Oberlausitz Lebensmittel aus der Heimat: Zurück zur regionalen Versorgung

Lebensmittel aus der Heimat frisch auf den Tisch? Das klingt gut. Doch einmal im Supermarkt, nimmt man dann doch gleich das importierte Gemüse mit und verzichtet auf den extra Weg zum Hofladen. In der Oberlausitz werden jetzt besondere Anstrengungen unternommen, damit Waren auf kurzem Wege vom Erzeuger zum Kunden gelangen.

Robert Haase in Arbeitskleidung vor Gewächshäusern
Robert Haase bietet mit seinem Gartenbaubetrieb in Zittau Gemüse frisch vom Feld. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Tausende zarte Pflänzchen wurden aus Anzuchttöpfen ins große Beet im Gewächshaus gesetzt. Es ist ein kleines Wunder: Wo jetzt zwei, drei winzige Blätter sprießen, stehen bald volle Salatköpfe, gucken rosarote Radieschenknollen und pralle orangene Möhren aus dem Boden. Bis dahin werden die Mitarbeiter der Gärtnerei mehrmals mit unzähligen Handgriffen durch die Beete gegangen sein.

Gartenbaubetrieb in achter Generation

Robert Haase führt mit seiner Frau Sabine in achter Generation den Gartenbaubetrieb Fritsche in Zittau. Es gibt sechs Angestellte und die Schwiegereltern helfen mit. Die Gärtnerei bietet im Ort genau das, was im Trend liegt: frisches Gemüse, umweltschonend, sozusagen vor der Haustür angebaut.

Das Gemüse verkauft der Zittauer Gartenbaubetrieb hauptsächlich über den eigenen Hofladen. Ein Teil geht an Markthändler und Gaststätten. Wichtiger Punkt ist, dass die Ware selbst abgeholt wird. "Kurze Wege können wir zwar schaffen, aber unser Personal ist in der Produktion gebunden", erklärt Haase. Gerade Kleinbetriebe wie die Gärtnerei Fritsche können deshalb mit der großen Bio-Regio-Welle schwer mitschwimmen.

Jessica Markmann mit frischem Gemüseim Hofladen
Jessica Markmann verkauft im Hofladen der Gärtnerei Fritsche. Ein Hingucker sind die Riesenmöhren aus eigenem Anbau. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Großzügig ausgelegte Regionalität im Supermarkt

Große Ladenketten investierten sehr viel in Werbung, in der die Worte "frisch" und "regional" zu lesen seien, beobachtet Gärtnereichef Haase. Aber vieles sei gar nicht so frisch und Regionalität werde unterschiedlich definiert. Das beinhalte auch mal einen Umkreis von 100 bis 200 Kilometern. "Wir machen die Werbung nicht – uns fehlt die Zeit dazu. So dass diese Welle, die es jetzt gibt, nicht so richtig bei uns ankommt", sagt der 42-Jährige.

Die Supermärkte müssten mehr direkt vor Ort schauen. Dann wäre auch deren Werbung, dass es regional und frisch ist, glaubhafter.

Robert Haase Gärtnerei Fritsche

Aktiv werden Robert und Sabine Haase trotzdem regelmäßig. Sie sprechen Inhaber von Gaststätten und Läden in ihrer Lausitzer Heimat gezielt an. "Einen verlässlichen Abnehmer zu finden, dem es am Herzen liegt, unsere Produkte zu vermarkten, ist schon etwas Besonderes", so Robert Haase. Vor allem bei den Supermärkten sei nicht ganz klar, ob sie auf eine Kooperation mit Kleinbetrieben vor Ort wirklich Wert legten und ein echtes Interesse an der Stärkung der Region hätten. Oder ob es nur darum gehe, durch Werbung neue Kunden zu binden. Der Agraringenieur beobachtet aber auch ein Umdenken bei manchen Lebensmittelhändlern, die wirklich das Potenzial vor Ort nutzen wollen. "Da tut sich was."

Robert und Sabine Haase
Robert und Sabine Haase haben die Gärtnerei Fritsche 2013 übernommen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Wir wünschen uns, dass mehr Menschen das tun, was in Umfragen gesagt wird – nämlich, dass sie gern regional kaufen. Oftmals klafft dort eine Lücke.

