Fluchtroute A4 Hilfe für Ukraine-Geflüchtete auf A4 mit Bratwurst und Pfannkuchen

Weil immer mehr Ukrainer über die A4 nach Deutschland kommen, hat die Arbeiterwohlfahrt (AWO) einen Versorgungsstützpunkt an der Raststätte Oberlausitz eingerichtet. Zunächst als zweitägige Hilfsaktion geplant, zeigt sich schon am ersten Tag: Der Bedarf ist groß. Die Aktion soll verlängert werden.

Menschen unter einem Zelt der Arbeiterwohlfahrt.
Am Versorgungsstand an der Autobahn 4 gibt es Bratwurst und Pfannkuchen in den ukrainischen Nationalfarben. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Kurz vor der Autobahnabfahrt Salzenforst verweist eine LED-Anzeige auf dem Standstreifen in ukrainischer Sprache auf einen kostenlosen Imbiss auf dem nächsten Autobahnrastplatz. An der Raststätte Oberlausitz hat die AWO eine Versorgungsstelle aufgebaut. Zwei Pavillons stehen auf dem Parkplatz. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer bieten warmen Kaffee und Tee, Süßigkeiten und Semmeln mit Bratwurst an.

Die Idee zur Aktion ist vor anderthalb Wochen entstanden, erzählt Christel Hoogestraat von der AWO-Ortsgruppe Bischofswerda. "Wir haben nicht umsonst das Herz im Logo. Es ist uns ein tiefes Bedürfnis, zu helfen", sagt die 64-Jährige. Hoogestraat war selbst schon im Urlaub in Kiew. Jetzt berichten ihr Ukrainer auf der Flucht, wie sie die Bombardierung der Stadt erlebten: "Man kann und will sich das nicht vorstellen", sagt Hoogestraat. "Damit werde ich zu kämpfen haben. Das nimmt man dann schon erstmal mit nach Hause."

Schüsse auf Menschen auf der Flucht

Am Stand halten vor allem Familien mit Kindern. Viele haben Haustiere dabei. Gerade tritt Natalia Saltovets an den Versorgungsstützpunkt. Die 46-Jährige führt ihren Hund an der Leine, fragt auf Englisch nach etwas Wasser für das Tier. Sie ist mit ihrer 18-jährigen Tochter aus Irpin, im Nordwesten von Kiew, geflohen. Sie wollen zu Bekannten in Recklinghausen. Eigentlich habe sie in der Ukraine bleiben wollen, erzählt Saltovets. Doch ihr Mann habe sie gedrängt, zu fahren. Er ist mit dem 22-jährigen Sohn zurückgeblieben, kämpft in der Armee gegen die russische Besatzung. Schon nach der Annexion der Krim im Jahr 2014 habe er sich fürs Militär gemeldet.

Natalia Saltovets aus Irpin hat ihrem Hund eine Schale voll Wasser besorgt. Tochter Kateryna (im roten Mantel) lässt sich am Versorgungsstand einen heißen Kaffee einschenken.
Natalia Saltovets aus Irpin hat ihrem Hund eine Schale voll Wasser besorgt. Tochter Kateryna (im roten Mantel) lässt sich am Versorgungsstand einen heißen Kaffee einschenken. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Saltovets' stammen aus Charkiw. Vor fünf Jahren zogen sie nach Irpin in ein neues Haus. Mutter und Tochter schwärmen von dem Ort, der guten Nachbarschaft dort, den vielen Kindern in der Stadt. Sie mochten ihre neue Heimat. Jetzt sind sie froh, dass sie aus ihr noch rausgekommen sind. Die Russen hätten Fahrzeuge auf der Flucht beschossen, berichtet Tochter Kateryna Saltovets und muss sich Tränen aus den Augen wischen. In Wohnhäusern seien Granaten eingeschlagen.

Aufbruch für die Zukunft der Tochter

Um zu verhindern, dass russische Panzer in die Stadt vordringen, habe die ukrainische Armee die Brücken über die Flüsse gesprengt. Strom- und Gasversorgung sind gekappt. Die Menschen kochen sich ihre Mahlzeiten draußen überm Gaskocher oder einem Feuer. Doch die Lebensmittel werden knapp.

Kateryna umklammert einen Plastebecher voll heißem Kaffee. Trotz Sonne weht ein eisiger Wind über die Raststätte. Die 18-Jährige erzählt, dass sie im Herbst nach Amerika will, in Pennsylvania vier Semester Astrophysik studieren. Die Zusage für den Studienplatz hat sie bereits. Auch für diese Chance habe der Vater darauf bestanden, dass die Tochter die Ukraine verlässt. Ihre Mutter sagt, Kateryna sei der Stolz der Familie. Sie habe die Ukraine bei internationalen Physikwettbewerben vertreten. Für ihre Zukunft seien Mutter und Tochter aufgebrochen.

