Strukturwandel in Hoyerswerda "Der Mensch geht und der Wolf kommt – so ist das nicht"

Hoyerswerda ist seit Jahren im Strukturwandel. Da bietet der besiegelte Kohleausstieg durchaus Chancen. Auch sonst treten die Menschen dem Eindruck entgegen, die Stadt hätte nichts zu bieten. Unsere Reporterin zeichnet ein Stimmungsbild.

Hoyerswerda
Hoyerswerda liegt am südlichen Rand des Lausitzer Seenlandes. Bildrechte: dpa

Ein sonniger Tag im Monat Mai. Von Leipzig aus fahre ich über die A14 nach Dresden, dann rüber auf der A4 Richtung Lausitz. Ich fahre dorthin, wo ich geboren wurde: nach Hoyerswerda.

In den 1980er-Jahren galt die Stadt als kinderreichste der DDR. Von einstmals rund 70.000 Einwohnern leben inzwischen noch rund 32.000 hier – weniger als die Hälfte. Die meisten Menschen gingen, weil in den 90er-Jahren die Braunkohleindustrie in sich zusammenfiel. Zwar ist die Schrumpfung inzwischen gestoppt – aber was heißt das? Was wird aus der Lausitz?

"Heimat, Sprache, Kultur, alles"

Das möchte ich zuerst zwei mir vertraute Menschen fragen, die für verschiedene Generationen sprechen. Meine Freundin Sigrun wohnt mit ihrer Familie am Stadtrand von Hoyerswerda und ist nicht nur Lausitzerin, sondern auch Sorbin. Wer das nicht weiß, sieht es nicht: Im Alltag trägt sie keine Tracht. Trotzdem fühlt sich Sigrun eng mit Brauchtum und Region verbunden: "Hier ist die Heimat, Sprache, Kultur, alles. Ich hab' halt meine Wurzeln hier und für mich ist das wirklich wichtig. Ich spreche zwar im Alltag kein Sorbisch, aber es ist trotzdem wichtig, dass ich weiß, dass es um mich rum ist."

Altes Schloss in Hoyerswerda 2 min
Bildrechte: IMAGO / Werner Otto

Sigruns Tochter Annemarie ist mein Patenkind: schlank, sportlich, singt gern. Mit 16 Jahren hat sie bereits eine wunderbare Altstimme, kann ein bisschen Cello und Klavier spielen und wird in einer Musikklasse des örtlichen Lessinggymnasiums weitergebildet.

Ob es sie auf eine große Bühne zieht, frage ich. Da muss Annemarie lachen: "Ich könnte mir höchstens vorstellen – wenn ich mich mal irgendwann noch ein bisschen mehr traue, was ja schon besser geworden ist – dass ich vielleicht mal irgendwo in einer kleinen Bar oder so singen würde. Aber dann vielleicht mit Leuten, die richtig cool drauf sind."

Auch eine Ausbildung zur Physiotherapeutin oder ab ins Ausland sind Optionen: "Irgendwo in Afrika oder Amerika, da sehe ich mich eigentlich schon."

Mehrheit befürwortet Strukturwandel

Ihre Heimat, mit viel Natur und Kultur, lieben Tochter wie Mutter gleichermaßen. Dazu zählt sorbisches Volksgut genauso wie die Vorbereitung zur Weiberfastnacht. Umso wütender macht es meine Freundin, dass trotz avisierten Kohleausstiegs weiterhin Landschaft in der Lausitz weggebaggert wird.

Rückwärtsgewandt findet das auch die Mehrheit der Befragten im Lausitz-Monitor, denn erstmals überwiegt der Anteil derer, die den Kohleausstieg befürworten. 67 Prozent der Lausitzer sind der Meinung, dass ein tiefgreifender Strukturwandel in der Region notwendig sei. Lediglich 18 Prozent meinen, dass grundsätzliche Veränderungen nicht notwendig seien.

Auf dem Dach des Lausitzcenters in Hoyerswerda flattern Werbefahnen im Wind. Unten in der Einkaufspassage dudelt Centermusik. Überwiegend Rentner bummeln mit Mundschutz die überdachte Ladenzeile entlang – kaufen etwas beim Bäcker oder Imbiss, schauen sich die Auslagen der Geschäfte an. Durch eine Tür und über einen Treppenaufgang erreiche ich die Büroräume des Hoyerswerdaer Tageblattes – die erste Redaktion, in der ich gearbeitet habe.

