Schrumpfende Stadt Die gute Seele vom WK 1 Hoyerswerda

Hoyerswerda gehört zu den am schnellsten und am stärksten schrumpfenden Städten Sachsens. Wohnungen wurden zurückgebaut und die Einwohner werden immer älter. Der Kiosk von Bärbel Rosenberg im Wohnkomplex 1 ist das Herz des Viertels. Hier trifft man sich, tauscht sich aus und kümmert sich umeinander. Mit Kiosk, Sportverein und Jugendclub pulsiert immer noch das Leben in HoyWoy.

Zeitungskiosk von Bärberl Rosenberg im Wohnkomplex 1 Hoyerswerda
Der Zeitungskiosk im Wohnkomplex 1 in Hoyerswerda ist Treffpunkt und Kummerkasten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bärbel Rosenberg schaut durchs Ausgabefenster ihres Kiosks.
Bärbel Rosenberg schaut durchs Ausgabefenster ihres Kiosks. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bärbel Rosenberg arbeitet weiter. Die 69-Jährige betreibt ihren Kiosk seit 25 Jahren und hat auch nicht vor, das kleine Geschäft zu schließen. Zwischen 7 und 11 Uhr von Montag bis Sonnabend ist der Laden offen, und viele Menschen kommen täglich für ihre Zeitung und auf einen kleinen Schwatz. Der Kiosk am Parkplatz ist ein Treffpunkt in einem Stadtviertel, dessen Einwohner in den letzten Jahren viel durchgemacht haben.

Ich häng hier dran und so lange er die Nebenkosten einspielt, höre ich nicht auf.

Bärbel Rosenberg, Kioskbesitzerin

"Hoywoy": Eine Stadt, die schrumpft

Der Wohnkomplex 1 liegt in der Neustadt von Hoyerswerda. Seine Wohnblocks wurden vornehmlich für die Arbeiter der "Schwarzen Pumpe" erbaut. Grundsteinlegung war am 15. Juni 1957. Und zum Baubeginn lebten in ganz Hoyerswerda rund 12.000 Menschen. So wie das Gaskraftwerk "Schwarze Pumpe" ab 1959 wuchs und mehr und mehr Elektroenergie lieferte, so wuchs auch die Bevölkerung der Stadt in der Lausitz. Anfang der 1980er-Jahre lebten mehr als 70.000 Menschen hier, und Hoyerswerda galt als eine der kinderreichsten Städte der DDR. Nach dem Niedergang und der beginnenden Stilllegung der Braunkohleförderung zogen die meisten von ihnen weg. Heute wohnen in der ganzen Stadt noch knapp 32.000 Leute. Damit gehört "Hoywoy", wie es von seinen Einwohnern liebevoll genannt wird, zu den am schnellsten und am stärksten schrumpfenden Kommunen Sachsens.

Die Neustadt in Hoyerswerda
Die Neustadt in Hoyerswerda Bildrechte: Nick Jantschke

Die Wohnungsgesellschaft mbH Hoyerswerda hatte 1990 ca. 15.000 Wohnungen in ihrem Bestand. Davon wurden bisher 6.400 Wohnungen zurückgebaut. Doch es gibt Menschen, die sich für den Erhalt der Wohnkomplexe einsetzen. Nicht nur, dass man hier komfortabel wohnt, mit viel Grün und guter Anbindung an Einkaufsmöglichkeiten und medizinische Versorgung. Die Wohnhäuser sind auch überraschend vielseitig und kreativ erbaut worden. Geräumige Wohnungen mit Balkons, teilweise mit französischen, wandlangen Fenstern, bunten Fassaden und in bester Bauhaustradition sind hier zu finden. Architektin Dorit Baumeister bietet Führungen durch die Neustadt an, die als "Stadt der Moderne" in den 1950er-Jahren auf Ackerflächen errichtet wurde.

Kiosk steht unter Denkmalschutz

Bei Bärbel Rosenberg gibt es Tagespresse und bunte Blätter. Innen ist es klein, aber gemütlich.
Bei Bärbel Rosenberg gibt es Tagespresse und bunte Blätter. Innen ist es klein, aber gemütlich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bärbel Rosenberg zog als 13-jährige mit ihrer Familie hierher. Als Kind des Vogtlands war sie Natur und vor allem lange schneereiche Winter gewohnt. Sich nun in einer modernen Stadt einzugewöhnen, fiel ihr schwer. Doch sie wollte dann nicht mehr weg, wurde Maschinistin in der Brikettfabrik "Schwarze Pumpe", dem Industriegiganten, für dessen Arbeiter die Wohnkomplexe in Hoyerswerda überhaupt erst gebaut wurden. Auch der Kiosk.

Solche wie ihn gab es zu hunderten in der DDR. Betrieben durch die Post gab es hier Zeitungen und Briefmarken zu kaufen. Mittlerweile wurden viele dieser kuriosen Zweckbauten abgerissen. Deshalb steht Bärbel Rosenbergs Kiosk unter Denkmalschutz.

Das Innere des Kiosk ist klein und vollgestopft mit Zeitungen und Zeitschriften. Bärbel Rosenberg weiß von fast jedem Kunden, was er bekommt.
Das Innere des Kiosk ist klein und vollgestopft mit Zeitungen und Zeitschriften. Bärbel Rosenberg weiß von fast jedem Kunden, was er bekommt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Bärbel ist die gute Seele"

Doch in dem Denkmal ist Leben. Jeden Tag kommen dutzende Kunden, kaufen Zeitungen und bunte Blättchen. Sonderwünsche werden auf Bestellung erfüllt, und wenn Bärbel Rosenberg einen ihrer Stammkunden mal einige Tage nicht trifft, dann schaut sie nach, wie es ihm geht. Die Nachbarn bedanken sich mit selbstgemachtem Essen und netten Worten.

Die Bärbel ist die gute Seele vom KW 1 in Hoyerswerda!

Nachbarn und Kunden

Zum WK 1 gehören auch der Jugendclub OSSI. 1964 eröffnet ist er der älteste und mittlerweile auch der letzte Jugendtreffpunkt in Hoyerswerda. Die Mitarbeiter sind stolz auf ihren großen Saal und freuen sich, nach der Corona-Pandemie wieder mehr Angebote machen zu können. Genauso geht es den Ehrenamtlichen vom Sportverein. Endlich wieder Kindergeschrei im Stadion des WK 1.

Zwischen den Wohnblöcken des Wohnkomplexes I in Hoyerswerda hat Bärbel Rosenbergs Kiosk seinen Platz. In ihrem Wohnkomplex kennt Rosenberg alle Nachbarn. Ihre Kunden nennt sie eine Familie. Kommt einer aus dem Wohnkomplex gegenüber bei ihr einkaufen, raunt sie: "Das ist ein 'Auswärtiger'" und lacht.
Zwischen den Wohnblöcken des Wohnkomplexes I in Hoyerswerda hat Bärbel Rosenbergs Kiosk seinen Platz. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Doch immer noch verliert Hoyerswerda Einwohner. Vor allem junge Frauen verlassen die Lausitz. Der Bevölkerungsschwund, Kohleausstieg, Strukturwandel und Energiewende, das sind die Themen, die Hoyerswerda beschäftigen.

Das weiß auch Bärbel Rosenberg, denn die Frau im Kiosk hat ihr Ohr ganz nah an den Menschen, und wenn es nach ihr geht, dann bleibt das auch noch eine Weile so.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 28. Juni 2021 | 16:00 Uhr

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