Unfallschwerpunkt Aufkleber an Lkw warnen vor Lebensgefahr durch toten Winkel

Die Straße ist ihr zu Hause, sie haben keine Zeit, verdienen wenig Geld und leben gefährlich - Lastwagenfahrer und -fahrerinnen. Immer wieder kommt es in Sachsen zu tödlichen Unfällen mit Fußgängern und Radfahrern. Stichwort: "toter Winkel". Aufkleber an den Lastwagen sollen jetzt auf die Gefahr aufmerksam machen. MDR SACHSEN-Reporter Jens Czerwinka hat sich auf Rastplätzen in der Oberlausitz umgehört.

zwei Rückseiten von LKWs
Seit dem 01. Januar 2021 verlangt Frankreich für Kraftfahrzeuge, die schwerer als 3,5 Tonnen sind, eine zusätzliche Kennzeichnung zur Warnung vor dem "Toten Winkel". Diese Warnung übernehmen nun viele osteuropäische Fahrerinnen und Fahrer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Montagnachmittag. Es nieselt. Langsam füllt sich der Parkplatz an der Raststätte Oberlausitz Süd. Im Fünf-Minuten-Takt rollen Lastwagen auf die noch wenigen freien Parkplätze. Die meisten Fahrer und Fahrerinnen kommen aus Polen, Russland oder Tschechien. Sie sind hier, um ihre Ruhepause von mindestens 45 Minuten einzulegen. Was sofort ins Auge fällt: Viele ausländische Lkw sind mit großen knallroten und gelben Warnschildern beklebt - und zwar an der Fahrerkabine, in der Mitte des Anhängers und hinten an der Laderampe. Auf dem Aufkleber, der in etwa die Maße eines DIN-A4- Blattes hat, steht in großen Buchstaben das Wort ATTENTION und auf Französisch ANGLES MORTS. Heißt so viel wie: Achtung "toter Winkel"! In der Mitte des Stickers ist ein weißer Lastwagen abgebildet, gelbe Streifen zeigen die Bereiche, die der Fahrer nicht einsehen kann.

Günstiges Schild kontra teures Hightech-System

Ein Litauer parkt seinen mit Autos beladenen Brummi und erklärt, dass er diesen Aufkleber für seine Touren nach Frankreich brauche. Seit Anfang des Jahres sind die Hinweisschilder für alle Fahrzeuge, die schwerer als 3,5 Tonnen sind, in dem Land Pflicht. Er selbst sei froh, diese Warnschilder drauf zu haben. Gerade in Paris sei es besonders gefährlich, unterwegs zu sein. Vor allem die Rad- und Mopedfahrer wären in der französischen Hauptstadt rücksichtslos. Brenzlige Situationen habe er in den vergangenen Jahren genügend erlebt.

Wenige Meter neben ihm stoppt ein Lastwagen mit Leipziger Kennzeichen. Geladen hat er Bauteile für einen Tagebau. Allerdings kleben keine Aufkleber an seinem Brummi. Die brauche er nicht, erzählt der Fahrer. Sein Lastwagen sei mit einem Abbiegeassistenz-System ausgestattet.

Schau mal, wie weit ich gucken kann, so weit reicht der Außenspiegel definitiv nicht.

Lkw-Fahrer aus Leipzig

Stolz zeigt er auf die beiden am Führerhaus angebrachten schwarzen Kameras. Auf den ersten Blick sind diese kaum zu erkennen. Der Fahrer bittet in seine Kabine. Dort ist auf der Beifahrerseite ein kleiner Bildschirm montiert. Freundlich erklärt der Trucker das Systems. Er setzt den Blinker, nun sei der Assistent aktiviert.

Überwachungssystem im LKW
Ab 2022 sollen Abbiegeassistenten EU-weit verpflichtend für alle neuen Fahrzeugtypen eingeführt werden, ab 2024 für alle neu zugelassenen Lastwagen und Busse. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In diesem Moment ertönt ein Hupton - das Display färbt sich rot und blinkt wie wild. "Siehst du, es funktioniert tadellos", sagt der Fahrer und lächelt. Ich hätte mich im toten Winkel befunden, deshalb sei der Alarm losgegangen. Auch erkenne man Fußgänger oder Radfahrer auf dem Bildschirm und könne sofort bremsen. Auf meine Frage, ob das System ihn schon mal gewarnt habe, antworte er mit "ja". Das habe er schon öfter erlebt.

LKW Tür mit einem Aufkleber 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele Lkw-Fahrer finden es gut, die "ANGLES MORTS" Aufkleber am Brummi zu haben. Besser als gar keine Hinweisschilder, so der einstimmige Tenor. Ein Abbiegeassistenz-System wäre für den Chef, wie ihn die meisten bezeichnen, viel zu teuer. Nach gefühlt zwei Stunden kommt dann doch noch ein Lastwagen mit deutschem Kennzeichen auf den Rastplatz. Aufkleber oder ein elektronisches Warnsystem? Fehlanzeige. Der Wagen wäre zu alt, um so etwas nachzurüsten, erklärt der Fahrer. Mehr als eine Million Kilometer hätte der Truck bereits auf dem Buckel. Bislang sei alles gut gegangen und dennoch habe der jedes Mal ein ungutes Gefühl.

Am Ende verliert der Radfahrer

Vor allem die Fahrradfahrer bereiteten ihm Kopfschmerzen. Sie würden einfach draufzuhalten und es drauf anlegen. Er könne sie im toten Winkel wirklich nicht sehen, sagt er. Bewusst wurde ihm das erst, als er mit einem Lastwagen mit eingebautem Abbiegeassistenz-System unterwegs war. Plötzlich war ein Fußgänger im toten Winkel, den er im Spiegel nicht gesehen hatte. Da habe er gemerkt, wie perfekt das System funktioniere. Viel lieber würde er wieder mit diesem fahren, fügt er hinzu. Aber auch sein jetziger Truck müsse bewegt werden, um Geld zu verdienen.

toter Winkel 8 min
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Umschau Di 17.11.2020 20:15Uhr 08:21 min

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Guten Morgen Sachsen | 13. Oktober 2021 | 06:47 Uhr

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