Nichts Wesentliches fehlt

Mirko Kolodzeij sitzt – coronabedingt separiert – in einem zwei Quadratmeter kleinen Kabuff und bestückt die Online-Ausgabe der Lokalzeitung, die hier das eingelegte Regionalblatt der Sächsischen Zeitung ist. Neben der Tastatur stehen noch der Gurkensalat vom Mittagessen und ein Kaffeebecher. Viel Platz ist nicht mehr.

Wir gehen in die Küche. Auf dem Weg entdecke ich mehrere aufgehängte Zeitungsblätter. Mirko Kolodzeij erzählt: "Jeder, der hier weggeht, bekommt so eine Seite. Das ist so eine Ahnengalerie. Und ich darf nicht weg, weil … hier ist keine Wand mehr." Weiter hinten wäre noch ein Plätzchen. "Ja, da muss ich mich beeilen."

Manche Leuten denken, dass man hier aufpassen muss, dass man hier nicht von der Weltkante runterfällt.

Mirko Kolodzeij Redakteur "Hoyerswerdaer Tageblatt"

Zunächst aber setzen wir uns an den Küchentisch. Durch das geöffnete Fenster dringen leise Stimmen herein. Und Mirko lehnt sich zufrieden lächelnd zurück. Er hat schon für Privatradios in Leipzig und Berlin als Autor, Moderator, Nachrichtensprecher gearbeitet und dort gelebt. Zwischendurch baute er in Hoyerswerda das Lokalfernsehen und Lokalradio mit auf, schrieb nebenbei immer mal fürs Hoyerswerdaer Tageblatt. 2006 fand er hier schließlich seine Heimat: "Dann dachte ich so: für zwei, drei Jahre. Nun sind es inzwischen 15 und mir fehlt eigentlich im Wesentlichen nichts."

Blick auf eine Förderbrücke, Förderanlagen und Abraumhalden im Braunkohletagebau Welzow Süd der Vattenfall AG in Welzow (Brandenburg).
Geprägt durch den Kohleabbau: die Lausitz. Bildrechte: dpa

Kurze Wege zur Arbeit und Erholung. Modern ausgebaute Stadtlinie. Kultur. Sport. Zoo. Cafés – alles da: "Manche Leute denken, dass man hier aufpassen muss, dass man hier nicht von der Weltkante runterfällt. Und so ist es ja nicht. Dieses Bild – der Wolf kommt und der Mensch geht – das ist natürlich ein wunderschönes Narrativ, das man erzählen kann, aber das stimmt nicht."

Sagt der Mitt-Vierziger, der gekommen ist um zu bleiben. Laut Lausitz-Monitor sind 28 Prozent der Bürger, die weggingen, auch wieder zurückgekehrt – die größte Gruppe davon sind einkommensstarke Männer.

Blick in eine Gasse in der historischen Altstadt
Kultur, Cafés – alles da, sagen die Einwohner von Hoyerswerda. Bildrechte: dpa

Studieren in der Großstadt

Doch was sagen junge Menschen aus der Region? Andrea Gabriel ist Gymnasiallehrerin für Deutsch und Englisch am Foucault-Gymnasium Hoyerswerda. Ich bin mit ihr und drei Elftklässlern verabredet: Clara, Cora und Cody. Wir setzen uns an verschiedene Tische im Englischraum. Über uns prangt ein Schild mit dem legendären Ausspruch von Queen Mum aus Weltkriegstagen: "Keep Calm and Carry on – ruhigbleiben, weitermachen!"

Die Jugendlichen haben trotz Corona-Pandemie ihre Ziele fest im Blick: Clara will Medizin bei der Bundeswehr in Bonn oder Hamburg studieren, Cora Psychologie in einer größeren Stadt oder im Ausland und Cody sagt: "Also ich möchte Osteopathie studieren und das ist in der Lausitz auch nicht möglich und deswegen wird es auch erstmal aus der Lausitz rausgehen. Aber später würde ich gern wieder zurückkommen."

Cora schmunzelt: "Ich war überrascht von Cody gerade, weil ich eher höre, dass die Leute wegwollen." Clara bestätigt das: "Ich kenne mehrere, die sagen, die würden gern weg, um was Neues kennenzulernen. Aber es sind halt auch viele, die sagen: 'Ja, warum soll ich hier weggehen? Ich hab' hier alles!'."

