Food Sharing Gegen Lebensmittelverschwendung: "Fairteiler" an der Post in Bautzen

Die Lebensmittelpreise steigen. Um so ärgerlicher ist es, wenn aufgrund von Überproduktion oder eigenen Fehlkäufen Essen im Müll landet. Hier kommen die Foodsharer - zu Deutsch Lebensmittelteiler - ins Spiel. Das sind Leute, die Nahrungsmittel, bevor diese schlecht werden, umverteilen. So sollen sie in die Hände derer gelangen, die sie gerade brauchen. Eine solche Verteilstation läuft mittlerweile in Bautzen ziemlich gut.

Foodsharing in Bautzen
Christin Wegner hat das Konzept des Lebensmittelteilens in Köln erlebt, für gut befunden und die Idee in Bautzen umgesetzt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Zügig wuchtet Christin Wegner eine Kiste mit Obst und Gemüse aus dem Auto und trägt sie ins braungrau verputzte alte Pförtnerhäuschen. Kiste für Kiste packt die Bautzenerin in dem winzigen Raum auf Fensterbänke und in zwei schmale Regale. Als sie vor einer halben Stunde die Teilstation für Nahrungsmittel am Postgebäude aufgeschlossen hatte, seien die Regale "rappelvoll", gewesen sagt Wegner und guckt auf die inzwischen entstandenen Lücken. Gerade am Anfang gehe viel weg. Manch einer warte kurz vor den Öffnungszeiten schon am Häuschen beim Postplatz.

Essen vor dem Mülleimer retten

Seit dem Sommer 2020 betreibt Wegner gemeinsam mit anderen Engagierten in Bautzen ein sogenanntes Foodsharing - was sich mit "Essen teilen" übersetzen lässt. Foodsharing ist eine deutschlandweite Bewegung, die die 34-Jährige während ihrer Zeit in Köln kennengelernt hatte.

Es geht darum, Lebensmittel, die man selbst nicht verbraucht, wieder in den Nutzungskreislauf zu bringen und eben nicht in den Müll zu schmeißen. So können im Sommer Kleingärtner überzählige Zucchinis oder Äpfel zum Foodsharing bringen. Wer kurzfristig verreist, kann abgepackte Waren, die die Abwesenheit nicht überstehen werden, in den Kühlschrank des Pförtnerhäuschens stellen.

Foodsharing in Bautzen
Dieses Obst und Gemüse wäre im Müll gelandet. Die Foodsharer von Bautzen haben es aus Supermärkten abgeholt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Kostenfreies Angebot für jeden

Es gehe um Nachhaltigkeit, sagt Wegner. "Jeder kann kommen und sich bedienen. Es muss für die Lebensmittel nichts bezahlt werden", betont sie. Auch bestehe keine Verpflichtung zu tauschen.

Ein Mittvierziger biegt mit einem Kleinkind im Fahrradanhänger um die Ecke. Der Bautzener holt öfter beim Fairteiler Lebensmittel ab. Als Altenpfleger und wegen der Fahrtkosten fürs Pendeln müsse er aufs Geld gucken, erzählt er. Nun steigen auch noch die Lebensmittelpreise. Da sei er für die Foodsharing-Station dankbar. "Manche nehmen aber von hier auch viel Zeug ohne Sinn und Verstand mit. Das ist schade, wenn andere darauf angewiesen sind."

Wegner: Keine Konkurrenz zur Tafel

Man sei mit dem Fairteiler keine Konkurrenz zu den Tafeln, die sozialschwache Menschen mit Essen unterstützen, verneint Wegner. "Für uns steht nicht die Bedürftigkeit im Mittelpunkt." Im Grundgedanken gehe es darum, dass Privathaushalte miteinander teilen. Und es gehe darum, unverkäufliche und überproduzierte Lebensmittel des lokalen Handels "zu retten".

So füllen sich jetzt im Frühjahr die Regale vor allem mit unverkäuflichen Obst und Gemüse aus Supermärkten, das die etwa 30 Mitglieder des Foodsharing-Vereins holen und im Pförtnerhaus abladen. "Wir nehmen die Sachen, die die Tafel nicht will oder wo es sich für sie wegen der zu kleinen Mengen nicht lohnt, es abzuholen".

Foodsharing in Bautzen
Foodsharing funktioniert nur, wenn man respektvoll mit dem kostenfreien Angebot umgeht. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Ständiges Kommen und Gehen

Ein 18-jähriges Mädchen huscht derweil aus der Foodsharing-Station. Es trägt jetzt einen Blumenkohl in seinem Stoffbeutel: "Es ist ja Wahnsinn, dass das weggeschmissen wird", bemerkt es. Eine Seniorin befestigt unterdessen mit Bedacht einen Beutel Orangen an ihrem Fahrrad. Sie hole immer mal was für eine Bekannte, die schlecht laufen könne, erzählt die 74-Jährige.

Wenig später poltern drei junge Männer ins Pförtnerhaus. Eine schwere Deowolke schwebt über den Geruch von ungewaschener Kleidung. Sie scannen Obst und Gemüse und düsen schließlich mit einer Brötchentüte wieder ab.

Ein Unterstützer des Foodsharings ist Axel Reinke, der sein Taxibüro im Postgebäude hat und gerade Feierabend macht. "Ich finde gut, dass es so was gibt", sagt Reinke. "Die Möglichkeit, hier Lebensmittel abzugeben, wenn man mal ein paar Tage zu den Enkelkindern fährt."

Foodsharing in Bautzen
Axel Reinke ist ein Unterstützer des Foodsharing-Konzeptes. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Durchschnittlich 50 Männer und Frauen steuern täglich das alte Pförtnerhäuschen an. Am Mittwoch gibt es eine extra Teil-Station im Mehrgenerationenhaus im Stadtteil Gesundbrunnen. Nun, da das Wetter schöner wird, soll auch das Fairteiler-Fahrrad mit seinen Körben aufgestellt werden. "Das wandert durch verschiedene Bautzener Stadtteile und jeder kann seine Lebensmittel teilen", sagt Wegner.

Foodsharing in Bautzen
Christin Wegner hat ein altes Pförtnerhäuschen zu einer Tausch- und Verteilstation für Nahrungsmittel gemacht. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Foodsharing in weiteren Städten geplant

Sachsenweit gibt es mehr als ein Dutzend Kommunen mit Foodsharing-Netzwerken. In der Oberlausitz findet man neben Bautzen auch in Görlitz eine etablierte Teilstation. In Hoyerswerda, Bischofswerda und Kamenz werden im Moment weitere aufgebaut, berichtet Wegner.

Hand mit weißem Gummihandschuh hält Smartphone mit Resteretter-Webapp und trägt "Brötchen" ein. Unscharf im Hintergrund auf Zeitungspapier Lebensmittelreste vom Obst, Backwaren. 4 min
Bildrechte: MDR
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Das Erste Mi 27.10.2021 17:15Uhr 03:33 min

https://www.mdr.de/wissen/resteretter/video-brisant-resteretter-brot-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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MDR (ma)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 22. April 2022 | 15:30 Uhr

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