Intensivbetten knapp Klinikum Zittau bestätigt Berichte zu Triage bei Corona-Patienten nicht

In der Corona-Pandemie haben Wissenschaftler anfangs gewarnt: Dass es zu einer Lage kommen könnte, bei der Kliniken enscheiden müssen, wem sie zuerst helfen. Am Klinikum Zittau ist die Triage zum Thema geworden, nachdem der Chefarzt sich entsprechend geäußert hat. Die Geschäftsleitung will die Auswahl von Patientinnen und Patienten in Notsituationen aber nicht bestätigen. Die Regierung in Dresden spricht von einem Hilferuf, der Landrat warnt vor Panikmache.

Klinikum Zittau
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Das Oberlausitzer Bergland-Klinikum in Zittau hat Berichte zu einer möglichen Triage bei Corona-Patienten nicht bestätigt. Die Versorgungssituation sei aber extrem angespannt, teilte das Klinikium mit. Nach Angaben der Geschäftsführung musste die Zahl der Betten für Corona-Patienten inzwischen deutlich reduziert werden. Die personelle Betreuung konnte demnach durch mehrere Ausfälle von Mitarbeitern nicht mehr gewährleistet werden. Bei Bedarf würden Patienten in umliegende Krankenhäuser verlegt. Sollte das auch nicht mehr möglich sein, verschärfe sich die ohnehin angespannte Situation deutlich. Triage bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen.

In Zittau und am zweiten Standort Ebersbach-Neugersdorf hat das Klinikum 100 Betten für Coronafälle freigehalten. Dafür mussten andere Stationen geschlossen werden. In Spitzenzeiten seien schon 85 Betten belegt gewesen, so das Klinikum. Wieviele der Betten Intensivbetten sind, konnte eine Sprecherin nicht sagen. Aber auch in der Intensivmedizin stoße man an "die Grenzen des Leistbaren."

Leitstelle bestätigt Verlegung von Patienten

Auch der Chef der Leitstelle, Christian Kleber, bestätigte in Dresden, dass in den vergangenen Tagen "verstärkt" Patienten aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz in entferntere Krankenhäuser verlegt werden mussten. Diese Transporte nach Dresden und Leipzig gebe es immer dann, wenn regionale Krankenhäuser keine Aufnahmekapazitäten für Corona-Patienten mehr hätten. Die Leitstelle steuert die Kapazitäten in Ostsachsen. Noch habe es sich um Einzelfälle gehandelt. Es sei aber davon auszugehen, dass die Zahl der Fälle in den kommenden Tagen zunehmen werde. Konkrete Angaben zur Situation in Zittau machte Kleber nicht. Der Görlitzer Landrat Bernd Lange sagte MDR SACHSEN, allein heute seien acht Patienten in Kliniken in Leipzig, Sachsen-Anhalt und Brandenburg verlegt worden.

Chefarzt äußert sich in Online-Forum

Ein Reporter des Deutschlandfunks hatte getwittert, dass der Ärztliche Direktor Mathias Mengel in einem Online-Forum gesagt habe, im Klinikum Zittau habe schon mehrfach triagiert werden müssen, weil nicht genug Beatmungsbetten zur Verfügung stünden.

Dem Nachrichtenportal t-online erklärte der Mediziner: "Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht." Es werde versucht, die Patienten, für die es keine Versorgung gibt, in eine andere Klinik zu verlegen, sagte Mengel demnach. "Aber wir sind im Epizentrum, manche Häuser nehmen gar nicht mehr auf." Die Entscheidung könne auch bedeuten, dass es für einen nicht verlegungsfähigen Patienten dann keine entsprechende Hilfe mehr gebe.

Gesundheitsministerin versteht Äußerungen als "Warnruf"

Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping bezeichnete die Äußerungen des Ärztlichen Direktors als "Warnruf". Die Verantwortlichen hätten damit zeigen wollen: "Wir wissen bald nicht mehr, wie wir die Patienten versorgen sollen", sagte die Ministerin am Rande einer Landtagsdebatte in Dresden. Den Fall selbst könne sie nicht bestätigen, sagte die SPD-Politikerin. Sie verwies darauf, dass es in Sachsen eine gute Abstimmung unter den Krankenhäusern in den Cluster-Regionen Chemnitz, Dresden und Leipzig gebe.

Petra Köpping Sozialministerin Sachsen exakt
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Es wird tagtäglich mit einer Leitstelle abgestimmt, welcher Patient mit welcher Erkrankungsschwere in welches Krankenhaus gebracht werden kann.

