Demografie Mit "Enkeltauglichkeit" hat Nebelschütz neue Einwohner gewonnen

Der dramatische Bevölkerungsschwund nach 1989 in Ostdeutschland hat sich einer Studie zufolge verlangsamt. Kreative Ideen und eine "neue Landlust" tragen dazu bei. Der Gemeinde Nebelschütz in der Oberlausitz gelang es sogar, die Bevölkerungszahl zu steigern.

Das Tor zur Oberlausitz ist Njebelčicy/Nebelschütz - hier gibt’s Landurlaub inmitten von sanften Hügeln.
Nebelschütz im Landkreis Bautzen gilt als das Tor zur Oberlausitz und lockt junge Menschen an. Bildrechte: MDR/Rainer Weisflog

Die Gemeinde Nebelschütz im Landkreis Bautzen kämpft erfolgreich gegen die Abwanderung der Bevölkerung. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor. Die Gemeinde schaffte es demnach seit 1990 die Zahl der Einwohner um 5,5 Prozent zu steigern. Derzeit wohnen dort reichlich 1.200 Menschen. Gelungen sei dies mit einer Ausrichtung der ganzen Gemeinde auf "Enkeltauglichkeit", berichtete Bürgermeister Thomas Zschornak.

Startup, Hofladen, Künstlerwerkstatt

Unter anderem seien die Kinder bei der Gestaltung der Kita nach ihren Wünschen gefragt worden. Die Gemeinde kümmerte sich aber auch darum, dass sich ein Hofladen ansiedelte und ein alter Steinbruch als Biotop und Künstlerwerkstatt erhalten blieb. Darüber hinaus ließen sich mit Hilfe der Gemeinde drei junge Gründer mit einem Startup im Ort nieder.

Wir können uns nicht mehr retten vor Nachfragen.

Thomas Zschornak Bürgermeister von Nebelschütz

Anders sieht es im 60 Kilometer entfernten Weißwasser in der sächsischen Oberlausitz aus. Die Stadt hat seit 1990 mehr als 55 Prozent ihrer Einwohner verloren und zählt nun noch knapp 16.000.

Abwanderung von 2,3 Millionen Menschen

Die Studie "Von Umbrüchen und Aufbrüchen" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung untersucht die demografische Entwicklung im Osten, deren Folgen und die Gegenmaßnahmen einzelner Kommunen. Unter dem Strich haben die ostdeutschen Flächenländer ohne Berlin zwischen 1990 und 2020 demnach 2,3 Millionen ihrer damals 14,8 Millionen Einwohner verloren, während die westdeutschen Länder 5,4 Millionen Menschen hinzugewannen.

Sterbezahlen höher als Wegzug

Kreative Ideen vor Ort und zuletzt auch die "neue Landlust" hätten geholfen, den Trend etwas abzubremsen. "Eine Umkehr der demografischen Entwicklung ist aber nicht in Sicht", schreiben die Autorinnen. Grund dafür sei weniger der Wegzug als die hohen Sterbezahlen. Das Durchschnittsalter in besonders abgelegenen ostdeutschen Gemeinden liege bei 50 Jahren und damit fünfeinhalb Jahre höher als in Westdeutschland, hieß es. Insgesamt hat die Studie zwölf Gemeinden mit sehr unterschiedlicher Entwicklung untersucht.

Fakten der Studie im Überblick - zwölf Gemeinden untersucht
- Das waren wichtige Faktoren: Neben dem gesellschaftlichen Umbruch kamen in Ostdeutschland neue Krisen, Fluten und die Corona-Pandemie hinzu.
- pragmatisches Handeln über Parteigrenzen hinweg und Ausprobieren von ungewöhnlichen Ideen waren erfolgreiche Lösungsstrategien.
- Besonders kleine Kommunen sind auf Netzwerke und Partner bei der Krisenbewältigung angewiesen.
- Die Innovationsfähigkeit hängt von den handelnden Personen ab.
- Ohne guten Internetanschluss funktioniert nichts.
Quelle: Susanne Dähner, Mitautorin der Untersuchung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Quelle: MDR/sth/dpa/epd

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