Hintergrund Blockhausbrücke Görlitz schreibt Eisenbahngeschichte weiter

Die Deutsche Bahn hat Görlitz seit Jahren auf das Abstellgleis geschoben. Doch nun mit dem Abriss und Neubau der alten Blockhausbrücke wird ein neues Kapitel sächsischer Eisenbahngeschichte eröffnet. Seit Dienstag können Fußgänger und Radfahrer die Bahnlinie am Viadukt über eine Behelfsbrücke überqueren. Zugleich hat damit der Abriss der Blockhausbrücke zugunsten der Elektrifizierung begonnen.

Neue Behelfsbrücke für Fußgänger und Radfahrer
Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Die Eisenbahn dampft seit 1847 nach Görlitz und zwar von Dresden mit der Sächsisch-Schlesischen Eisenbahn, vom heutogen Węgliniec (früher Kohlfurth) kam die Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn und zwei Jahre später waren auch die Verbindungen Berlin-Görlitz und Görlitz-Prag fertiggestellt. Die Elektrifizierung der Strecke Dresden-Görlitz-Breslau erfolgte 76 Jahre später. Die Elektrifizierung der Bahnstrecken sowie das zweite Gleis auf weiten Streckenabschnitten verschwanden nach dem Zweiten Weltkrieg als Reputationsleistung in die Sowjetunion. Eisenbahnfans können in den einstigen Bahnhof Mikułowa pilgern. Noch immer stehen auf dem heute polnischen Knotenpunkt unweit der Grenze Schleuderbetonmasten in Tandemanordnung, die einzigartig in Europa sind.

historisches Foto mit Viadukt, Neiße und Eisenbahn mit Dampflok
Bereits 1847 wurde Görlitz an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Nach der Überquerung des 35 Meter hohen Neißeviadukts rollt der Zug unter die Blockhausbrücke. Bildrechte: Ratsarchiv Görlitz

Ein Knotenpunkt auf dem Abstellgleis

Auch ohne Fahrdrahtleitung gab es einst von Görlitz aus attraktive, oft sogar direkte Zugverbindungen u.a. nach Berlin, Leipzig, Prag und über Breslau, Krakau sogar Nachtzüge bis nach Kiew. Die DDR war seinerzeit wirtschaftlich nicht in der Lage, die demontierten Gleisanlagen wieder herzustellen. Doch erst die Deutsche Bundesbahn schob den Knotenpunkt Görlitz endgültig aufs Abstellgleis. Internationale Verbindungen wurden gekappt. Die Elektifizierung, bereits 1990 geplant, immer wieder verschoben.

Blick auf Neißeviadukt Polnische Fahrleitungen enden in der Mitte
Nach einem deutsch-polnischen Staatsvertrag soll die Strecke Dresden-Görlitz-Wrocław elektrifiziert werden. Polen hat sich daran gehalten. Deren Fahrdraht endet auf dem Neißeviadukt direkt auf der Grenzlinie. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Auch der Staatsvertrag von 2003 änderte nichts an dem Dilemma. Deutschland und Polen vereinbarten, die Strecke Dresden-Görlitz-Wrocław wieder zu elektrifizieren. Bislang hat sich aber nur Polen an den Staatsvertrag gehalten. Deren Fahrdraht endet deutlich sichtbar seit Jahren direkt an der Grenzlinie auf dem 475 Meter langen Neißeviadukt.

Bagger bei Abrissarbeiten an der Blockhausbrücke
Nach 151 Jahren wird die marode Blockhausbrücke durch einen Neubau ersetzt, der heutigen Anforderungen, u.a. für die Elektrifizierung der Strecke entspricht. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Ersatzbrücke für Radfahrer und Fußgänger

Ein weiteres Hindernis war die Blockhausbrücke an der Neiße an der Friedenshöhe. Die Durchfahrthöhe war für die heutige Elektrozüge zu gering. Die Deutsche Bahn verlangt eine Mindesthöhe von 6,20 Meter. Nicht nur deshalb, sondern auch aufgrund ihres maroden Zustands soll die Blockhausbrücke für 1,7 Millionen Euro neu gebaut werden. Damit Fußgängern und Radfahrern bis zum Abschluss der Bauarbeiten ein kilometerlanger Umweg erspart bleibt, ist in der Nacht zu Dienstag eine provisorische Brücke aus Aluminium auf die vorbereiteten Fundamente gehoben worden.

Blick unter die provisorische Brücke für Radfahrer und Fußgänger
Die 33 Meter lange "Ersatz"-Brücke wurde in der Nacht zum Dienstag montiert. Sie erspart Fußgängern und Radfahrern einen kilometerlangen Umweg. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Anwohner schauten sich das Spektakel an. "Das war beeindruckend, wie schnell und passgenau sie gearbeitet haben", sagt ein Anwohner von der Goethestraße. Immerhin wiegt die Ersatzbrücke neun Tonnen und ist knapp 33 Meter lang.

Neues Kapitel in der unendlichen Eisenbahngeschichte

Knapp zwei Wochen dauern die Abrissarbeiten an der Blockhausbrücke. Der Neubau schließt die Anpassung der Blockhausstraße zwischen der Sattigstraße im Süden und der Bahnhofstraße im Norden ein. Gehwege wird es wieder auf beiden Seiten der Brücke geben. Radfahrer sollen einen Schutzstreifen auf der Fahrbahn bekommen. Die neue Blockhausbrücke erleichtert nach ihrer Fertigstellung Besuchern aus dem Norden und der Altstadt den Zugang zur Landskron-Kulturbrauerei. Die Behelfsbrücke für Fußgänger und Radfahrer wird dann umgesetzt. Sie ersetzt künftig eine marode Holzbrücke im Kidrontal, einer Parkanlage am Rand des Plattenbauviertels Könighufen.

Blockhausbrücke mit Seniorenresidenz im Hintergrund
Die Durchfahrtshöhe der alten Blockhausbrücke reicht für eine Elektrifizierung nicht aus. Der 1,7 Millionen Euro teure Neubau erfüllt die Voraussetzungen. Nur wann die Bahnstrecken elektrifiziert werden, ist weiterhin unklar. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Einziger Wehrmutstropfen beim Brückenneubau: Wann die Strecken Görlitz - Dresden sowie Görlitz - Cottbus elektrifiziert werden, steht weiterhin in den Sternen. Aus dem Strukturwandel-Fond kommt keine Kohle für die Elektrifizierung von Bahnstrecken in der Oberlausitz.

Doch mit dem Ersatzneubau beginnt ein neues Kapitel der Sächsisch-Schlesischen Eisenbahngeschichte. Nach der Fertigstellung will die polnische Eisenbahn ihren Fahrdraht bis in den Görlitzer Bahnhof führen. Damit können Reisende problemlos eine Zeitreise unternehmen. Auf deutschen Gleisen werden wahrscheinlich noch einige Jahre lang Dieseltriebzüge unterwegs, während auf polnischer Seite Züge - auch dank der Fördertöpfe der EU - bereits elektrisch unterwegs sind.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen | 20. Juli 2021 | 05:30 Uhr

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