Reportage Selbstversuch: Homeschooling im Zoo von Hoyerswerda

Um Eltern den Spagat zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice zu erleichtern, stellt der Zoo Hoyerswerda kostenfrei Wlan rund um seinen Wasser-Matsch-Spielplatz zur Verfügung. Funktioniert ein Zoobesuch auch mit Homeschooling? MDR-Reporterin Madeleine Arndt hat es ausprobiert.

Zettel mit Wlan-Code liegt auf einem Laptop
Im Internet surfen, während mein Großer auf dem E-Auto ein paar Runden dreht. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Als Mutter, die zweimal Kleinkind- und Kindergartenjahre erfolgreich geschafft hat, kann ich mir Homeoffice am Spielplatz schlecht vorstellen. Keines meiner beiden Kinder hat auch nur eine halbe Stunde am Stück gespielt, ohne mich krakeelend auf etwas ganz Tolles aufmerksam zu machen oder vom Klettergerüst einen ungeplanten Abgang in meine Arme zu vollziehen. Aber es soll ja auch ausgeglichene Charaktere geben, die buddhagleich im Sand sitzen und stundenlang Matsch von der einen Seite auf die andere schaufeln können.

Mal weg vom Küchentisch

Und doch hat das neue Angebot des Hoyerswerdaer Zoos von Wlan und Kaffeeflatrate eine Saite in mir zum Klingen gebracht. Endlich mal raus und nicht im Zimmer hocken. Mit den achtjährigen Jungs – mein Sohn und ein Klassenkamerad - ist eigentlich Homeschooling am Küchentisch angesagt. Aber so eine Miniklassenfahrt wäre doch nicht schlecht und gibt es nicht auch in Schulen Grüne Klassenzimmer zum Lernen im Freien? Damit steht der Entschluss fest: Wir gehen für Mathe in den Zoo. Also Termin gebucht, mit den Kindern in drei Tütchen für Corona-Schnelltests gespuckt, dazu die Formulare ausgefüllt, Masken eingepackt, Fahrt- und Gehzeiten berechnet.

Pinguine stehen stramm am Beckenrand
Statt Homeschooling am Küchentisch probieren wir heute Grünes Klassenzimmer mit Pinguinen im Zoo. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Um 9:35 Uhr stehe ich angespannt an der Kasse. Wir sind fünf Minuten zu spät. Kommen wir trotzdem rein oder haben wir unser Zeitfenster verpasst? Ich hoffe, dass unsere Corona-Selbsttests akzeptiert werden. Noch ein Schnelltestzentrum aufzusuchen, hätte unsere Vormittagsplanung gesprengt.

Der Blick der Kassiererin wandert zwischen den Corona-Test-Auskünften und uns hin und her, dann nickt sie und lässt uns rein. Ich schalte erleichtert drei Gänge runter und die Jungs rennen aufgeregt zum Tropenhaus. Das ist wegen Corona zu.

Tropenhaus ist geschlossen

Schade, denn es regnet etwas und ein Dach über dem Kopf wäre schön. Wir laufen weiter zur Besucherhütte am Bärengehege und damit Zoodirektor Eugène Bruins direkt in die Arme. Der zerlegt in der Hütte – ein Gewehr. "Ich habe gerade mit unserem neuen Narkosegewehr einen Steinbock in Narkose gelegt und der kriegt jetzt Klauenpflege", erklärt uns der Zoo-Leiter. Sonst habe der Tierarzt die Tiere immer mit einem Blasrohr betäuben müssen. Jetzt mit dem Gewehr sei es ideal, sagt Bruins zufrieden. "Da kriegt das Tier ‘nen Pfeil in Arsch und geht schlafen."

Blick auf den leeren Spielplatz
Noch regnet es und der Spielplatz bleibt unbeachtet. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Die Jungs haben das deftige Wort verpasst, dafür aber den betäubten Alpensteinbock in dem Gehege entdeckt, in welchem sich übrigens auch gerade sämtliche Tierpfleger versammelt haben. Da das Interesse an Klauenpflege und Tierpflegern bei Achtjährigen weniger ausgeprägt ist als bei mir, geht’s weiter zu den Riesenschildkröten, von denen eine gerade einen Ausflug ins Wasserbecken macht.

Gruß von oben

Der Regen lässt nach und wir genießen es, im Moment die einzigen Zoobesucher zu sein. Stefanie Jürß, Eventmanagerin des Zoos, kommt uns mit Schirm entgegen. "Der Regen hat aufgehört", sage ich froh, aber sie erklärt mir, dass sie der Regenschirm hier nicht nur vor Nässe schützt. Überall in den Bäumen des Tierparks sind riesige Vogelnester. Graureiher, 80 Brutpaare, seit der Sanierung des Knappensees seien sie hier heimisch geworden, erklärt die junge Frau. "Deswegen haben wir auch die Warnschilder aufgestellt." Tatsächlich. Unter besonders frequentierten Brutplätzen zieren reichlich weiß gesprenkelte Kreise den Weg. Von nun an gehen wir an diesen Stellen etwas schneller.

