Lausitzer Seenland Streit um Vogelschutzzone auf dem Bärwalder See

Sachsens größter See ist die Hoffnung in der Oberlausitz. Wenn das Kraftwerk in Boxberg mit dem Kohleausstieg spätestens im Jahr 2038 abgeschaltet ist, soll Wassertourismus am Bärwalder See die Wirtschaft ankurbeln helfen. Es gibt bereits einen Hafen, Camping- und Angelplätze. Segler, Kitesurfer und Motorboote ziehen übers Wasser. Doch die Boxberger fürchten um ihre Vision. Eine Fahrverbotszone mitten auf der Wasserfläche des See könnte den Tourismusmotor zum Stottern bringen.

Ein Boot auf dem Bärwalder See vor einem Leuchtturm
Sachsens größter See ist die Hoffnung in der Oberlausitz. Wenn das Kraftwerk in Boxberg abgeschaltet ist, soll Wassertourismus am Bärwalder See die Wirtschaft ankurbeln. Bildrechte: MDR/Katrin Funke

Das Sperrgebiet ist trapezförmig, ungefähr einen Kilometer breit und zwei Kilometer lang. Diese Fläche mitten im Bärwalder See darf kein Wasserfahrzeug kreuzen, um Entenvögel nicht zu verschrecken. Für die Nutzer des Sees - der sächsische Angler- und Seglerverband - ist die Vogelschutzzone zu viel des Guten. Auch einige Boxberger empfinden so. Einstimmig hat sich der Gemeinderat von Boxberg gegen die gesperrte Wasserfläche ausgesprochen. Denn mit ihr könne der See für Tourismus und Wassersport nicht attraktiv bleiben, ist man überzeugt. Damit würden die Investitionen, die auch aus Fördermitteln bezahlt wurden, in Frage gestellt, sagt Gemeinderat Gunna Sock von der Wählervereinigung Boxberg.

Wir haben so viel Kraft und Geld investiert, es wäre Wahnsinn, wenn das alles den Bach runtergeht.

Gunna Sock Gemeinderat von Boxberg (Wählervereinigung)

Schutz von störungsempfindlichen Vögeln

Laut Landesdirektion dient die gesperrte Wasserfläche dazu, seltene Vögel in ihrem Lebensraum zu schützen. Unter anderem rasten hier Pracht- und Sterntaucher. "Die Tiere sind gegenüber dem Bootsverkehr außerordentlich störungsempfindlich", heißt es von der Landesdirektion. Eigentlich hätte man die Schutzzone gern noch ausgeweitet. Das führte bereits im vergangenen Sommer zu einem Aufschrei und großen Diskussionen. So blieb man bei dieser Variante.

Eine trapezförmige Wasserfläche mitten im Bärwalder See soll aus Naturschutzgründen nicht schiffbar bleiben.
Eine trapezförmige Wasserfläche mitten im Bärwalder See soll aus Naturschutzgründen nicht schiffbar bleiben. Bildrechte: Grafik:MDR/Thorsten Kügler

Doch auch mit der Trapezvariante hat der Sächsische Anglerverband Elbflorenz seine Probleme, wie René Häse erklärt. "Wir als Angler haben eine Hegeverpflichtung. Dafür müssen wir auf den ganzen See." 170.000 Euro habe der Anglerverband in den vergangenen Jahren in den naturnahen Fischbesatz des Sees investiert. In der Schutzzone befinden sich Flachwasserbereiche, wo die Fische vor allem seien, so Häse. Der Anglerverband hätte gern einen Kompromiss, der auch die Naturschutzinteressen berücksichtigt. Im jüngsten Gespräch mit der Landesdirektion sei leider keine Lösung gefunden worden, so Häse.

Keine professionellen Regatten möglich

"Dieses Vogelschutzgebiet ist denkbar ungünstig für uns", sagt Frank Miersch vom Lausitzer Segelclub Bärwalder See. Erst 2015 haben die Segler ihr Vereinshaus am See gebaut. Weil es am Knappensee zu Rutschungen kam und er stabilisiert werden muss, zogen die Segler um. Neben dem Bärwalder See standen auch der Partwitzer und der Geyerswalder See zur Debatte. Die Wahl fiel auf Sachsens größtes Binnengewässer, auch wegen der idealen Segelvoraussetzungen. "Anfangs gab es das Vogelschutzgebiet auf dem Wasser nicht", sagt Miersch. Nun müssen sie um die gesperrte Trapezfläche drumherum segeln.

So ein Viereckskurs ist aber unüblich. Bei Regatten werden Dreieckskurse gesetzt. Professionelle Wettkämpfe sind so nicht möglich, meint Miersch. "Unser Hauptproblem ist, dass wir Ranglistenregatten nicht durchführen können." Hätte man vorher von dem Schutzgebiet gewusst, wäre das Vereinshaus am Bärwalder See nie gebaut worden. "Was sollen wir an einem See, auf dem wir nicht segeln können", fragt Miersch. Zudem will er im Sommer bisher nicht so viele Vögel dort gesehen haben.

