Cannabis und Alkohol Prävention an Schulen nötig: Erhöhter Drogenkonsum bei Minderjährigen

Der Rauschmittelkonsum bei Minderjährigen hat zugenommen. Cannabis und Alkohol stehen an erster Stelle. Doch an Schulen, wo Minderjährige einen großen Teil ihrer Zeit verbringen, manche Schüler sogar auf dem Pausenhof dealen, wird seitens der Lehrer ungern über das Thema gesprochen. Zu groß ist die Furcht, das Image der Schule zu beschädigen.

Cannabis
Der Rauschmittelkonsum bei Kindern und Jugendlichen hat zugenommen, vor allem der erhöhte Cannabiskonsum bei Minderjährigen fällt den Suchtberatern auf. Bildrechte: colourbox

"Es war einfach, an Stoff heranzukommen. Es gab Schüler, die dealten und das war auch bekannt", erinnert sich Anne* an ihre Schulzeit an einem Gymnasium im Görlitzer Landkreis. Ein Klassenkamerad sei einmal im Unterricht völlig drauf gewesen. Das war vor gut zehn Jahren. Inzwischen ist Anne selbst Lehrerin und eine Befürworterin von regelmäßiger Präventionsarbeit im Unterricht.

"Ich finde es auch wichtig, die Schülerinnen und Schüler zu schützen, die nichts mit Drogen zu tun haben wollen – für mich war es damals phasenweise sehr belastend", erinnert sich die junge Lehrerin. Auch heute gebe es an allen Schulen Vorfälle mit Drogen. Das beginne bei Zigaretten und Alkohol. Auch Cannabis sei mittlerweile gängig.

Ich finde es auch wichtig, die Schülerinnen und Schüler schützen, die nichts mit Drogen zu tun haben wollen.

Lehrerin aus dem Landkreis Görlitz

Rauschmittelkonsum hat zugenommen

Die Erlebnisse der Lehrerin decken sich mit den Zahlen, die der Görlitzer Landkreisverwaltung aktuell aus der Gesundheitsversorgung und dem Suchthilfesystem gemeldet wurden. Der Drogenkonsum insgesamt habe stark zugenommen und es bestehe eine hohe Offenheit von jungen Konsumenten gegenüber Cannabis und Alkohol, bestätigte Landkreissprecherin Julia Bjar auf Anfrage von MDR SACHSEN. Dazu gebe es Hinweise, dass sich die Corona-Pandemie auf das Konsumverhalten illegaler Drogen aber auch von Alkohol und Tabak ausgewirkt habe.  

Jugendliche rauchen Joints und trinken Bier
Viele Jugendliche rauchen oder trinken aus Langeweile. Zumindest wird das in den Beratungsstellen oft als Grund geschildert. Bildrechte: Colourbox.de

Furcht vor Imageschaden: Schulen halten sich bedeckt

Doch an Schulen, wo Minderjährige einen großen Teil ihrer Zeit verbringen, wird darüber selten offen gesprochen. Zu groß ist die Furcht, das eigene Image zu beschädigen und als "Drogenschule" gebrandmarkt zu werden. Das beobachtet Niko Hippauf vom Sozialteam - Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle in Görlitz. Für Schulen seien Probleme mit Drogen ein rotes Tuch. "Ich würde mir da mehr Offenheit wünschen", sagt der Mitarbeiter der Suchtberatung.

Ich würde mir bei den Schulen mehr Offenheit wünschen.

Niko Hippauf Suchtberater

Laut Hippauf gehört es für Jugendliche in ihrer Entwicklung dazu, mit Rauschmitteln wie etwa Alkohol erste Erfahrungen zu machen. Die Frage sei aber, was passiert danach? Deshalb gelte es aufzuklären und Persönlichkeiten zu stärken, damit Heranwachsende nicht in eine Sucht hineinrutschen.

Glücksbus: Präventionsangebot im ländlichen Raum

So steuert der Suchtberater regelmäßig mit dem Glücksbus Schulen im Landkreis an. Dieser bunte Bus ist eine mobile Ausstellung und als sachsenweites Angebot gezielt für den ländlichen Raum gedacht. Jugendliche können in dem Glücksbus verschiedene Stationen ablaufen und ihre Sichtweisen auf Glück, Identität, Konsumrisiken und Rauschmittel reflektieren. Auch wird informiert, wo sich die Jungen und Mädchen Hilfe holen können, wenn sie selbst mit der Situation nicht mehr klarkommen. "Beratungsangebote sind nichts Schlimmes", betont Hippauf.

Die Suchtberatung ist auch für Eltern eine Anlaufstelle. Die dortigen Experten geben Hinweise, welche Wesensveränderungen auf ein Drogenproblem hindeuten könnten und sie helfen Müttern und Vätern, einen Zugang zu ihrem Kind zu bekommen. "Druck auszuüben, ist da kontraproduktiv", weiß Hippauf aus langjähriger Erfahrung.