Petra Köpping Gesundheitsministerin in Sachsen

Ähnlich äußerte sich Ministerpräsident Michael Kretschmer, der auch auf die "geltenden ethischen und medizinrechtlichen Standards verwies. Danach werde in Zittau und überall in Sachsen gearbeitet, sagte der CDU-Regierungschef in Dresden. Es gebe keine Covid-19-Regeln, die davon abweichen würden. Der medizinischen Behandlung liege immer eine individuelle Abwägung zugrunde. "Die Wortmeldung aus Zittau ist ein Hilferuf", so Kretschmer.

Landrat warnt vor Panikmache

Der Görlitzer Landrat Bernd Lange will die Äußerungen des Ärztlichen Direktors nicht überwerten und spricht von Panikmache in den Medien. Der Chefarzt sei extrem belastet und habe mit seinen Äußerungen auf die schwierige Lage des Personals aufmerksam machen wollen, sagte Lange MDR SACHSEN: "Wie gehen wir mit der Situation um, wen nehmen wir als erstes in die Intensivbetten rein, wen nehmen wir in die Beatmung rein, wer könnte noch verlegt werden." Das seien alles Entscheidungen, die die Ärzte treffen müssten. "Was daraus gemacht wurde, ist eher eine Verängstigung," so Lange.

Der Landkreis Görlitz, in dem die Klinik liegt, gehört zu den absoluten Corona-Hotspots in Deutschland. Nach Angaben des sächsischen Sozialministerium lag die Sieben-Tages-Inzidenz dort am Dienstag bei über 500.

Quelle: MDR/kb/uw/dpa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 16.12.2020 | 19:00 Uhr

6 Kommentare

Ritter Runkel vor 18 Wochen

Allein verantwortlich für so gut wie alle vermeidbaren Todesfälle im deutschen Krankenhauswesen sind die Personen und Institutionen, welche das volksgesundheitlich grundierte staatliche Gesundheitswesen zum „Gesundheitsmarkt“ umbauten, in dem Gesundheit, Vorsorge und Lebensrettung nicht mehr der Zweck der Veranstaltung ist, sondern das Mittel wirtschaftlicher Bereicherung sein soll und den Zwecken der Geldvermehrung unterworfen worden ist.
Das sind dieselben Personen und Institutionen, die sich aktuell als treu sorgende Lebensretter stilisieren. Das eigentlich vermeidbare Sterben hört ja deswegen auch in diesem Jahr nicht auf und unterscheidet sich aktuell ausschließlich dadurch, dass Überlastung und Sterbezahlen nun jede Stunde in den Nachrichten gemeldet werden.

AufmerksamerBeobachter vor 18 Wochen

Erinnert an alte Zeiten in der DDR. Man durfte 'es' nicht 'Mauer' nennen - nein, das heißt 'antifaschistischer Schutzwall, verstanden?!!'

Heute ist es die Triage.. Die sächs. Politik möchte nicht mit Bergamo (=Versagen, Schlamperei und Kontrollverlust der medizinischen Einrichtungen in Sachsen) konfrontiert werden - nur wenn es so war, dann sind die Fakten halt die FAKTEN!

In zwei, drei Wochen redet davon niemand mehr. Dann sind 1000er Inzidenzen der Normalfall.. hoffentlich hat man wenigstens für Verlegungen vorgesort in andere Kliniken, in anderen Bundesländern. Das hat jetzt Priorität. Vom Landkreise abriegeln allein wird kein Intensivbett frei.

Querdenker vor 18 Wochen

Zitat Ärztliche Direktor Mathias Mengel: „"Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht." Es werde versucht, die Patienten, für die es keine Versorgung gibt, in eine andere Klinik zu verlegen, sagte Mengel demnach.“

Das mag zwar (noch) keine Triage in dem Sinne sein, was man landläufig darunter versteht, Tatsache ist aber, dass die Krankenhäuser langsam volllaufen mit Corona-Patienten. Auch geht es nicht nur um freie Betten auf dem Papier, sondern auch, ob das nötige Personal vorhanden ist.

Beispiel Berlin siehe Grafik: „tagespiegel Mehr schwere Corona-Fälle als im Frühjahr: So ist die Lage auf den Berliner Intensivstationen“

siehe „mdr Alle Kliniken voll: Covid-Patientin wird eine Stunde umhergefahren“

Zitat: „So war in der vergangenen Nacht ein Wagen mit einer Covid-19-Patientin eine Stunde lang unterwegs, bis eine Klinik mit freien Kapazitäten erreicht wurde.“

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