize-Landrat Udo Witschas (CDU) jedoch mit der Begründung abgewiesen worden, dass es sich um "rund 45 Prozent ausreisepflichtige Personen" handelt. "Das Verlassen der Bundesrepublik" sei "primäres öffentliches Interesse" bei diesen Personen. Eine dezentrale Unterbringung würde dieses Interesse "konterkarieren". Der Vize-Landrat Udo Witschas ist wegen seiner vertraulichen Kontakte zu dem früheren NPD-Kreisvorsitzenden Marco Wruck im Sommer 2017 in die Schlagzeilen geraten. Damals wurde ihm die Zugehörigkeit für das Ausländeramt entzogen, im Frühjahr 2019 bekam er es zurück. Vergangenes Jahr kündigte er an, zur Wahl im Jahr 2022 für das Amt des Landrates kandidieren zu wollen.

Sechs Quadratmeter pro Person in der Asylunterkunft

Das Bürgerbündnis Hoyerswerda sieht auch in den beengten Verhältnissen der Unterkünfte ein Problem für Hygieneverhältnisse in der Corona-Pandemie.

Eine Person im Heim hat Anspruch auf sechs Quadratmeter. In den Einkaufsmärkten ist die Besucherzahl wegen Corona auf zehn Quadratmeter pro Person beschränkt - und soll demnächst sogar auf 20 Quadratmeter erweitert werden.

Jörg Michael Sprecher des Bürgerbündnis "Hoyerwerda hilft mit Herz"

Damit sei es nicht möglich, die Corona-Schutzbestimmungen in den Unterkünften für die Geflüchteten umzusetzen. Flüchtlingspate Ralf Döcke sieht darin vor allem mangelndes Interesse und auch Ignoranz. "Der politische Wille fehlt, etwas zu ändern." Der Landkreis setze auf "abschreckende Politik" und nicht auf "Willkommenskultur".

Quelle: MDR/kt

3 Kommentare

LolaQ vor 13 Wochen

Warum kann man nicht einfach schnelle Lösungen finden und sich nicht immer nur an die Vorgaben halten. Ich finde das menschenunwürdig. Dort werden Menschen aufbewahrt, die letztendlich aus welchen Gründen auch immer in ihre Heimatländer abgeschoben werden sollen. Das heißt aber noch lange nicht, dass man sie deshalb schlechter stellt als den Rest der Welt. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass sich diese Menschen gegenseitig mit Corona anstecken. Es ist die Pflicht der verantwortlichen Stellen, das Zusammenferchen von Menschen auf kleinstem Raum gerade in der Coronazeit zu unterbinden. Es handelt sich hier um das Grundbedürfnis dieser Menschen, sich gegen Corona schützen zu können und sei es mit ausreichend vorhandenen Desinfektionsmitteln, Masken und die Verteilung auf mehrere Unterkünfte etc.

Nachdenkliche vor 13 Wochen

Bei "rund 45 Prozent ausreisepflichtigen Personen" gibt es also im Umkehrschluss 55 % nicht ausreisepflichtige Personen. Wäre es demzufolge nicht zumindest zu überlegen, für diesen Personenkreis die Möglichkeit einer dezentralen Unterbringung zu prüfen bzw. zu organisieren? Eine solche Herangehensweise würde doch das "primär öffentliche" Ausreiseinteresse der anderen "ca. 45 %" nicht "konterkarieren".

heinz1954 vor 13 Wochen

Da ist Herr Witschas aber bei einigen ganz schön ins Fettnäpfchen getreten, trotzdem gebe ich ihm 100% Recht.

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