Giftige Altlasten Tagebaurestlöcher Heide sind eine Gefahr

Es klingt unglaublich: Ein giftiger See inmitten des Lausitzer Seenlandes bei Lauta. Eigentlich ein Naturidyll. Doch Schadstoffe bedrohen die Umgebung. Anwohner und Bündnisgrüne fordern Messstationen und Abhilfe, denn es fehlt bislang ein Sanierungskonzept für die Tagebaurestlöcher Heide V und Heide VI.

Tagebau Heide V in Lauta und Seeadler mit Fisch
Ein Seeadler an den Tagebaurestlöchern Heide: leider nur ein Wunschtraum (MDR SACHSEN/Grafik) Bildrechte: MDR, MDR Uwe Walter/IMAGO_kolbert-press/PantherMedia_imagepluss

Es scheint ein Tagebaurestloch zu sein, wie viele in der Oberlausitz. Ein zartes Frühlingslüftchen weht über das Wasser, Wellen schwappen an die Böschung. Im grünen Wasser spiegeln sich Sonne und Wolken. Doch kein Laut stört die Ruhe. Keine Ente ruft, kein Schwan leuchtet weiß in der Ferne, kein Haubentaucher verschwindet und auch kein Reiher stakst durch das flache Wasser. Die beiden Tagebaurestlöcher Heide V und Heide VI bei Lauta sind eingezäunt. Schilder weisen auf das Betretungsverbot und die Lebensgefahr hin.

Kaputtes Verbotsschild auf dem Waldboden.
Eigentlich sollen Schilder vor dem Betreten des Restloches Heide V warnen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Doch einige Schilder liegen zerstört am Waldrand, der Maschendrahtzaun hat Löcher. Trampelpfade ziehen sich am Ufer des Tagebaurestloches entlang, obwohl das Wasser nach Angaben eines Anwohners aus dem benachbarten Dorf Lauta eine gefährliche Brühe ist. "Das Wasser weist alarmierende Werte nicht nur von Schwermetallen auf, sondern auch von Arsen, Vanadium und Fluorid!"

Nach Angaben des Sächsischen Landesamtes für Umwelt Landwirtschaft und Geologie werden sogenannte Dringlichkeitswerte für Arsen um das 22-fache, für Vanadium um das 143-fache überschritten und für Fluorid 16-fach. Wenn ein Dringlichkeitswert überschritten ist, müssten Eigentümer und Behörden eigentlich sofort handeln.

Uferbereich  Tagebaurestloch Heide V.
Ein idyllisches Fleckchen, doch im Wasser lauern giftige Altlasten. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Rotschlamm ist der Verursacher

Baden in den Restlöchern Heide V und Heide VI wäre lebensgefährlich. Keiner weiß, welche Folgen auch langfristig ein Kontakt mit dem Cocktail aus Schwermetallen und Giften für den Menschen nach sich zieht. In die einstigen Braunkohletagebaue wurden bis zum Ende der DDR Rotschlämme aus dem nahen Aluminiumwerk entsorgt, mehr als zwei Millionen Kubikmeter. Ein Anwohner will die Daten kennen.

Die Dicke dieser Rotschlammschicht ist unterschiedlich, von sechs bis 14 Meter und bei der einstigen Einspülstelle bis 17 Meter. Darüber befinden sich eine Faulschlammschicht und bis zu 22 Meter Wasser.

Anwohner Lauta-Dorf

Anwohner und Bündnisgrüner Jens Bitzka vor Maschendrahtzaun.
Ein Anwohner erklärt Anwesenden, darunter auch dem Bündnisgrünen Jens Bitzka, die Gefahr, die von den Restlöchern ausgeht. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

"Diese Schlammschichten sind extrem schadstoffbelastet", meint der Oberlausitzer, der seinen Namen nicht genannt haben will. Aus diesen Schichten werden jetzt die Schwermetalle und die Gifte ausgewaschen und können jetzt auch die Umgebung gefährden. Auch deshalb, weil nach dem Ausklingen des Braunkohletagebaus in der Region der Grundwasserspiegel steigt. Nicht nur Oberflächenwasser fließt in und aus den Restlöchern, sondern auch Grundwasserströme, meint die Chefin des Bautzner Kreisverbandes von Bündnis 90/Die Grünen, Susann Kolba: "Wir haben einen täglichen Grundwassereinstrom von 168 Kubikmetern und einen Ausstrom in nordwestlicher Richtung von 78 Kubikmetern pro Tag!"

