Europa aus den Fugen? MDR-Europakonferenz widmet sich Erfahrungen einer Grenzregion

In Görlitz haben sich am Dienstag Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Medien mit der grenzübergreifenden Zusammenarbeit befasst. Der MDR hatte unter der Fragestellung "Europa aus den Fugen?" zu einer neuen Auflage der Europakonferenz im Kulturforum Görlitzer Synagoge eingeladen.

Luftbild Görlitz/Zgorzelec
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Die Erfahrungen einer Grenzregion, also des ostsächsischen Dreiländerecks und die kommunale Zusammenarbeit während und nach der Corona-Krise standen im Mittelpunkt der Europakonferenz 2021. Auch aktuelle Spannungsfelder der europäischen Integration sollten in den Fokus genommen werden.

MDR-Intendantin Karola Wille eröffnete das Treffen, bei dem erörtert werden sollte, welche Lehren man aus der Corona-Krise ziehen kann, damit die Region an der Grenze zwischen Sachsen, Polen und Tschechien besser auf künftige Krisen vorbereitet ist.

MDR Intendantin Karola Wille in der Görlitzer Synagoge
MDR-Intendantin Karola Wille eröffnet die Europakonferenz im Kulturforum Görlitzer Synagoge. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Grenzschließungen vermeiden

Im Frühjahr 2020 und zu Jahresbeginn 2021, als die Grenzen nach Tschechien und Polen zeitweise geschlossen waren, führte das zu menschlichen Tragödien. Familien wurden getrennt, Menschen kamen nicht mehr zur Arbeit oder nach Hause. An den Grenzübergängen gab es lange Staus. Deshalb waren sich der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu und sein Zgorzelecer Amtskollege Rafał Gronicz beim Blick in die Zukunft einig.

Geschlossene Grenzen in Europa sind praktisch nicht mehr möglich!

Octavian Ursu, Görlitzer Oberbürgermeister, und sein Zgorzelecer Amtskollege Rafał Gronicz

Görlitzer OB Ursu zwischen zwei Frauen
Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu hält geschlossene Grenzen in Europa für nicht mehr praktikabel. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Ursu wies in diesem Zusammenhang auf die Kindertagesstätten hin, die sowohl von polnischen aus auch von deutschen Kindern in beiden Teilen der Europastadt Görlitz/Zgorzelec besucht werden können. "Viele Eltern nutzen dieses Angebot", so der Görlitzer Oberbürgermeister.

Grenzregion mit großem Potential

Die Grenzregion sei viel enger verzahnt, als es in Warschau und Berlin wahrgenommen wird, betonte auch der Bürgermeister von Zgorzelec, Rafał Gronicz. Deshalb regten beide Stadtoberhäupter gemeinsam eine vereinfachte Gesetzgebung für die Grenzregion an, um künftig Entscheidungen zugunsten der Bürger schneller treffen zu können.

Zgorzelecher Bügermeister Rafał Gronicz beim Interview
Die Grenzregion sei viel enger verzahnt, als es in Warschau und Berlin wahrgenommen wird, meint auch der Bürgermeister von Zgorzelec Rafał Gronicz. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Der ehemalige Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Warschau, Marek Prawda, betonte, dass in den polnischen Grenzregionen viel mehr europäische Energie stecke, als man im Ausland wahrnehme. Zudem sei Polen nicht der Zerstörer der EU, sondern wolle vielmehr die Rolle des aktiven Gestalters einnehmen.

Diskussion um Pressefreiheit

Prawda ging damit auf das Bild ein, das deutsche Medien derzeit vom Nachbarland zeichnen. In diesem Zusammenhang wurde auch die Pressefreiheit in den Nachbarländern diskutiert. Gerade in Polen und Tschechien beklagen Journalisten, dass ihnen derzeit der Zugang zu Informationen verwehrt wird, weil sie möglicherweise in ihren Berichten zu kritisch sind.

Der polnische Botschafter Andrzej Przyłębski meinte, dass jedem Regierungswechsel auch ein Personalwechsel in den Redaktionen nachfolge. Das sei nicht erst seit der nationalkonservativen PiS-Regierung so. In Polen gebe es eine vielfältige Medienlandschaft, die breiter aufgestellt sei als in Deutschland. Und Przyłębski lobte die Gemeinsamkeiten und Verbindungen, die es auf zwischenmenschlicher Ebene zwischen Deutschland und Polen gibt, im kommunalen Bereich und auf kultureller Ebene. Dieses müsse weiter auf- und ausgebaut werden. Ähnlich äußerte sich sein tschechischer Amtskollege Tomáš Kafka.

Neue Synagoge in Görlitz mit Ü-Wagen
Das Kulturforum Görlitzer Synagoge war der Gastgeber für die MDR- Europakonferenz mit zahlreichen Verretern aus Politik, Wirtschaft und Medien. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Europa sei keineswegs aus den Fugen, bilanzierte MDR-Intendatin Karola Wille zum Ende der Europakonferenz 2021 im Kulturforum Görlitzer Synagoge. Trotz aller Probleme sei Europa während der Corona-Pandemie in seiner Vielfalt enger zusammengewachsen.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | RegionalReport | 02. November 2021 | 16:03 Uhr

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