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Sadia Idnan aus Pakistan lebt seit 2014 in Deutschland. In Hoyerswerda haben sie und ihre beiden Kinder ihre neue Heimat gefunden. Dank des Chancenaufenthalts hat sie jetzt eine langfristige Perspektive in Deutschland. Bildrechte: MDR/Viola Simank

ChancenaufenthaltGeflüchtete in Hoyerswerda: "Ich kann wieder atmen"

19. Juni 2024, 16:58 Uhr

In Sachsen sind mehr als 10.000 Geflüchtete nur geduldet, sie haben eigentlich keine Bleibeperspektive. Viele von ihnen leben schon viele Jahre hier, immer mit der Unsicherheit der Abschiebung im Hinterkopf. Ihnen könnte der sogenannte Chancenaufenthalt einen langfristig gesichertern Aufenthalt in Deutschland ermöglichen. In Hoyerswerda unterstützt der Verein Immigrants Network Geflüchtete auf dem Weg zum Chancenaufenthalt. Auf einer Konferenz hat er Zwischenbilanz gezogen.

Auf dem Podium in der Kulturfabrik in Hoyerswerda sitzt Sadia Idnan und erzählt ihre Geschichte. Es ist eine, die auch anderen Mut machen soll. Denn die 50-Jährige, gebürtige Pakistanerin, hat den sogenannten Chancenaufenthalt bekommen, unterstützt vom Verein Immigrants Network. Um eine Zwischenbilanz zum Chancenaufenthalt zu ziehen, hat der Verein deshalb Vertreter der Stadt, Geflüchtete und Engagierte zur Konferenz geladen. 

Fünf Jahre im Flüchtlingsheim

Sadia Idnan, die mit ihren beiden Kindern vor sieben Jahren in Deutschland angekommen ist, weiß den Tag ihrer Ankunft noch ganz genau: Es war der 29. Juli 2017. Ein Datum, dass für ihren Antrag auf Chancenaufenthalt noch sehr wichtig werden wird. Doch bis sie diesen stellen konnte, lebten sie und ihre beiden Kinder im Asylbewerberheim in Hoyerswerda. Fünf Jahre in einem Zimmer, mit Gemeinschaftsbad und -küche, mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, Streitereien und Unsicherheit.

Sadia Idnan hat Deutsch gelernt und arbeitet inzwischen als Sozialbetreuerin in einem Seniorenheim in Hoyerswerda. Bildrechte: MDR/Viola Simank

"Ich hatte große Angst vor der Abschiebung", erzählt die 50-Jährige dem Publikum. Sadia Idnan hat nur eine Duldung als Geflüchtete erhalten, kommt ursprünglich aus Pakistan und ist in Saudi-Arabien aufgewachsen. Zum Stichtag 31. Oktober 2022 lebte sie fünf Jahre und drei Monate in Deutschland und war damit eine Kandidatin für den Chancenaufenthalt. Im vergangenen Jahr wurde er von der Ausländerbehörde des Landkreises bewilligt.

Eigene Wohnung und Arbeit

"Jetzt bin ich glücklich. Dieser Chancenaufenthalt ist für mich wie ein offenes Fenster, ich kann wieder atmen", erzählt Sadia Idnan. Denn die Angst vor der Abschiebung ist weg, und sie konnte endlich mit ihren Kindern in eine eigene Wohnung ziehen. Die ausgebildete Kindergärtnerin lernte Deutsch und bekam nach einer Weiterbildung einen Job bei der Awo Lausitz als Sozialbetreuerin in einem Seniorenheim.

Jetzt bin ich glücklich. Dieser Chancenaufenthalt ist für mich wie ein offenes Fenster, ich kann wieder atmen.

Sadia Idnan | Geflüchtete

Was ist der Chancenaufenthalt?Der sogenannte Chancenaufenthalt ist ein Aufenthaltstitel, der langjährig geduldeten Ausländern die Chance auf ein Bleiberecht in Deutschland gibt. Das Gesetz zum Chancen-Aufenthaltsrecht ist am 31. Dezember 2022 in Kraft getreten.

Nach dem neuen Gesetz können Menschen, die zum 1. Oktober 2022 mindestens fünf Jahre in Deutschland geduldet oder gestattet waren oder sich hier mit einer Aufenthaltserlaubnis aufgehalten haben, eine Art Aufenthaltserlaubnis auf Probe erhalten. Die Aufenthaltserlaubnis gilt für 18 Monate und für Angehörige gemeinsam.

Die Regelung gilt nicht für Straftäter und Menschen, die zu ihrer Identität wiederholt vorsätzlich falsche Angaben gemacht haben. Wer überwiegend selbst für seinen Lebensunterhalt aufkommt, ausreichende Deutschkenntnisse und eine geklärte Identität vorweisen kann, kann am Ende der 18 Monate ein dauerhaftes Bleiberecht bekommen.

