Reparaturwerkstatt Ganzmacher in Bautzen bringen alte Geräte zum Laufen

22. Januar 2023, 12:19 Uhr

Bloß nicht wegwerfen! Gerade alte Geräte, die nicht mehr wollen, können gut repariert werden. Das finden "Die Ganzmacher" aus Bautzen. Regelmäßig treffen sich die Tüftler und Techniker, um kaputten Haushaltsgegenständen einen zweiten Frühling zu verschaffen.

Mit der schwarzen Lupenbrille griffbereit auf der Stirn hantiert Rainer Klatte konzentriert an einer Fernbedienung. "Einen 9-Volt-Block hat jemand einen 9-Volt-Block?", ruft es dabei von nebenan, während am Tisch eine alte Nähmaschine faucht. Die Ganzmacher haben sich mit ihren Werkzeugkästen zum Reparaturtreff im Galerieraum des Bautzener Steinhauses zusammengefunden. Es ist noch keine Stunde vergangen und gut 20 Leute stehen mit ihren defekten Geräten in einer Schlange, die sich bis auf den Flur erstreckt.

Der Mann mit den Klebstoffen

Klatte lässt sich von dem Trubel nicht aus der Fassung bringen und behält eine ruhige Hand. Er ist der Klebespezialist bei den Ganzmachern. "Es gibt ja vielfach Kunststoff- und Metallteile, die mit normalem, haushaltsüblichen Klebstoff nicht geklebt werden können", erklärt der Bautzener. Dann rührt er den Zwei-Komponenten-Kleber an, um ausgebrochene Schalter und abgeplatzte Plastikteile wieder an ihren Platz zu bringen. "Ich habe Klebstoffe dabei, die innerhalb von einer Stunde hart werden", so der 75-Jährige. "Dann sag' ich: 'Gehen Sie 'ne Stunde in der Stadt spazieren und dann ist alles fertig'."

Alles, was man mit zwei Händen zu uns tragen kann, versuchen wir zu reparieren.

Lutz Schröder Vereinschef der Ganzmacher

Der Bautzener Lutz Schröder hat 2015 den Reparaturverein "Die Ganzmacher" ins Leben gerufen. "Hier ist immer viel los", sagt der 69-Jährige. Man wolle einen aktiven Beitrag leisten, damit die Müllberge nicht so anwachsen, fügt er hinzu. Die Vereinsmitglieder wagen sich an fast jedes defekte Gerät und gucken erst einmal, wo der Fehler liegt - die Elektronik, die Mechanik. "Alles, was man mit zwei Händen zu uns tragen kann, versuchen wir zu reparieren", sagt Schröder. Im Laufe der Jahre haben sich die zehn Männer und vier Frauen des Vereins in Spezialgebiete eingearbeitet.

Vom Rundfunkmechaniker zum Nähmaschinenspezialist

So gilt der frühere Rundfunkmechaniker Klaus-Peter Niebuhr als Nähmaschinenspezialist. "Die Nähmaschinen kriege nur ich auf den Tisch", sagt der 73-Jährige und lacht. Vor ihm steht gerade eine 17 Jahre alte Novamatic. Ingeborg Funfack aus Zittau hat den Patienten hergebracht. "Die brummt nur, wenn ich sie anmache. Dabei hat bis vorige Woche noch genäht", erklärt die Zittauerin, die zum ersten Mal hier ist. Sie nähe privat sehr viel, doch nun will die Maschine nicht mehr. "Ist der Stoff zu dick gewesen?", überlegt die 67-Jährige laut, während Niebuhr versiert an der Mechanik bastelt und dabei testweise den Fußschalter drückt. Es brummt und faucht.

Die Veritas ist unschlagbar, meistens reicht ein Tropfen Öl, weil sie sich festgefahren hat.