Junge Frauen ziehen weg

Clara und Cora – vielleicht auch meine Patentochter Annemarie – stehen für die bedenklichste Zahl im Lausitz-Monitor, denn jede fünfte junge Frau zwischen 16 und 28 will in den nächsten Jahren die Lausitz verlassen.

Auch ihre Tochter ist in eine Großstadt gezogen, erzählt Gymnasiallehrerin Gabriel. In der Familie haben sich damit die Verhältnisse umgekehrt: "Ich selbst war ein Jahr in Russland, war ein Jahr in Amerika, war drei Jahre in Spanien. Und für mich stand fest, dass ich auf gar keinen Fall hier zurück möchte. Da es aber meiner Tochter hier besser ging, sind wir zurückgekommen."

Heute möchte sie nicht mehr weg. Provinz beginnt im Kopf, sagt Andrea Gabriel und hofft, dass ihre Tochter die Sport-, Freizeit- und Arbeitsmöglichkeiten der Heimat wiederentdeckt. Für ein paar Jahre fortzugehen, hält die Lehrerin dennoch für wichtig und begründet. Insofern sieht Andrea Gabriel die Zahlen des Lausitz-Monitors, wonach 45 Prozent aller 16 bis 29-Jährigen sagten, es zöge sie hinaus, grundsätzlich erst einmal positiv.

Wandel länderübergreifend angehen

Im Hoyerswerdaer Rathaus lässt sich Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh in den Sessel fallen und lockert seinen weinroten Schlips. Bis eben hat er noch mit der kleinen Lausitzrunde, also Bürgermeistern aus dem Umland, getagt. Darüber hinaus gibt es noch die große Lausitzrunde mit über 50 Amtskolleginnen und -kollegen aus Sachsen und Brandenburg. Er sagt: "Lausitz ist ein schöner Überbegriff, weil der auch über diese Ländergrenze zwischen Brandenburg und Sachsen springt." Aber leider würden zwischen Brandenburg und Sachsen Unterschiede gemacht. "Das ist nicht gut."

Kandidat Torsten Ruban-Zeh (SPD) lächelt nach der Stimmabgabe zum 2. Wahlgang der Oberbürgermeisterwahl in Hoyerswerda.
Torsten Ruban-Zeh, SPD Bildrechte: dpa

SPD-Politiker Ruban-Zeh denkt zwar länderübergreifend, macht aber mit jedem Handschlag auf die Tischplatte deutlich, dass das Großforschungszentrum für die Lausitz dorthin kommen muss, wo einst die Braunkohleindustrie war und weggebrochen ist: an die sächsisch-brandenburgische Landesgrenze, ins Gebiet zwischen Großräschen, Weißwasser und Hoyerswerda. "Der ganze Strukturwandel findet derzeit im Landkreis Görlitz statt und da kommt Kretschmer her – aus Görlitz. Das kann und darf nicht sein!", sagt Ruban-Zeh.

Als Unternehmer, der in Hoyerswerda erfolgreich einen Globus-Markt geführt und die Arbeiterwohlfahrt in die schwarzen Zahlen gebracht hat, geht der Oberbürgermeister sein neues Projekt – den Aufschwung von Stadt und Region – als Wettbewerb an. An drei Projektvorschlägen für ein Großforschungszentrum ist Hoyerswerda beteiligt. Große Themen: Energie, Wasser, Landwirtschaft. Große Partner: Fraunhofer und Helmholtz.

Forschung und Anbindung

Auch für Datenspeicherung, Großrechenzentren, Baustoffentwicklung sieht der OB Räume. Voraussetzung für alles sei eine schnelle S-Bahn-Anbindung in Richtung Dresden, die schon bald kommen müsse.

Die Bürger möchte er überall mit hinnehmen. Unten am Rathaus zeigt er eine digitale Tafel, auf der sich die Bürger über den Strukturwandel informieren können.

Der Umfrage-Trend zeigt: Knapp 80 Prozent wünschen sich auch klare Visionen von der Zukunft ihrer Region, aber nur jede beziehungsweise jeder Dritte erkennt sie schon. Viel Vermittlungsarbeit liegt noch vor den Verantwortlichen. Wenn 60 Prozent aller Ideen umgesetzt würden, wäre viel erreicht – sagt Hoyerswerdas Oberbürgermeister.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO: Die lange Reportage | 14. Juni 2021 | 10:17 Uhr

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