Syrischer Kriegsflüchtling hilft Ukrainern

Junge und ältere Frau mit einem Kind, jüngere Frau hält Bratwurst in Hand
Helferin Monika Werferling nimmt die kleine Anna auf dem Arm, während sich deren Mutter mit einer Bratwurst stärkt. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Am Versorgungsstand der AWO recken die Helferinnen einer ukrainischen Familie eine Schachtel voll Pfannkuchen entgegen. Die Kinder lachen, als sie den Zuckerguss in den Nationalfarben der Ukraine sehen. "Danke! Danke!", sagen die Mütter auf Deutsch zu den Helferinnen am Stand. Unter denen ist auch Mohammad Alhamoud. Der 29-Jährige ist 2015 aus Syrien nach Deutschland gekommen. Sechs Wochen war er unterwegs.

Der Krieg in seiner Heimat hat ihm die Familie genommen. Den Pfleger aus dem Bautzener Krankenhaus berührt das Schicksal der ukrainischen Kinder, die sich hier für die Weiterfahrt stärken. Was sie durchmachen müssen: "Furchtbar", sagt Alhamoud. Er hat die Schrecken des Krieges selbst erlebt. Deshalb wollte er an seinem freien Tag am AWO-Stand mithelfen. "Morgen nach Feierabend komme ich wieder vorbei", kündigt er an. Alhamoud will hier für die Geflüchteten da sein.

Fluchtvideos machen sprachlos

Am Bratwurst-Grill gehen die Semmeln zur Neige. Marcel Kubasch und Kay Gensch schätzen, dass sie bis zum frühen Nachmittag bereits 80 Bratwurst-Brötchen an hungrige Ukrainer ausgegeben haben. Eine Kollegin ist gerade los, um Nachschub zu besorgen. Denn bis 16 Uhr wollen sie die Versorgungsstelle noch betreiben. Immerfort halten neue Autos am Stand, schüchtern nähern sich die Insassen. Die Verständigung fällt schwer. Auch wenn einige Helferinnen auf ein paar Brocken Schulrussisch zurückgreifen können, funktioniert die Verständigung oft nur mit Händen und Füßen.

Kay Gensch erzählt, dass ihm ein Ukrainer auf seinem Smartphone gerade ein Video von der Flucht gezeigt hat. Während der Fahrt sei eine Rakete am Straßenrand eingeschlagen, habe ein Haus in Schutt und Asche gelegt. Gensch macht das Angst. "Wer weiß, wozu Putin noch in der Lage ist", sagt der Hausmeister in einer AWO-Einrichtung.

Männer an einem Tisch mit Senf darauf und Brötchenkorb, davor warten Frauen
Die AWO-Mitarbeiter Marcel Kubasch und Kay Gensch stehen hinterm Grill und reichen Bratwurstsemmeln aus. Bildrechte: MDR/Martin Kliemank

Die meisten Flüchtlinge: Verschlossen und traumatisiert

Andere Ukrainer aber zeigen sich verschlossen, wirken traumatisiert, beobachtet Christel Hoogestraat. "Da fehlt der Glanz in den Augen und sie trauen sich kaum, näherzukommen, wenn wir ihnen etwas anbieten." Viele Besucher habe sie an diesem Tag schon weinen gesehen. "Das geht einem schon nahe", sagt Hoogestraat.

Am Freitag wird die AWO-Ortsgruppe aus Bautzen den Versorgungsstand auf der Raststätte Oberlausitz betreuen. Hoogestraat denkt darüber nach, die Aktion auch am Wochenende fortzusetzen. Dann halten an der Raststätte zwei- bis dreimal soviele Ukrainer, hat ihr die Raststättenleiterin berichtet. 80 Prozent wollen weiter in die westlichen Bundesländer, hat Christel Hoogestraat festgestellt - weiter zu Bekannten oder Freunden.

Eine Frau mit Kinderwagen sitzt in einer Aufnahmeeinrichtung für Geflüchtete aus der Ukraine in Leipzig.
Eine Frau mit Kinderwagen sitzt in einer Aufnahmeeinrichtung für Geflüchtete aus der Ukraine in Leipzig. Sachsen will binnen kurzer Zeit tausende Plätze zur Unterbringung ukrainischer Flüchtlinge schaffen. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 11. März 2022 | 16:30 Uhr

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