Bildungszentrum Neue Heimat Sachsen: Ausstellung zu Flucht und Vertreibung

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden mehr als eine Million Vertriebene und Flüchtlinge allein in Sachsen eine neue Heimat. Ein neues Bildungs- und Begegnungszentrum für Flucht und Vertreibung in der Oberlausitz greift jetzt ihre Geschichte auf.

Gegenstände einer Ausstellung in Knappenrode zu Flucht und Vertreibung.
Am Sonntag ist in der Energiefabrik Knappenrode ein neues Bildungs- und Begegnungszentrum eröffnet worden. Bildrechte: MDR/Viola Simank

Ein alter Eisenbahnwaggon durchbricht die Außenwand eines Gebäudes und ragt auf die Straße. Das ist das erste, was Besuchern der neuen Begegnungsstätte auf dem Gelände der Energiefabrik Knappenrode vor dem Betreten des Zentrums ins Auge fällt. "Den haben wir nachbauen lassen", sagt Jens Baumann, Beauftragter für Vertriebene und Spätaussiedler der Sächsischen Staatsregierung. Der Waggon soll die Zerrissenheit der Situation symbolisieren, führt er aus. "Man musste irgendwie weg, seine Heimat verlassen und hatte einen Bruch in seinem Leben."

Das außerschulische Bildungs- und Begegnungszentrum mit dem Namen "Transferraum Heimat" ist an diesem Sonntag offiziell eröffnet worden. Das Zentrum will die Umstände und Hintergründe vergangener und aktueller Fluchtbewegungen insbesondere der jungen Generation vermitteln.

Zeitzeugen erzählen ihre Geschichte

Baumann hat gemeinsam mit vielen anderen lange an der Umsetzung von "Transferraum Heimat" gearbeitet. Man wollte möglichst viele Fragen beantworten, wie der Beauftragte für Vertriebene und Spätaussiedler anreißt: "Wo haben die Vertriebenen gelebt, was hat ihnen die Heimat bedeutet, was bedeutet auch heute Heimat für uns, was waren die Ursachen der Flucht und Vertreibung und wie ging die vonstatten, unter welchen Umständen..."

Jetzt gibt es in Knappenrode den ersten Teil der Ausstellung zu sehen. Er befasst sich mit der Vertreibung Deutscher nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Schicksale der Menschen, die damals fliehen mussten, werden mit Texten und sparsam eingesetzten historischen Gegenständen erzählt. Man sieht beispielsweise einen alten Kinderwagen aus Ostpreußen und Glasknöpfe aus Böhmen. Außerdem kommen in kurzen Filmen Zeitzeugen mit ihrer ganz persönlichen Fluchtgeschichte zu Wort.

Gegenstände einer Ausstellung in Knappenrode zu Flucht und Vertreibung.
Mit diesem Koffer trug ein Vertriebener seine Habseligkeiten. Bildrechte: MDR/Viola Simank

Großes Interesse auch bei jungen Leuten

Das Interesse an dem Thema sei nach wie vor da, sagt Frank Hirche vom Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler. Er spüre ganz deutlich allein in seinem Bekanntenkreis, dass immer mehr Jüngere sich diesem Thema widmeten. Erst kürzlich bekam er wieder Anfragen von jungen Leuten, die mehr von dem Herkunftsort ihrer Großeltern erfahren wollten und dazu beim Landesverband nach Unterlagen suchten, wie Hirche berichtet.

Deshalb ist der "Transferraum Heimat" vor allem auch als Lernort für Schülerinnen und Schüler gedacht. Hier könnten sie anschaulich und spannend dieses Kapitel der Geschichte erkunden, sagt Baumann. Das geht so weit, dass Besucher mit Hilfe einer VR-Brille selbst eine Flucht "erleben" können. Natürlich seien da die Schrecken nicht ganz so dargestellt, so der Vertriebenen-Beauftragte. Dass auch Menschen erschossen wurden und es Überfälle gab, das werde mit angerissen aber nicht im voyeuristischen Sinne.

Gegenstände einer Ausstellung in Knappenrode zu Flucht und Vertreibung.
Litfaßsäulen erzählen die historischen Ereignisse. Bildrechte: MDR/Viola Simank

Voraussichtlich im kommenden Jahr soll der zweite Teil von "Transferraum Heimat" eröffnet werden. Darin geht es dann um das Leben der Vertriebenen und Aussiedler in Ost- und Westdeutschland. Ein dritter Teil wird sich schließlich mit der Situation von Flüchtenden heute beschäftigen.

Quelle: MDR/vis/ma

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport | 12. September 2021 | 13:00 Uhr

6 Kommentare

Matthi vor 1 Wochen

Sie haben recht es wurde vorsätzlich von Alliierten auf flüchtende Deutsche Zivilisten geschossen. Dazu darf man nicht vergessen das Deutsche Zivilisten in Polen und Tschechien interniert wurden und es zu Erschießung Raub und Vergewaltigung gekommen ist. Die Deutschen Kriegsverbrechen wurden verfolgt die von den Siegermächten so gut wie gar nicht das gehört auch zur Wahrheit.

Basil Disco vor 1 Wochen

Das kommt natürlich erst zu einem Zeitpunkt, an dem praktisch alle Zeitzeugen nicht mehr leben. Was soll das heissen: "Dass auch Menschen erschossen wurden und es Überfälle gab, das werde mit angerissen aber nicht im voyeuristischen Sinne."? Flüchtlingstrecks wurden von Tieffliegern beschossen, auch auf der zugefrorenen Ostsee so dass die Menschen mit ihren Wagen im Eis einbrachen, ein mit Flüchtlingen überfülltes Passagierschiff versenkt. Ich wollte das Thema nur mal "anreißen".

Frank von Broeckel vor 1 Wochen

Der absolut entscheidende Punkt in dieser Angelegenheit ist jedoch, das die nach dem zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen Binnenflüchtlinge(!) waren, die eben nicht über zehn Ländergrenzen hinweg in ganz andere Staaten fliehen mussten!

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