Herausforderung: Motivation für Chance zum Neustart

Sadias Geschichte ist auch für Khabat Ibo vom Verein Immigrants Network ein Erfolg. In Hoyerswerda gebe es 30 Geflüchtete, die ebenso wie Sadia Idnan den Chancenaufenthalt bereits bewilligt bekommen haben. 14 Anträge würden noch bearbeitet, erzählt er bei der Dialogkonferenz. Eine der größten Schwierigkeiten sei es, die Geflüchteten aus dem Heim herauszuholen und zu motivieren, sagt Khabat Ibo. Denn sie hätten viele Jahre in Asylunterkünften ohne Privatsphäre und ohne Arbeit gewohnt.

"Der Übergang war für die Geflüchteten enorm problematisch. Zu begreifen: Jetzt habe ich eine Chance, ich kann ein neues Leben beginnen." Hinzu komme der Zeitdruck. Denn innerhalb von 18 Monaten müssten sie Sprachkenntnisse sowie eine Arbeit oder Ausbildung nachweisen. Gelinge dies nicht, würden sie zurück in die Duldung fallen.

Der Übergang war für die Geflüchteten enorm problematisch. Zu begreifen: Jetzt habe ich eine Chance, ich kann ein neues Leben beginnen.

Khabat Ibo | Vereinsvorsitzender Immigrants Network Hoyerswerda

Die Mitglieder des Vereins Immigrants Network unterstützen in Hoyerswerda Geflüchtete. Außerdem organisieren sie verschiedene Veranstaltungen, um Deutsche und Migranten zusammenzubringen. Bildrechte: Verein Immigrants Network Hoyerswerda

Anlaufstelle für Geflüchtete

Der Verein Immigrants Network unterstützt die Geflüchteten deshalb bei der Arbeits- und Wohnungssuche, beim Erlernen der deutschen Sprache und beim Kennenlernen der deutschen Kultur und der Menschen. Wie Khabat Ibo, der aus Syrien kommt, sind auch die meisten anderen Vereinsmitglieder Migrantinnen und Migranten. Seit fünf Jahren sind sie in Hoyerswerda Anlaufstelle für viele Geflüchtete und haben inzwischen viele Kontakte geknüpft.

Wie viele geduldete Geflüchtete bekommen den Chancenaufenthalt?Im Landkreis Bautzen haben bis Juni 2024 insgesamt 255 geduldete Geflüchtete einen Antrag auf Chancenaufenthalt gestellt. Davon hat die Ausländerbehörde bisher etwas mehr als die Hälfte bewilligt, 49 Anträge wurden abgelehnt und 39 sind noch in Bearbeitung.

Für den Landkreis Görlitz liegen keine Zahlen vor, da die Ausländerbehörde dazu keine Statistik erfasst.

In ganz Sachsen wurden Stand Februar 2024 rund 4.700 Anträge gestellt.

Gute Erfahrungen in Oßling

Einer dieser Kontakte ist Frédéric Robert-Kasper. Der Geschäftsführer bei der Lausitzer Grauwacke GmbH will bei der Dialogkonferenz ebenfalls Mut machen und erzählt deshalb von seinen Erfahrungen mit Geflüchteten und wie sie die Stimmung in der Belegschaft geändert haben.

Die Lausitzer Grauwacke GmbH betreibt einen Steinbruch in Oßling und gehört zu einem großen Baukonzern. Vor drei Jahren habe er bewusst einen geflüchteten jungen Mann aus Guinea eingestellt, erzählt der gebürtige Franzose. Dabei war ihm durchaus klar, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ausländern gegenüber eher skeptisch eingestellt waren.

"Meine Erfahrung ist, dass Diskriminierung von Angst kommt und Angst von Unkenntnis", sagt Frédéric Robert-Kasper. Hier in der Region gebe es wenig Ausländer, die Menschen setzten sich damit kaum auseinander. Auch deshalb habe er ein Statement setzen und die Leute konfrontieren wollen. "Ich hatte Glück dabei, weil wir jemanden gefunden haben, der sehr tüchtig ist." Die Stimmung der Belegschaft habe sich tatsächlich gedreht, sie würden ihren neuen Kollegen gut unterstützen. Inzwischen hat Frédéric Robert-Kasper eine zweite Geflüchtete im Büro eingestellt: Najia Karimi, die sich auch im Verein Immigrants Network engagiert.

Meine Erfahrung ist, dass Diskriminierung von Angst kommt und Angst von Unkenntnis.

Frédéric Robert-Kasper | Geschäftsführer Lausitzer Grauwacke GmbH

Wunsch: Als Familie zusammenleben

Der Geschäftsführer wünscht sich, dass mehr Unternehmen den Mut haben, Geflüchtete einzustellen. Auch wenn es manchmal mehr Aufwand bedeute: "Aber als Unternehmer ist es auch unsere Aufgabe, da wo wir helfen können, zu helfen." Noch aber haben viele Firmen Vorbehalte, das weiß auch Khabat Ibo. Deshalb sei es oft eine Herausforderung, Arbeit für Geflüchtete zu finden, damit sie die Bedingungen für den Chancenaufenthalt erfüllen.

Bei Sadia Idnan ist es gelungen. Jetzt hat sie nur noch einen Wunsch: Dass ihr Mann aus Saudi-Arabien auch nach Deutschland kommen kann, damit sie als Familie hier zusammenleben können.

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Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 18. Juni 2024 | 16:30 Uhr