Verschwörungsmythen im Unterricht Antisemitischer Film als Lehrmaterial an Berufsschule Löbau

Ein Davidstern wird mit Kreide an eine Schultafel gemalt.
Bildrechte: MDR

In einer Löbauer Berufsschule soll ein antisemitischer Animationsfilm mit zahlreichen Verschwörungsmythen gezeigt worden sein. Der Film erklärt vermeintlich die Entstehung des aktuellen Finanzsystems - als Weg zur Weltherrschaft vom Mittelalter bis in die Gegenwart, inklusive Kontrolle von Massenmedien und Regierungen. Das Sächsische Kultusministerium und der Landesverband der Jüdischen Gemeinden sind entsetzt.

"Und so ist es!" - Mit diesen Worten hat die Wirtschaftskundelehrerein nach Darstellung des Berufsschülers Peter Günther die Vorführung von "Die Geschichte vom Goldschmied Fabian – Gib mir die Welt plus fünf Prozent" beendet. Der angehende Zimmermann ist einer von drei Schülerinnen und Schülern, die die anschließende, schriftliche Leistungskontrolle zum Filminhalt verweigerten.

Es wird dargestellt, dass der Geldverleiher Fabian seine Goldschmiedfreunde aus den Nachbardörfern einlädt, um eine Geheimloge zu gründen. Das ist eine uralte, antisemitische Verschwörungstheorie aus dem Mittelalter, die hier Verwendung findet. Man sieht es auf den ersten Blick, dass Fabian und seine Goldschmiedkollegen Juden sein sollen. Wie eine kolorierte Propagandasache aus dem Dritten Reich.

Peter Günther Zimmermannslehrling an der Berufsschule Löbau

Ein verschwörungsmythisches Potpourri

Ansicht der Berufsschule in Löbau
An der Berufsschule Löbau hat eine Lehrerin einen antisemitischen Animationsfilm zu Lehrzwecken benutzt. Bildrechte: MDR SACHSENSPIEGEL

Der etwa 50-minütige Animationsfilm wurde 2008 in Zusammenarbeit mit dem KOPP-Verlag produziert und erzählt die fiktive Geschichte des Goldschmieds Fabian. Dieser erfindet das Geld, verleiht es an seine Mitbürger und verlangt dafür Zinsen, womit er sie entweder in den Ruin oder die totale Abhängigkeit treibt. Mit anderen Goldschmieden gründet er eine Geheimloge namens "Die Erleuchteten", die im Laufe der Jahrhunderte Kriege anzettelt, Regierungen und Medien kontrolliert und schließlich die Gedanken jedes Einzelnen.

"Sozialer Antisemitismus"

Auch wenn die Bezeichnung "Juden" im Film vermieden wird, verweist unter anderem das Bundesamt für Verfassungsschutz in einer Stellungnahme, die MDR SACHSEN vorliegt, auf die antisemitische Botschaft:

Die fragwürdigen Darstellungen entsprechen klassischen antisemitischen Narrativen, ohne jedoch Juden explizit zu benennen - sogenannter sozialer Antisemitismus. Dass der Film von vielen Rezipienten in einem antisemitischen Sinne verstanden wird, lässt sich auch in den Kommentarbereichen (…) erkennen. Dort wird nicht selten als vorgeblicher Realitätsbezug der Geschichte auf 'die Rothschilds' als Stellvertreterinnen und Stellvertreter eines vorgeblichen weltbeherrschenden 'Finanzjudentums' verwiesen.

Bundesamt für Verfassungsschutz

Fassungslosigkeit im Kultusministerium

MDR SACHSEN hat das Berufliche Schulzentrum Löbau um eine Stellungnahme wegen der Filmvorführung im Unterricht gebeten. Diese wurde unter Verweis auf eine deswegen anhängige Dienstaufsichtsbeschwerde abgelehnt. Eine weitere Anfrage mit dem Angebot, die Lehrerin hinsichtlich ihrer Motivation zu Wort kommen zu lassen, wurde nicht beantwortet.

Das Kultusministerium Sachsen bestätigt den Eingang einer Dienstaufsichtsbeschwerde wegen der Filmvorführung. Die Entscheidung, welche Unterrichtsmaterialien verwendet werden, liege in der Verantwortung der Lehrkraft.

Kontrollmechanismen gibt es da nicht. Aber es macht einen sprachlos, wenn man diesen Film sieht und sich mit dem Inhalt beschäftigt, dass so etwas überhaupt passieren konnte. Das hätte eigentlich jedem normalen Pädagogen, jeder normalen Pädagogin auffallen müssen, dass das nicht geht.

Dirk Reelfs Sprecher Kultusministerium Sachsen

Als mahnendes Beispiel durchaus geeignet?

Der Berufsschüler Peter Günther findet den Animationsfilm allerdings durchaus geeignet für die Verwendung im Unterricht – mit einer entsprechenden, pädagogischen Einordnung. Denn offensichtlich gebe es diesbezüglich einen erheblichen Nachholbedarf.

Einem Großteil der Mitschüler ist nichts aufgefallen. Das wurde eben konsumiert wie ein Video. Mein Wunsch wäre, und darauf habe ich alle hingewiesen, dass solche Videos ausschließlich verwendet werden, um auf Antisemitismus und Verschwörungstheorien aufmerksam zu machen.

Peter Günther Zimmermannslehrling an der Berufsschule Löbau

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 19.03.2021 | 19:00 Uhr

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