Waggonbau Alstom plant massiven Stellenabbau in Görlitz und Bautzen

Ein Jahr nach der Übernahme der Waggonbauwerke von Bombardier in Görlitz und Bautzen durch den französischen Konzern Alstom plant dieser einen massiven Stellenabbau in der Oberlausitz. Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig spricht von einem "vergifteten Weihnachtsgeschenk".

Mitarbeiter stehen auf dem Betriebsgelände.
Die rund 800 Mitarbeiter im Görlitzer Alstom-Werk bangen um ihren Job. Bildrechte: Danilo Dittrich

Der französische Zug- und Bahntechnikhersteller Alstom will in der Oberlausitz hunderte Arbeitsplätze streichen. Vom Konzern hieß es, man müsse eine "Anpassung der Positionen in der Fertigung" vornehmen. Dafür sei an den Standorten Bautzen, Görlitz sowie Salzgitter in Niedersachsen eine Spanne von 900 bis 1.300 Stellen im Gespräch. Über die Pläne wurde am Freitag betriebsintern diskutiert. Auch die Landesregierungen in Hannover und Dresden seien im Bild. Verschiedene Angaben kursierten zur Umsetzung: Teils war von ersten Kürzungen bis zum kommenden Frühjahr die Rede, während Alstom von einem Gesamtzeitraum von drei Jahren sprach.

Alstom: Einsparungen in der klassischen Produktion

In Görlitz stehen bis zu 400 Arbeitsplätze auf der Kippe. Das wäre die Hälfte der dortigen Belegschaft. In Bautzen sollen bis zu 150 Arbeitsplätze gestrichen werden. Zur Begründung hieß es vom Konzern, der im Januar die beiden Bombardier-Werke übernommen hatte, die Auftragslage sei schlecht und würde sich auch nicht so schnell ändern.

Der Hersteller wies darauf hin, dass in neuen Arbeitsbereichen wie Software und Digitalisierung sowie bei Ingenieur- und weiteren Dienstleistungen auch bis zu 700 neue Stellen geschaffen werden sollen - etwa in Braunschweig, Berlin und Mannheim. Man komme jedoch nicht um Einsparungen in der klassischen Produktion herum, die neben Salzgitter, Görlitz und Bautzen auch Hennigsdorf bei Berlin, Mannheim und Siegen beträfen. Ziel sei es, wettbewerbsfähiger zu werden. Alstom starte dazu einen "kompakten Transformationsplan".

Dieses vergiftete Weihnachtsgeschenk ist völlig inakzeptabel.

Martin Dulig sächsischer Wirtschaftsminister (SPD)

Wirtschaftsminister Dulig: Beschluss revidieren

Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig reagierte auf die Abbaupläne mit absolutem Unverständnis. Der SPD-Politiker nannte die Entscheidung zum Abbau weder wirtschaftlich klug noch nachvollziehbar. Er erwarte, dass die Alstom-Führung ihren Beschluss revidiert und gemeinsam mit dem Betriebsrat eine Lösung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Region findet.

Gemeinsam fordern wir Alstom auf, zu seinen Zusagen beim Kauf zu stehen, die Zukunft des Werkes und der Arbeitsplätze zu sichern, anstatt den Aktienkurs durch Einsparmaßnahmen zu stabilisieren. Dieses vergiftete Weihnachtsgeschenk ist völlig inakzeptabel.

Martin Dulig Wirtschaftsminister von Sachsen

Noch am Vormittag habe Dulig mit dem Gesamtbetriebsratsvorsitzenden von Alstom Deutschland, René Straube, Kontakt aufgenommen. Außerdem stehe das Wirtschaftsministerium in Kontakt mit der Unternehmensleitung von Alstom. Ein Gespräch zwischen dem sächsischen Minister und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sei in Vorbereitung.

Für die beiden Waggonbaustandorte Görlitz und Bautzen sind die Pläne von Alstom ein erneuter Tiefschlag.

Mirko Schultze Görlitzer Landtagsabgeordneter

Der Görlitzer Landtagsabgeordnete der Linksfraktion, Mirko Schultze, kritisiert in diesem Zusammenhang die "halbherzigen Versprechen" der sächsischen Regierung. Es zeige sich erneut, dass der Freistaat lieber aktiv Standortpolitik betreiben sollte, so Schultze.

Ein Schild am Werkseingang von Alstom weist auf eine Betriebsversammlung hin.
Am Freitagmorgen gab es im Alstom-Werk in Görlitz eine Betriebsversammlung. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Gewerkschaft kündigt Widerstand an

Die IG Metall will sich gegen die Stellenstreichungen wehren. Gesamtbetriebsratsvorsitzender Straube erklärte: "Heute in einer der wichtigsten Branchen für die Zukunft unserer Gesellschaft massiven Abbau von Arbeitsplätzen und Kompetenzen zu betreiben, ist kurzsichtig und sträflich." Die Bahnbranche in den anstehenden Prozessen rund um Klimawandel, Energie- und Verkehrswende zu schwächen, führe die deutschen und europäischen Bestrebungen ad absurdum, diese Klimaziele zu erreichen. "Personalanpassung an Auslastung ist der falsche Weg. Anpassung der Auslastung an die Kapazitäten ist das Gebot der Stunde." Auch der Zeitpunkt, zu dem Alstom seine Sparpläne verkündete, entrüstet Straube.

Diese Maßnahmen kurz vor Weihnachten zu verkünden, zeugt von einem hohen Grad an Respektlosigkeit gegenüber den Kolleginnen und Kollegen und wirft die Frage nach dem tatsächlichen Wert der selbstdefinierten Unternehmensethik auf.

René Straube Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Alstom

Waggonbau mit langer Tradition

Schon 1849 wurden in Görlitz die ersten Wagen produziert, nur 14 Jahre nach Beginn des Eisenbahnzeitalters in Deutschland. Damit gehört der Waggonbau zu den traditionsreichsten Industriezweigen in Ostdeutschland. Der kanadische Schienenfahrzeugbauer hatte 1998 die Werke in Görlitz und Bautzen gekauft.

Im Januar dieses Jahres hatte Alstom alle Bombardier-Transportation-Standorte weltweit geschluckt und ist damit der größte Anbieter von Schienenfahrzeugen in Europa. Bereits während der Übernahme stand in der Oberlausitz die Befürchtung im Raum, dass bei Auftragsflauten zuerst hier das Personal abgebaut wird. Damals hieß es vom Chef der Bombardier Transportation, Danny Di Perna, dass in den nächsten Jahren kein Stellenabbau zu befürchten sei. Die Auftragsbücher wären voll und man bräuchte alle deutschen Ingenieure und Fabriken, um sie abzuarbeiten.

Aktuell arbeiten nach Angaben der Gewerkschaft rund 870 Menschen im Görlitzer Werk und 1.130 in Bautzen.

In Görlitz liest man am Werk sowohl Alstom als auch den Namen des Voreigentümer Bombardier.
Anfang 2021 hat Alstom die Bombardier-Werke übernommen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Quelle: MDR(ma)/dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 10. Dezember 2021 | 14:30 Uhr

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Mehr aus Sachsen