Konzert Danger Dan in Bautzen: "Wenn ihr das mögt, ist das okay"

Die Stadthalle in Bautzen hat am Sonntag zu einem besonderen politischen Abend eingeladen. Vor ausverkauften Rängen tritt der Rapper Danger Dan auf und besingt mit Klavier und Streichquartett die Risse in der Gesellschaft. Als Ein-Mann-Vorband liest der Autor und Investigativ-Journalist Tobias Ginsburg aus seinem aktuellen Buch über Antifeministen vor. Auch die Gastgeberstadt spielt darin eine gewisse Rolle. Trotz Bedenken bei den Künstlern und Besuchern ist es am Ende ein ruhiger Abend.

Musiker Danger Dan singt beim Konzert "Jamel rockt den Förster" in dem kleinen Dorf bei Wismar.
Danger Dan begeisterte bei seinem Konzert in Bautzen die Besucher und Besucherinnen. In seinem Album "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" werden viele aktuelle politische Debatten aufgegriffen. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Manchmal da hat man den Eindruck, dass Danger Dan mit seinen eigenen Texten kämpft. Beim Song "Ingloria Victoria" holt er mehrmals sichtbar Luft, um die wortreichsten Passagen halbwegs vollständig rauszupusten. An anderer Stelle muss er neu ansetzen, weil ihm die erste Strophe kurzzeitig entfallen ist. Das Publikum an diesem Sonntagabend in der Bautzener Stadthalle scheint ihm das aber nicht übel zu nehmen.

Es passt vielmehr zur Figur Danger Dan, der sonst zur Band Antilopen Gang gehört. Keine pompöse Inszenierung steht im Fokus, sondern Aufrichtigkeit und eine klare Meinung. Auf der Bühne sieht man lange Zeit nur ihn und sein Elektroinstrument.

Dazu passt, dass er auch vor ausverkauften Rängen mit sich hadert. "Ich muss auch zugeben, ich mag dieses Konzept nicht: Mann sitzt am Klavier und singt traurige Lieder", sagt er kurz nach Konzertbeginn. "Das ist nicht so richtig was für mich. Wenn ihr das mögt, ist das okay."   

   

Erfolg mit kritischen Texten

Gemacht hat er es trotzdem. Sein zweites Soloalbum war ziemlich erfolgreich, gewann einige Preise. In seinen Liedern geht es um Querdenker, Sextourismus oder den Klopapiermangel während des ersten Corona-Lockdowns. Das ist mal lockerleicht, mal anprangernd und irgendwie auch alles dazwischen.

Im Verlauf des Konzerts kommt noch ein Streichquartett auf die Bühne. Danger Dan hat ein Lied rausgesucht, dass während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland verboten war und nur durch Glück wiederentdeckt wurde. In "Mein Vater wird gesucht" erzählt ein Kind, wie sein Vater vom Machtapparat der Nazis verfolgt und getötet wird. Der Text stammt von Hans Drach, die Musik von Gisela Kohlmey. Beide Künstler lebten nach 1933 im Exil.

Informationskarten, die über Rechtsextremismus aufklären, liegen verteilt auf einem Tisch.
Am Merch-Stand können sich Interessierte weiter über das Thema Rechtsextremismus und Verschwörungstheorien informieren. Flyer mehrerer Organisationen liegen dort aus. Bildrechte: MDR/Martin Dietrich

Investigativ-Journalist berichtet über Rechtsextreme und Antifeministen

Schon vor dem Auftritt von Danger Dan geht es sehr politisch zu. Als Quasi-Vorband ist der Journalist Tobias Ginsburg gekommen und liest aus seinem neusten Buch vor. Ginsburg war mehr als ein Jahr Undercover bei Männerrechtlern und Faschisten, die feministische Bewegungen als Feindbild stilisieren. In seinem Buch "Die letzten Männer des Westens: Antifeministen, rechte Männerbünde und die Krieger des Patriarchats" berichtet er von seinen Erlebnissen. 

"Ich versuche zu verstehen, was Menschen in diesen Hass hineinreißt", sagt er im Gespräch mit MDR SACHSEN einige Stunden vor seinem Auftritt. Für Neonazis, rechte Esoteriker und autokratische Politiker ist der Antifeminismus laut Ginsburg ein einfaches Instrument, um bei jungen Männern Angst zu schüren, dass sie bald ihre Privilegien verlieren würden.   

