Ausbreitung der Omikron-Variante Bestatter in Sachsen: Wo sich die Särge stapelten

Die Übersterblichkeit war in Sachsen im Dezember um 50 Prozent höher als im Vergleichsmonat der Jahre vor der Pandemie. Aber auch insgesamt hatten Bestatter und Krematorien im Freistaat in den letzten beiden Jahren viel mehr Arbeit – aufgrund der Corona-Pandemie. Welche Auswirkungen hat nun die Ausbreitung der Omikron-Variante?

Evelin Mühle spricht leise, in ruhigem Ton, bedächtig. Sie ist seit fast 40 Jahren Chefin der Friedhofsverwaltung und des Krematoriums in Görlitz. Ihren Arbeitsalltag hat in den vergangenen beiden Jahren die Corona-Pandemie bestimmt. Insbesondere der Winter 2020/ 2021 wird ihr in Erinnerung bleiben. Da waren die Sterbezahlen vor allem in Sachsen hoch.

Die Chefin der Friedhofsverwaltung und des Krematoriums in Görlitz, Evelin Mühle.
Evelin Mühle wird vor allem der vergangene Winter in Erinnerung bleiben, als die Sterbezahlen in Sachsen besonders hoch waren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Evelin Mühle erzählt, wie es vor einem Jahr in Görlitz ausgesehen hatte, während sie aus dem Trauerhaus ins Krematorium läuft. Früh habe sie immer erst einmal nach den vielen Särgen geschaut: "Ob es ein Plus oder ein Minus gab. Ob mehr gekommen waren, als man geschafft hat." Ihr größtes Problem: Schaffen es ihre Mitarbeiter, die viele extra Stunden leisteten. "Das hier ist keine Geburtsstation. Das sind alles traurige Geschichten." Diese Schicksale blieben auch nicht auf der Arbeit. "Was man hier erlebt, kommt auch im Kopf und im Herzen an."

Deutlich mehr Arbeit im Krematorium

Vor Corona sind im Görlitzer Krematorium pro Jahr etwa 1.400 Einäscherungen erfolgt, berichtet Krematoriumsmeister Robert Jurke. Das sei mit zwei Mitarbeitern zu bewältigen gewesen. "Jetzt haben wir schon das zweite Jahr in Folge 2.000 Einäscherungen. Das ist schon wahnsinnig viel." Das sei nur durch Mehrarbeit zu schaffen. Doch trotz des stark gestiegenen Aufwands: Als die Landesregierung über die kritischen und systemrelevanten Berufe diskutierte, "waren die Bestatter wieder nicht dabei", kritisiert Evelin Mühle. Ihre Sorge ist, dass wenn Mitarbeiter wegen Corona in Quarantäne müssten, der Krematoriums-Betrieb im schlimmsten Fall vielleicht nicht aufrecht erhalten werden kann.

Die Sterbestatistik weist für 2021 erstmals seit über 70 Jahren über eine Million Tote in Deutschland aus. Seit September 2021 ist die Übersterblichkeit deutlich angestiegen. Bundesweit starben im Dezember 22 Prozent mehr Menschen als im Mittel der vier Vorjahre, in Sachsen waren es sogar 49 Prozent. Die genauen Ursachen für die Übersterblichkeit sind laut verschiedenen Wissenschaftlern unklar. Ausschließlich auf Corona ist sie nicht zurückzuführen, das zeigen auch die Zahlen.

Innungs-Chef kritisiert Corona-Verordnung

"Die Belastung ist weniger wegen der Zahl der Sterbefälle gestiegen, sondern die ist bei den Mitarbeitern gestiegen, die Beratung machen müssen", sagt der Obermeister der Bestatterinnung Sachsen, Tobias Wenzel. Denn diese müssten den Hinterbliebenen alles erklären: jede Reglung, jede Verordnung, die Beschränkung der Personenzahl, 2G, 3G. "Man kann das nicht einfach so abtun – das Mitgefühl ist ja auch da." Wen solle der Friedhofsverwalter oder der Bestatter vor der Tür stehen lassen?

Egal in welcher Form eine Trauerfeier stattfindet, bis Ende vergangener Woche durften maximal 20 Trauernde teilnehmen. Als Vertreter seiner Innung hat Tobias Wenzel seinen Ärger darüber auch gegenüber dem Innen- und Sozialministerium in Dresden formuliert: "Das sind Sachen, die kein Mensch mehr versteht und wo die Bevölkerung einfach nicht mitgenommen wurde."

Welche Auswirkungen hat die Ausbreitung von Omikron?

Als MDR exakt bei Tobias Wenzel ist, bereitet er in seinem Bestattungsinstitut in Marienberg im Erzgebirge eine offene Aufbewahrung vor. Noch bis April 2021 mussten an Corona-Verstorbene in spezielle Leichensäcke eingepackt werden. Aber dann habe die Wissenschaft Entwarnung gegeben. "Das Gefährliche bei der Arbeit mit Verstorbenen ist, wenn man die beim Ankleiden dreht", erklärt der Mann im schwarzen Anzug, mit schwarzem Hemd und grauer Krawatte. Durch die Bewegung könne Luft aus dem Körper entweichen und damit auch Viren. Doch wenn der Verstorbene eingebettet sei und im Sarg ruhig liege, sei die Gefahr sich mit dem Coronavirus zu infizieren sehr gering, wenn man nicht zu dicht herantrete.

Eine offene Aufbahrung ist für viele die einzige Möglichkeit, den Menschen, mit dem man Lebenszeit geteilt habe, noch einmal zu sehen, erklärt Tobias Wenzel. Denn noch immer dürften nur die engsten Angehörigen und auch das nur kurz vor dem Tod zu einem Besuch ins Krankenhaus.

Trotz voranschreitender Omikron-Variante – bei Evelin Mühle ist die Situation in Görlitz derzeit nicht angespannt – es ist nur etwa halb so viel Arbeit wie vor einem Jahr. "Wir haben auch seit etwa sechs Wochen, nicht wirklich viele Corona-Tote, die im Krematorium eingeliefert werden. Das sind vielleicht zehn Prozent", sagt Evelin Mühle. Sie wolle sich über die Ausbreitung der Omikron-Variante im Vorfeld nicht zu viele Gedanken machen, wie sie reagieren könnte, etwa wenn jemand krank werde. Denn oft komme es ohnehin anders und man müsse dann entscheiden. "Ich hoffe, dass wir alle da gut durchkommen: egal ob geimpft, genesen oder getestet."

Quelle: MDR exakt/ mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 09. Februar 2022 | 20:15 Uhr

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