Klaus-Peter Niebuhr Nähmaschinenspezialist

Alte Nähmaschinen ließen sich gut reparieren, so Niebuhr. Zum Beispiel die Veritas, die in der DDR in Wittenberge produziert wurde, sei da unschlagbar. Es reiche meist ein Tropfen Öl, wenn sie sich festgefahren habe. Komplizierte seien neue Geräte: "Die neumodischen Overlocks muss ein Spezialist machen. Da klinke ich mich aus." Für die Zittauerin gibt es schlechte Nachrichten: Der Motor der Novamatic ist hin. Da ließe sich nichts mehr machen, so Niebuhr.

Erfolgsquote liegt bei 60 Prozent

Dafür verlässt gerade Maria Haufe glücklich den Raum. Denn ihr Schwibbogen leuchtet wieder. "Zwei Birnen wurden am Ende eingewechselt", berichtet die Seniorin. Sie sei vor einigen Jahren schon mal bei den Ganzmachern gewesen, die sie, wie sie sagt "ganz toll" findet. "Der Stab hat sich auch vergrößert, so viele waren früher nicht da", sagt Haufe.

Unterdessen spricht Vereinschef Schröder mit potenziellen Neuzugängen. Zwei Männer sind zum Treff gekommen, wollen mitreparieren. Schröder zeigt, wo sie sich hinsetzen können. Die Erfolgsquote bei den Reparaturversuchen liege bei 60 Prozent, berichtet der Vereinschef. Allein bei den 18 Treffen im vergangenen Jahr seien 239 Geräte wieder fit gemacht worden.

Ersatzteile halten die Ganzmacher nicht vor, sagt der 75-jährige Dieter Langer. Der Bautzener und ehemalige Informatiker hatte sich gerade einen verstopften Papierschredder vorgenommen. "In der Regel geben wir den Leuten einen Hinweis. Besorgen Sie das oder jenes und dann machen wir das. Wir haben kein Ersatzteillager. Wir wissen ja gar nicht, was kommt." Super reparieren ließe sich der DDR-Mixer, das RG28-Rührgerät. "Das schmeißt man nicht weg", so Langer.

Ganzmacher reparieren ehrenamtlich

Repariert wird in Form der Nachbarschaftshilfe ehrenamtlich. Wer möchte, kann einen Obolus in die Spendenkasse geben. Lutz Schröders Ehefrau Monika behält bei den ganzen Trubel den Überblick und füllt für jedes kaputte Gerät einen Laufzettel aus. "Das ist für uns für die Statistik. Manchmal muss auch ein Gerät mit nach Hause genommen werden und da haben wir dann die Telefonnummer, dass wir die Menschen anrufen können", sagt die 65-Jährige.

Alte Geräte haben gute Wiederbelebungschancen

Ganzmacher Ralf Schafranski prüft die Kontakte am Schalter eines Akku-Staubsaugers. Fließt noch Strom? Dieter Schneider hat den Staubsauber mitgebracht, weil der Gebläsemotor nicht läuft. Er will das Gerät nicht wegwerfen. "Es ist sehr leistungsfähig." Wenn es am Motor liegt, dann ließe sich relativ preisgünstig ein Ersatzteil kaufen, sagt der Bischofswerdaer. "Die Schalter gibt es definitiv nicht mehr, die Firma verkauft noch den Stiel, der kostet aber 80 Euro."

Gut reparieren lässt sich der DDR-Mixer, das RG28-Rührgerät. Das schmeißt man nicht weg.

Dieter Langer Allrounder

Gute Wiederbelebungschancen haben vor allem alte Geräte. Heutzutage würden viele Sachen nicht zum Reparieren gebaut, bedauert Ganzmacher-Chef Schröder. Dahinter stünden wirtschaftliche Interessen. "Große Unternehmen wollen immer wieder neue Produkte auf den Markt bringen und dadurch ihren Umsatz und Gewinn steigern." So landen viele DDR-Geräte auf den Tischen der Ganzmacher. Aber es kämen auch Leute mit ihre Gerätschaften, wo gerade die Gewährleistungsfrist gerade abgelaufen ist. "Das nimmt zu", so Schröder.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 25. Januar 2023 | 14:30 Uhr

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