Die 40 Hektar großen Restlöcher liegen oberhalb und so fließt die Brühe schön runter durchs Dörfchen und dann in den Erikasee, der teils Naturschutzgebiet ist, aber auch touristisch genutzt wird.

Susann Kolba Bündnis 90/Die Grünen

Anwohner und Bündnisgrüne Susann Kolba vor Sperrschild.
Anwohnerin und Bündnisgrüne Susann Kolba Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Um die Gefahr abschätzen zu können, fordern die Grünen und einige Anwohner Messstellen in und an den Restlöchern, aber auch in der Umgebung.

Gefahren bekannt, Zuständigkeiten unklar

Die Messergebnisse müssen jederzeit öffentlich einsehbar sein, meint Susann Kolba als Anwohnerin. Die Verseuchung des Grundwassers könnte gravierende Folgen für die Gesundheit haben. Florid beeinflusst die Funktion der Schilddrüsen, kann zu Gelenkschmerzen führen und Knochenveränderungen auslösen. Vanadium wird mit Atemwegserkrankungen in Zusammenhang gebracht und auch mit Darmbeschwerden. Mithilfe von Arsen können Lebewesen vergiftet werden.

Die Gefahr, die von den Restlöchern Heide V und VI ausgehen, sind seit Jahren bekannt. Deshalb hat der Bergbausanierer LMBV bereits vor sechs Jahren aufwendig einen maroden Damm saniert. Die bundeseigene Gesellschaft zur Entwicklung und Sanierung von Altstandorten mbH sicherte als Eigentümer die Uferbereiche. Doch ein komplettes Sanierungs- oder Entwicklungskonzept für die Altlasten gibt es bis heute nicht.

Möglicherweise liegt es an den Zuständigkeiten, vermutet Susann Kolba: "Wir stehen hier an der Grenze zu Brandenburg, da gibt es das Bergaufsichtsamt, in Sachsen das Oberbergamt. Wir haben den Bergbausanierer LMBV in Senftenberg, wir haben die GESA mit Sitz in Leipzig sowie in Berlin. Und wer macht da wo was?"

Tagebaurestloch Heide V.
Still ruht der See. Aber das Wasser ist voller Schadstoffe. Wahrscheinlich sind deshalb auch keine Tiere zu sehen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

GESA als Eigentümer bleibt stumm

Die GESA hat als Eigentümer der Seen bislang auf Anfragen von Bürgern nicht reagiert, auch auf Nachfragen von MDR SACHSEN nicht. Sachsens Umweltstaatssekretär Gerd Lippold kennt das Gerangel um Zuständigkeiten: "Da werden schon mal Papiere hin und her geschoben!" Lippold will versuchen, alle beteiligten Behörden zusammen mit interessierten Anwohnern an einen Tisch zu holen, um zunächst eine Bestandsaufnahme zu machen und anschließend nach Lösungen für das Problem zu suchen.

Eine schnelle Lösung wird es schon aufgrund der Finanzierung nicht geben, vielmehr wird sich die Sanierung dieser Altlasten möglicherweise sogar über Jahrzehnte hinziehen.

Gerd Lippold Umweltstaatssekretär Sachsen

Doch trotz der giftigen Brühe vor seinen Augen in Heide V und VI gibt sich der Umweltstaatssekretär optimistisch: "Auch der längste Weg beginnt immer mit einem ersten Schritt und den werden wir jetzt machen."

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalstudio Bautzen | 19. Mai 2021 | 14:30 Uhr

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