Warnschild vor fallendem Vogelkot unter einem Baum
Warnung: Von oben kommt nicht immer nur Regen, sondern manchmal auch ein weißer Vogelgruß. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Gestreichelt wird nur zu viert

Dafür halten wir uns am Streichelgehege mit den Ziegen länger auf. Wegen der Pandemie dürfen nur vier Personen gleichzeitig rein. Und der Zoo hat neue Gäste bekommen: Eltern mit einem Jungen im Kindergartenalter steuern ebenfalls auf die Ziegen zu. Sie haben eine Box mit Futter gekauft. Kurze Abstimmung und der Vater und ich bleiben draußen, während die Mutter mit den drei Kindern coronakonform im Gehege die Tiere streichelt.

Kind am Ziegengehege
Bei den Ziegen: Wegen der Pandemielage dürfen nur vier Personen gleichzeitig ins Streichelgehege. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Unschlagbarer Höhepunkt wird für meine beiden Schuljungs dann der Stopp beim Weißhandgibbon, der agil durch den Käfig turnt, sich wie für einen Klimmzug an eine Deckenstange hängt, um in dieser Position ausgiebig sein Geschäft zu verrichten. Ein weiteres Highlight für die Kids ist zu meinem Erstaunen der Goldfasan. Weil er so wunderbar glänzt, werde ich beauftragt, mehrere Fotos mit meinem Handy zu machen.

Wo setzen wir uns hin?

Inzwischen ist es kurz vor 11 Uhr und es wird Zeit für Mathe. Am Zoorestaurant und am Spielplatz suche ich nach einer geeigneten Sitzgelegenheit. Es gibt weder Tische noch Stühle, die Bänke sind feucht vom Regen. Am Imbiss setzen wir uns schließlich auf zwei überdachte Stufen. Die Jungs haben natürlich keine Lust auf Schule, vor allem nicht auf Mathesachaufgaben. Die habe ich als Kind auch nie gemocht. Ich verspreche, dass sie danach mit den Spielzeug-Elektroautos des Zoos eine Runde drehen dürfen und die Motivationskurve steigt sofort. Homeschooling bleibt herausfordernd, auch im Freien. Wir arbeiten uns Stück für Stück voran.

Ein Goldfasan im Zoo Hoyerswerda.
Suchbild: Der Goldfasan war der Star für meine Jungs. Leider habe ich ihn nicht besser vor die Kamera gekriegt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Während die Jungs grübeln, klappe ich meinen Laptop auf, um das Zoo-Wlan zu testen. Meine Erwartungshaltung ist niedrig, da ich nie im ersten Anlauf Erfolg mit solchen Dingen habe. Tatsächlich bietet mir mein Rechner eine ganze Reihe möglicher Netzwerke für eine Verbindung ins Internet an. Ich wähle "Sambesi" aus, der Name der Zoogaststätte, das erscheint mir logisch. Doch welches Passwort soll ich nur eingeben?

Passwort, bitte!

Nebenan haben die Frauen vom Zoorestaurant den Rolladen des Imbissfensters hochgeschoben. Ich gehe hin, frage nach und ernte erst einmal Ratlosigkeit. Die Imbissfrau greift zum Telefon. Dann schiebt sie mir einen Zettel mit Netzwerknamen und Passwort rüber. "ZKB-Gast" ist das Netzwerk. Ah, darauf wäre ich nicht gekommen. Ich mache einen zweiten Versuch und es klappt. Ich kann im Internet surfen. Theoretisch. Neben mir wird gerade ein Männchen an die Matheaufgaben gekritzelt. Also packe ich den Laptop wieder ein und bringe die Jungs zurück auf den Rechenweg. Nach 45 Minuten ist Mathe geschafft und die Kinder cruisen mit den E-Autos über den Platz. Dann gibt es noch Pommes und Eis und wir machen uns auf den Weg nach Hause.

Effektiv war mein Grünes Klassenzimmer nicht, zu Hause erledigen wir also die restlichen Aufgaben wieder am Küchentisch. Dafür hat mein Junge am Abend eine Stunde lang seiner Oma vom Tag im Tierpark erzählt.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen | 29. April 2021 | 05:30 Uhr

1 Kommentar

Kritische Gestern

Ich sah letztens eine Sendung über Dänemark, dort wird bereits an 80 % der Schulen ein Großteil des Unterrichts im echten Leben durchgeführt. Am Hafen, im Wald, in Unternehmen... funktioniert. Es ist sowieso antiquiert, dass 30 Kinder auf unbequemen Stühlen in einem Raum stundenlang nach vorn starren und Zeug abschreiben, was sie zum Großteil nicht verinnerlichen. Abends dann Kopf- und Rückenschmerzen. 19. Jahrhundert pur, wie das deutsche Bildungssystem überwiegend noch funktioniert.

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