Was sollen wir an einem See, auf dem wir nicht segeln können?

Frank Miersch Lausitzer Segelclub Bärwalder See

Naturschützer: Ruhezonen sind wichtig

Die zwei Naturschutzzonen an den Uferwasserbereichen des Sees reichten als Ruhezonen für die Tiere nicht aus, sagt dagegen Jochen Bellebaum von Vogelschutzwarte Neschwitz. Die zentrale Zone direkt auf dem Wasser sei entwickelt worden, weil gerade dieser Bereich ein wichtiges Rastgebiet für Vogelarten geworden ist. Im Sommer seien weniger Vögel da, bestätigt auch Bellebaum. Aber: "Der Bärwalder See ist, was die Rastvogelbestände angeht, eine Ausnahmeerscheinung."

Der Bärwalder See sei als Tagebaurestloch zwar ein Gewässer, das von Menschenhand geschaffen wurde, aber auch hier gebiete sich gegenseitige Rücksichtnahme, findet der Kreisnaturschutzbeauftragte Michael Striese. "Ob die Vogelschutzzone nun unbedingt in der Mitte des See liegen muss, sei dahingestellt", meint Striese.

Der Bärwalder See hat sich zu einem ganz wichtigen Rastgewässer entwickelt.

Michael Striese Kreisnaturschutzbeauftragter

Erneute Prüfung der Schutzzone möglich

Ob das Sperrgebiet im Wasser wirklich sein muss, prüft die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Görlitz. Bereits vor einem Jahr, am 11. Februar 2020, hatte die Gemeinde Boxberg an die Landesdirektion einen sogenannten Antrag auf Befreiung in Bezug auf die Ausweisung der zentralen Schutzzone gestellt. Drei Wochen später schob Boxberg einen zweiten Antrag nach, mit der Bitte, ob man nicht wenigstens zeitweise auf die gesperrte Wasserfläche dürfe. "Denn das Bundesnaturschutzgesetz und das Landesnaturschutzgesetz, die geben das tatsächlich her", sagt Roman Krautz, Projektkoordinator Bärwalder See der Gemeinde Boxberg.

Tourismus ist ein kleines Standbein, aber es ist auf alle Fälle in Standbein im Strukturwandel. Das zu bremsen, geht genau in die falsche Richtung.

Roman Krautz Projektkoordinator der Gemeinde Boxberg

Luftaufnahme vom Lausitzer Seenland
Luftaufnahme des Lausitzer Seenlandes. Bildrechte: LMBV/Peter Radke

In der Behörde verschlampt

Bisher hat die Untere Naturschutzbehörde den Fall aber nicht geprüft. Man sei von der Landesdirektion zu den Befreiungsanträgen der Boxberger nicht befragt worden, heißt es auf Nachfrage von MDR SACHSEN im Landratsamt. "Warum nicht?" MDR SACHSEN hakt bei der übergeordneten Landesbörde nach. Der Antrag der Gemeinde Boxberg sei unvollständig und damit nicht bearbeitbar, erklärt die Landesdirektion. Man wollte deshalb erst die Gemeinde bitten, das Fehlende zu ergänzen. "Aufgrund eines technischen Büroversehens hat diese Information die Gemeinde Boxberg bis dato nicht erreichen können", so die Landesdirektion.

Quelle: MDR

4 Kommentare

Anni22 vor 5 Wochen

@ Huk Bitte umweltbewust nicht mit "grün" verwechseln, da liegen Welten dazwischen ;-)! Übrigens habe ich nicht geschrieben, das Angler böse sind, nur wichtig sind sie nicht für das Ökosystem ;-)!

Anni22 vor 5 Wochen

@ Huk Oha, da fehlt ein wenig Grundlagenwissen.
Nur Zugvögel verlassen das Land. Und das ist nicht unwichtig, sonst gibt es im Norden gar keine Vögel mehr, wenn diese nicht in wärmeren Gefielden überwintern können.
Einige unsere Arten (Insektenfressen z.Bsp.) überwindern im Süden, weil hier schlicht im Winter nicht genug Insekten sind. (Wäre es okay, wenn die dort alle getötet werden?)
Vögel sind wichtige Indikatoren für den Zustand von Lebensräumen. Im Naturhaushalt spielen Vögel eine wichtige Rolle, z.B. als Blütenbestäuber, Samenverbreiter und Schädlingsvertilger.
Vögel sind für ein intaktes Biotop unverzichtbar!
Übrigens sind Gänse usw auch Vögel, kann man auch essen.
Jede Art hat ihre Aufgabe im System.
Ob der Mensch diese essen kann, ist unwichtig.
Angler sind übrigens entbehrlich! Aber Gewässer- und Fischschützer sind wichtig, genau wie Vögelschützer, Unkenretter usw!

02NutzerLVZ vor 6 Wochen

Dass sich der Anglerverband gegen die Schutzzone ausspricht ist schon bezeichnend. Als "anerkannter Naturschutzverband" in Sachsen sollte man eigentlich anders reagieren. Doch offensichtlich ist fängt man die Fische nur in der Mitte des Sees.

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