Robert Haase Gärtnerei Fritsche

Zurück zu regionalen Kreisläufen

Um regionale Kreisläufe zu unterstützen, hat jetzt der Freistaat Sachsen Geld bereitgestellt. Die Oberlausitz soll zu einer Bio-Regio-Modellregion werden. Stichworte sind Nachhaltigkeit, kurze Wege, lokale Wirtschaftskraft, Ökolandbau. Gerade Kleinproduzenten, die besonders nachhaltig arbeiten, seien strategisch im Nachteil, berichtet Anja Nixdorf-Munkwitz, die für die Modellregion verantwortlich ist. Netzwerke aufzubauen und zu nutzen, sei hier die Lösung.

Bio-Regio-Modellregion in der Oberlausitz

  • Förderung von regionalen und bio-regionalen Wertschöpfungsketten
  • verantwortlich ist die Stiftung Kraftwerk Hirschfelde
  • Organisationen der Regionalentwicklung arbeiten dabei mit Unternehmen der Land- und Ernährungswirtschaft zusammen
  • Ziel ist, die steigende Nachfrage nach regionalen und ökologisch erzeugten Lebensmitteln zu decken und bei Verbraucherinnen und Verbrauchern das Bewusstsein für regionale Kreisläufe und ökologisch erzeugte Lebensmittel zu stärken
  • weiteres Ziel ist, die Produzentenregion Lausitz mit der Konsumentenregion Dresden zu verbinden
  • die Förderhöhe beträgt 495.894 Euro über einen Zeitraum von drei Jahren

So ein Netzwerk ist beispielsweise die Marktschwärmerei. Hier bestellen und bezahlen Kunden vorab ihre regionalen Produkte übers Internet. Die Lebensmittel werden dann von den Erzeugern wöchentlich an eine zentrale Stelle gefahren, wo sie abgeholt werden können. In Zittau trifft man Nixdorf-Munkwitz jeden Donnerstagnachmittag im Salzhaus an, wo sie für die Marktschwärmerei Kisten mit Lebensmitteln aus der Oberlausitz bestückt. In dem mittelalterlichen Gewölbe des Speicherbaus stehen links und rechts die Tische voll mit bestellten Warenkisten. Sogar auf einer Holzbank wurden drei geparkt.

Gepackte Gemüsekisten auf einer Bank
Marktschwärmerei im Zittauer Salzhaus: Die bestellte Ware steht in Kisten zur Abholung bereit. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Dazwischen pingpongt Nixdorf-Munkwitz. Sie sprüht vor Begeisterung, wenn es um Oberlausitzer Produkte geht. Jeder, der seine Waren bringt, wird von ihr geradezu fürstlich empfangen. Ein Höhepunkt diesmal auf der Zittauer Marktschwärmerei ist eine Lieferung von der kleinen Eismanufaktur Gruners in Boxberg. Schnell schiebt die 42-Jährige eine Gefriertruhe herbei, damit die Eiskreationen bloß nicht antauen. Keine Minute später eilt Nixdorf-Munkwitz einem Mitarbeiter von der Naturparkfleischerei Wagner entgegen. Dieser hat aus Mittelherwigsdorf eine ganz besondere Schinkenkreation zum Verkosten mitgebracht - Lammschinken mit Oberlausitzer Mohn.

Alte Sorten und Verarbeitung im kleinen Format

Mohn wird erst seit wenigen Jahren als Sonderkultur im Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft angebaut, erklärt Nixdorf-Munkwitz und greift damit ein wichtiges Thema der Bio-Regio-Modellregion auf: "Wir müssen uns über neue Kulturen, die auch alte Kulturen sein können, Gedanken machen." Weil die Lausitz trockener werde und nicht mehr so intensiv gedüngt werde, müsse sich die Landwirtschaft anpassen. Es gebe verschiedene Anbauversuche, auch mit alten Getreidesorten, die besser auf kargen Böden wachsen. "Das wollen wir unterstützen, vernetzen und schauen, wo das Potenzial ist."