"Es geht grundsätzlich um Männlichkeitswahn. Die Vorstellung, wir Männer müssen wieder hart werden, wir brauchen wieder ein starkes Land, weil nur dann können wir Macht bekommen, denn dann sind wir oben und können selbst runterknüppeln", sagt er.

Es geht auch um Bautzens rechte Szene

Für seine Recherche war Ginsburg auch mit Rechtsextremen unterwegs, die nach Bautzen gezogen sind, um die dortige rechte Szene zu unterstützen und auszubauen. Obwohl die sächsische Kreisstadt öfter in seinem Buch erwähnt wird, warnt Ginsburg vor einer Pauschalisierung: "Es ist so, dass natürlich in einer Stadt wie Bautzen oder überhaupt in der Provinz diese Menschen ein bisschen ungenierter in der Öffentlichkeit auftreten können. Das heißt aber nicht, dass es mehr sind. Dieses Gedankengut gibt es überall."   

Bautzen ist polarisiert und war in den vergangenen Jahren immer wieder in den Schlagzeilen. 2016 schlugen Rechtsextreme im Stadtzentrum auf geflüchtete Menschen ein. Bei einer Demonstration gegen die Corona-Politik der Regierung im vergangenen Jahr wurde die Polizei mit Feuerwerkskörpern und Flaschen beworfen.

Eine Konzertbesucherin erzählt in der Pause, wie ihre Freunde, als sie 16 Jahre alt war, auf offener Straße in Bautzen von Neonazis verprügelt worden seien. Die damals minderjährigen Täter sollen eine milde Geldstrafe bekommen haben, was sie als sehr ungerecht empfand.

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Publikum ist begeistert und ein wenig besorgt

Gegen Ende des Konzerts gibt Danger Dan noch seinen Hauptact zum Besten. "Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt" hat auf Youtube und Spotify mehrere Millionen Klicks. Viele Menschen aus dem Publikum können den Text auswendig, manche stehen extra von ihren Sitzen auf, um mit großen Gesten dem Gesagten Nachdruck zu verleihen. 

"Es war ein extrem geiler Abend", sagt ein Konzertbesucher danach. "Ich habe ernsthaft nicht damit gerechnet, dass heute so viele Menschen da sind. Deswegen ist es für mich schon ein sehr großer Hoffnungsschimmer", meint eine andere zufriedene Besucherin.     

Ein weiterer Besucher erzählt, dass er mit einem bedrohlichen Gefühl hergekommen sei. Seine Frau habe ihm geraten, genau zu überlegen, wo man nach dem Konzert hingehe. Die Angst vor rechten Ausschreitungen ist spürbar. "Ich finde es ganz schrecklich, dass es in meiner Heimat so ist", sagt der Mann.

Eine Bühne mit vier Streichern ist zu sehen. Daneben verbeugt sich der Rapper Danger Dan vor seinem Publikum. Die Stadthalle Bautzen ist ausverkauft. Die Leute applaudieren.
Vor ausverkauften Haus bedankt sich Danger Dan bei seinem Publikum. Viele sind glücklich darüber, dass sich Bautzen heute von dieser Seite gezeigt hat. Bildrechte: MDR/Martin Dietrich

Auch Autor Tobias Ginsburg rechnete vor Beginn des Konzerts mit entsprechenden Demos. Danger Dan gab dem Publikum während der Vorstellung den Hinweis, dass sich besorgte Leute am Merch-Stand melden können. Ein Shuttleservice würde sie sicher zum Bahnhof bringen. An diesem Abend sind die Befürchtungen jedoch unbegründet. Gewaltbereite Demonstranten sind nicht in Sicht. Bautzen kann an diesem Tag in Ruhe Danger Dan feiern.

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MDR (mad)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport Bautzen | 04. Oktober 2022 | 14:30 Uhr

2 Kommentare

GuterMensch vor 7 Wochen

@Atheist, ein ziemlich großer Artikel im MDR über einen drittklassigen Künstler.
Tja, wie gehabt, Erziehung geht über alles !

Atheist vor 8 Wochen

Also wenn ich Geld für ein Konzert ausgebe will ich unterhalten aber nicht erzogen werden.

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