Der bunte Glücksbus der Suchtprävention Sachsen.
Der bunte Glücksbus der Suchtprävention Sachsen steuert Schulen im ländlichen Raum an. Bildrechte: Reinhardt Krauss

Görlitz: Geld für Prävention an Schulen wird kaum genutzt

Finanziell ist die Stadt Görlitz in Sachen Drogenprävention vorbildlich aufgestellt: Seit zwei Jahren gibt es genau dafür im städtischen Haushalt ein Sonderbudget in Höhe von 25.000 Euro. Unter anderem hatte die Stadträtin Yvonne Reich (Bürger für Görlitz) für das Geld gekämpft. 10.000 Euro stehen seither allein für Präventionsprojekte an Schulen zur Verfügung. "Wir dachten das schlägt total ein", erinnert sich Reich.

Schulen müssen sich für Präventionsprojekte nicht outen.

Yvonne Reich Stadträtin in Görlitz

Doch bis heute wurde nur wenig Geld von den Schulen abgerufen. Vielleicht lag es an der Pandemie. Aber die Stadträtin vermutet auch, dass Schulen das Thema scheuen. "Sie wollen nicht im Mittelpunkt eines Drogenproblems stehen", sagt Reich. "Dabei muss sich eine Schule gar nicht outen", sagt die Stadträtin. Man könne das Geld für präventive Projekte anonym über das Schulamt beantragen.

Die Suchtberatungsstelle (SBB) in Görlitz richtet sich nach Angaben der Landkreisverwaltung auf einen steigenden Beratungsbedarf ein. Die Stationen der kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken des Landkreises, wo Suchtdiagnosen einen großen Anteil ausmachen, sind ausgelastet. "Aufgrund der Fülle der Anmeldungen ist die Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie nur sehr eingeschränkt in der Lage, alle Patientinnen und Patienten zeitnah adäquat zu therapieren", teilte die Landkreisverwaltung mit.

Eine Schülerin schreibt ihre Gedanken an einer Station im Glücksbus auf.
Eine Schülerin schreibt ihre Gedanken an einer Station im Glücksbus auf. Bildrechte: Reinhardt Krauss

Cannabis: Einstiegsalter bei 13 bis 14 Jahren

Rauschmittelsucht bei Minderjährigen ist ein bundesweites Problem. Vor allem der Cannabiskonsum sei deutschlandweit insbesondere bei männlichen Jugendlichen gestiegen. Das zeigten Schülerstudien, die 2020 und 2021 in Deutschland durchgeführt wurden, stellt Julia Bjar vom Landkreis Görlitz fest. Das durchschnittliche Einstiegsalter liege demnach zwischen 13 und 14 Jahren.

An erster Stelle stehe der Konsum von Cannabisprodukten, gefolgt von Alkohol. Diese Tendenz bestätigen sowohl die Landesstelle gegen Suchtgefahren (LGS) im Freistaat als auch die Suchtberatungsstellen im Landkreis Görlitz.

Vor allem der erhöhte Cannabiskonsum bei Minderjährigen fällt den Suchtberatern auf. Die Beschaffung der Droge ist beispielsweise durch das Internet leicht. "Teilweise erscheint es so, dass der Alkoholeinstieg immer früher beginnt", wird zudem dem Görlitzer Landkreis aus den Beratungsstellen mitgeteilt.

Mann dreht sich einen Joint (Cannabis)
Vor allem bei männlichen Jugendlichen hat der Cannabiskonsum zugenommen. Bildrechte: imago/Science Photo Library

Sachsen: Mehr als 700 Minderjährige bei Suchtberatung

Sachsenweit wurden im Jahr 2020 laut Daten der Deutschen Suchthilfestatistik (DSHS) 703 Minderjährige gezählt, die Suchtberatungsstellen (SBB) aufsuchten. Das teilte das Sozialministerium auf Anfrage von MDR SACHSEN mit. In mehr als der Hälfte der Fälle ging es den Ratsuchenden um übermäßigen Cannabiskonsum. Dabei erfasst die DSHS nur die Mädchen und Jungen, die mindestens zu zwei Beratungsgesprächen gegangen sind. (siehe Tabelle).

Minderjährige, die in Sachsens Suchtberatungsstellen Hilfe suchten

Statistik der Jahre 2018 bis 2020, die Anzahl der Beratungsstellen steht in Klammern
Suchtproblematik 2018 (38 SBB) 2019 (41 SBB) 2020 (44 SBB)
Cannabinoide (Cannabis, Haschisch ...) 242 323 356
Alkohol 51 52 85
Stimulanzien (vor allem Crystal) 65 83 83
Tabak 7 8 17
Andere Psychotrope Substanzen 8 21 12
Kokain 0 2 1
Opioide 0 1 2
Flüchtige Lösungsmittel 0 1 1
Sedativa/Hypnotika 0 0 2
Essstörungen 3 5 5
Pathologisches Spielen 0 1 0
Exzessive Mediennutzung 14 51 40
Ohne Hauptdiagnose 79 129 99
      Quelle: DSHS

*Name von der Redaktion geändert

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 25. April 2022 | 13:30 Uhr

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