Anja Nixdorf-Munkwitz mit Probierhäppchen an einem Verkaufsstand
Anja Nixdorf-Munkwitz will die regionalen Erzeuger in der Oberlausitz besser vernetzen und die Produkte aus der Heimat bekannter machen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Brot aus alten Getreidesorten bäckt bereits Stefan Richter von der gleichnamigen Bäckerei aus Kubschütz. Er ist ein Verfechter von Slowfood- und Bioprodukten und verarbeitet für seine Brote Biogetreide vom Familienbetrieb Löhnert. Wenn Richter vom Bioanbau seines Champagnerroggens, dem Feld mit dem hochwachsenen Korn, mit Windbrüchen und Insekten erzählt, kommt er ins Schwärmen. Für eine Wertschöpfung in der Region müssen auch die Verarbeitungsschritte wieder im kleineren Format stattfinden können, sagt er. Weg von den sehr effizient arbeitenden großen Mühlbetrieben, weg von den großen Molkereien, wo sich die Herkunft von Mehl und Milch gar nicht mehr nachvollziehen lasse.

Stefan Richter
Stefan Richter verwendet für sein Brot Getreide von Oberlausitzer Feldern. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Dem stimmt Nixdorf-Munkwitz zu. Vor allem durch den Preisdruck des globalisierten Marktes seien viele regionale Kreisläufe heutzutage nicht mehr vorhanden. "Wir haben sämtliche Systeme auf unglaubliche Effizienz getrimmt und versucht Zwischenstationen auszuschalten." Damit sei man aber nicht immer gut beraten. Zum Beispiel habe die Corona-Pandemie gezeigt, dass globale Lieferketten extrem störanfällig sind.

Gerade Grundversorgung sollte wieder lokal gedacht werden.

Anja Nixdorf-Munkwitz Projektleiterin der Bio-Regio-Modellregion

Marktschwärmereien gibt es in der Oberlausitz erst seit knapp zwei Jahren. Neben Zittau findet man sie derzeit in Görlitz, Hoyerswerda und Bautzen. Für das Ausliefern der Bestellungen in die vier Städte haben sich Erzeuger auch zusammengetan. So nimmt Kathleen Kitsche von der Kelterei Kekila aus Lauba mal das Gemüse der Gärtnerei Fritsche mit, mal fährt ein Mitarbeiter der Gärtnerei ihren Saft aus. "Da hat man nicht jedes Mal diese Fahrerei und es verteilt sich ein bisschen auf den Schultern", sagt die Kelterei-Chefin, während sie bestellten Apfel- und Rhabarbersaft in die Kisten einsortiert.

Marktschwärmerei als Miniverteilzentrum

Kitsche nutzt die Marktschwärmereien, um ihren Kundenkreis zu erweitern. Ein Vorteil zu althergebrachten Wochenmärkten ist für sie dabei die Planbarkeit. Wenn man früh zum Markt fahre, sei das ganze Auto voll, aber man könne nicht abschätzen, wieviel man verkaufen werde. Hier im Salzhaus sei durch die Bestellungen von vorne herein klar, wie viele Produkte ausgefahren werden, so Kitsche. Aber die Marktschwärmerei sei auch ein guter Treffpunkt für die Erzeuger. So hat die Saftkelterei Kekila im eigenen Getränkemarkt einen Hofladen mit Oberlausitzer Produkten integriert. Dafür benötigte Waren werden hier umgeladen. "Dadurch hat man weniger Fahrerei und schont die Umwelt", sagt die Kekila-Chefin.

Kathleen Kitsche hält eine Getränkeflasche
Die Logistik ist für viele Erzeuger eine Herausforderung, sagt Kathleen Kitsche. Wie bekommt man die Ware am besten von A nach B? Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Im Endeffekt ist Regionalität immer dann gut gelebt, wenn sich funktionierende Kreisläufe bilden.

Anja Nixdorf-Munkwitz Projektleiterin der Bio-Regio-Modellregion

Das Umweltbewusstsein sei da, oft fehle aber der richtige Impuls für die Umsetzung. Hier müssen für die Kunden Alternativen geschaffen werden, wie Nixdorf-Munkwitz ausführt: "Für den einen passt ein neuer Wochenmarkt, für den anderen eine Marktschwärmerei und für manchen passt tatsächlich das Regionalregal im Supermarkt." In dieser Bandbreite wolle man im Rahmen der Modellregion nun in den nächsten drei Jahren versuchen, möglichst viele Lösungsansätze zu finden, damit möglichst viele mittun, so Nixdorf-Munkwitz.

MDR (ma)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport | 21. Februar 2022 | 16:30 Uhr

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