Vogelschlag Warum Greifvogelsilhouetten an Glasscheiben nichts bringen

Etwa fünf Prozent der Vögel sterben nach Schätzung der deutschen Vogelschutzwarten durch Kollision mit Glas. Dabei ist tierfreundliches Bauen mit Glas und Licht möglich. Um besser beurteilen zu können, welche Bauten zur tödlichen Vogelfalle werden, haben die deutschen Vogelschutzwarten jetzt einen Leitfaden veröffentlicht. MDR SACHSEN hat mit Jochen Bellebaum von der Vogelschutzwarte in Neschwitz gesprochen, der den Leitfaden gemeinsam mit Kollegen aus Berlin und Bayern erarbeitet hat.

Jochen Bellebaum, Leiter der Neschwitzer Vogelschutzwarte, steht vor der Glasfassade des Theaters in Bautzen.
Die Glasfassade des Theaters in Bautzen hat laut Jochen Bellebaum ein mittelgroßes Risiko für Vogelschlag. Gut sei, dass hier keine Bäume in direkter Nähe der Scheiben stehen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Herr Bellebaum, wie viele Vögel sterben durch Kollision mit Glasscheiben?

Wenn wir alle alles zusammennehmen, dann schätzen wir, dass jedes Jahr mehrere Millionen Vögel an Glasscheiben irgendwo in Deutschland verunglücken. Das ist viel. Deswegen ergibt sich der Bedarf, die gefährlichen Bauwerke zu entschärfen und möglichst keine neuen Gefahrenstellen entstehen zu lassen.

Gibt es Vogelarten, die besonders häufig gegen Glas fliegen?

Hauptsächlich sind die Vögel im Siedlungsbereich betroffen. In Großstädten mit hohen Hochhäusern sind tatsächlich auch überfliegende Zugvögel gefährdet. Wir wissen das aus Berlin, an den höchsten Gebäuden kollidieren dort zur Zugzeit Vögel, die sonst nie in einer Stadt vom Himmel kommen würden.

Können sich Vögel nicht einfach an die Umwelt anpassen und lernen, was Glas ist?

Das ist ziemlich schwierig. Vögel nehmen Glas als solches nicht wahr. Auch Menschen haben ja mitunter, wenn sie nicht aufpassen, schon mal Beinahe-Kollisionen mit einer Glastür erlebt. Und wenn der Vogel erst einmal tödlich verunglückt ist, hat er natürlich keine Möglichkeit mehr, irgendetwas zu lernen. Deswegen kann man vom Lerneffekt relativ wenig erwarten.

Ein Buchfink sitzt hinter einer Fensterscheibe.
Jährlich verunglücken in Deutschland mehrere Millionen Vögel an Glasscheiben. Bildrechte: Imago

Wo lauern gläserne Vogelfallen besonders oft?

Glasanflug wird dort ein Problem, wo wir überdurchschnittlich große Glasflächen haben - an Gebäuden, aber auch freistehenden Schallschutzwänden. Gefährlich ist es insbesondere dann, wenn Vögel durch das Glas hindurch den Himmel oder Vegetation sehen können oder wenn eine Fläche den Himmel oder davor stehende Bäume spiegelt. Das wird von den Vögeln für eine freie Flugbahn gehalten. Das normale Fenster eines üblichen Wohnhauses ist in dem Sinne kein Problem.

Sie haben in dem neuen Leitfaden ein Bewertungssystem für Gebäude entwickelt. Wie funktioniert der?

Es ist ein einfaches System, bei dem es für verschiedene Gebäudeeigenschaften, wie der Größe der Glasfläche oder der Art des Standortes Punkte gibt. Die Bauwerke werden in einem Spektrum von vier bis 16 Punkten bewertet. Erreicht ein Gebäude eine sehr hohe Punktzahl und gilt damit als sehr gefährlich, wäre das ein Fall für eine genauere Prüfung, welche Maßnahmen ergriffen werden können, um Vogelschlag zu vermeiden.

Was kann man gegen Vogelschlag tun?

Es gibt zum Glück eine Menge Maßnahmen, die wirksam sind und durchaus akzeptabel für Bauherren und Nutzer von Gebäuden. Das können Streifen sein, sei es dunkel, hell, quer oder längs. Diese können schmal oder in großen Abständen auf der Fläche angeordnet werden, sodass sie uns nicht unmittelbar als Sichtbarriere auffallen. Es gibt auch Beispiele dafür, dass man Muster auf Scheiben bringt, gerade auf Lärmschutzwände. Beispielsweise hatte das Auswärtige Amt in Berlin hatte eine große Glasscheibe mit Vogelschlag. Daraufhin hat man eine halbdurchsichtige Weltkarte aufbringen lassen. Jetzt kollidieren dort keine Vögel mehr.

Es gibt auch Versuche mit Vogelschutzmaßnahmen in sogenannten Flugtunneln. Wie läuft das ab?

Es werden unmarkierte und markierte Scheiben am Ende eines dunklen Tunnels eingebaut. Am Anfang des Tunnels wird ein vorher eingefangener Wildvogel freigelassen. Der fliegt zum Licht, um aus dem Tunnel herauszukommen und hat eben die Möglichkeit, entweder die Scheibe rechts oder links anzufliegen. Vor der Scheibe ist natürlich ein Netz, damit der Vogel nicht wirklich dagegenfliegt. Und nach dem Versuch wird der Vogel freigelassen.

Die bekannteste Testeinrichtung in unserer Gegend befindet sich in Österreich. Die überprüfen verschiedene Markierungen von Herstellern. Es gibt auch entsprechende Einrichtungen in den USA und die Ergebnisse der verschiedenen Einrichtungen bestätigen sich gegenseitig.

Welcher Vogelschutz hat sich inzwischen als unwirksam erwiesen?

Was man schon lange kennt, sind die Greifvogelsilhouetten auf den Glasscheiben. Die sind nicht wirksam, weil einfach neben dem Greifvogel, diesem schwarzen Fleck, sehr viel Platz übrig ist. Kurz gesagt, der Vogel kollidiert nicht mit der Greifvogelsilhouette, aber er kollidiert dann direkt daneben mit der Scheibe.

Eine schwarze Vogelsilhouette klebt auf einer Glasscheibe.
Greifvogelsilhouetten helfen nicht gegen Vogelschlag. Vielmehr versuchen die Vögel neben dem Schatten vorbeizufliegen und krachen gegen die Scheibe. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Das zweite, was gerne beworben wird und was sich nicht als wirksam erwiesen hat, sind ultraviolette Markierungen. Die haben zwar den Charme, dass der Mensch sie nicht sieht. Aber der Vogel sieht sie in der Regel auch nicht.

Was sollte man tun, wenn ein Vogel gegen eine Scheibe geflogen ist und noch lebt?

Da kann man relativ wenig machen. Man kann einen Vogel, wenn er auf dem Boden an einer gefährlichen Stelle sitzt, natürlich beiseite setzen. Der Vogel wird in der Regel, wenn er lebt und noch einigermaßen gesund ist, nach einer Weile wegfliegen. Er hat dann wie eine Gehirnerschütterung und braucht eine gewisse Regenerationszeit. Ein gewisser Anteil von Vögeln wird es überleben, aber es wird andere Vögel geben, die später aufgrund ihrer Verletzungen dann doch sterben.

Die Broschüre der Vogelschutzwarten zur Bewertung des Vogelschlagrisikos an Glas finden Sie hier.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | im Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 14. Juli 2021 | 14:30 Uhr

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