Denkmalschutz Eine Kirche voller Rätsel in Hirschfelde

Die Oberlausitz birgt noch immer viele Geheimnisse. Da wurden uralte Gräberfelder bei Mühlrose entdeckt. Bei den Grufthäusern in Zittau liegt noch vieles im Dunkeln und auch in Görlitz grübeln Experten aus aller Welt über Darstellungen von Musikinstrumenten in der Dreifaltigkeitskirche. Auch eine kleine Vorkirche in Hirschfelde steckt voller Rätsel. Sie wurden jetzt bei ihrer Sanierung entdeckt.

Freigelegte Schriftfragmente
Bildrechte: Uwe Walter

In Hirschfelde reichen die Wurzeln der evangelischen Kirche bis ins 13. Jahrhundert. Von außen ein schlichtes Bauwerk, der Glockenturm wurde erst im 18. Jahrhundert ergänzt. Und trotzdem gehört die Kirche zu den ältesten Gotteshäusern in der Oberlausitz. Vielleicht auch deshalb birgt sie so viele Geheimnisse, die jetzt erst bei der Sanierung der kleinen Vorkirche entdeckt wurden. Manche waren unter dicken Putzschichten verborgen, wie Schriftfragmente, die bis zu 700 Jahre alt sein könnten.

Mit einer Lupen-Brille und einem witzigen Messer löste Torsten Niemoth vom Landesamt für Denkmalpflege vorsichtig einige Putzschichten von der Wand. Darunter werden Spuren von roter Farbe sichtbar. Wahrscheinlich Kritzeleien oder Inschriften, die mit einem Rötelstift an die Wand gemalt wurden. "Wer sich da in Hirschfelde verewigt hat, ist derzeit völlig unklar", sagt der Denkmalpfleger aus Dresden.

Das Entziffern ist sehr schwer, da werden wir Schriftgelehrte dazuziehen müssen, die sich mit dem Mittelalter auskennen. Die werden versuchen, die Schriftfragmente zu entschlüsseln.

Torsten Niemoth Denkmalpfleger
Denkmalpfleger bei der Freilegung von Schriftfragmenten
Denkmalpfleger Torsten Niemoth bei der Freilegung von Schriftfragmenten. Bildrechte: Uwe Walter

Es können Botschaften sein oder möglicherweise haben Pilger, Reisende oder Gläubige nur ihren Namen hinterlassen, wie beispielsweise am Heiligen Grab zu Görlitz. Die Fragmente werden auf den Millimeter genau auf eine Folie übertragen, um sie später auswerten zu können.

Geheimnisvolle Wappen

Die Schriftfragmente sind nicht das einzige Rätsel, welches die Experten bei der Sanierung in Hirschfelde entdeckt haben. Neben einem Fenster wurden zwei Wappen entdeckt, die bislang Experten der Heraldik keiner Familie, keinem Patronat oder Adelsgeschlecht in der Region zuordnen können. Nur so viel ist überliefert, dass der Ritterorden der Johanniter schon im 13. Jahrhundert in Hirschfelde aktiv war und dann bis zur Reformation immer den Pfarrer stellte.

Hirschfelde Die Vorkirche birgt noch viele Geheimnisse

Kirche mit Turm und Vorkirche in Hischfelde
Die Kirche in Hirschfelde hat ihre Wurzeln im 13. Jahrhundert und ist damit eine der ältesten in Region. Bildrechte: Uwe Walter
Kirche mit Turm und Vorkirche in Hischfelde
Die Kirche in Hirschfelde hat ihre Wurzeln im 13. Jahrhundert und ist damit eine der ältesten in Region. Bildrechte: Uwe Walter
Historisches Türschloss am Eingag
Diese Schlösser verschließen nicht nur die Kirchentür, sondern bewahren zahlreiche Geheimnisse im Innern. Bildrechte: Uwe Walter
Unsanierter Treppenaufgang im Innern der Kirche
Möglicherweise sind schon die Ritter vom Johanniter-Orden bis zum 16. Jahrhundert über diese Stufen emporgestiegen. Bildrechte: Uwe Walter
Blick auf Altar und Orgelempore
Mit Folien ist die Baustelle vom Kirchenschiff abgetrennt. Dort gibt die Vorkirche den Experten zahlreiche Rätsel auf. Bildrechte: Uwe Walter
Restaurator in der Vorkirche während der Sanierung
Aus der kleinen Vorkirche soll ein beheizbarer Gemeinderaum werden, der auch im Winter nutzbar ist. Bildrechte: Uwe Walter
Restaurator im Kreuzgewölbe
Die Kirche ist mehrfach umgebaut worden. Das werde auch anhand der Putzschichten sichtbar, sagt Restaurator Ronny Hausmann. Bildrechte: Uwe Walter
Freigelegte Schriftfragmente
Spektakulär: Wahrscheinlich 700 Jahre alte Kritzeleien, die unter Putzschichten zum Vorschein kamen. Bildrechte: Uwe Walter
Denkmalpfleger bei der Freilegung von Schriftfragmenten
Denkmalpfleger Torsten Niemoth legt die Rotelzeichnungen frei. Bildrechte: Uwe Walter
Auf Folie nachgezeichnete Schriftfragmente
Auf Folie werden Schriftfragmente millimetergenau nachgezeichnet, damit sie später Experten entziffern können. Bildrechte: Uwe Walter
Reste eines Wappens
Neben einem Fenster wurden Wappen gefunden. Doch sie gehören zu keinem bekannten Geschlecht in der Oberlausitz. Bildrechte: Uwe Walter
Reste eines Wappens
Die entdeckten Fassungen der Fenster, sowie die Ausmalung und die Wappen sollen erhalten werden. Bildrechte: Uwe Walter
Farbreste aus verschiedenen jahrhunderten am Kreuzgewölbe
Für den Laien kaum sichtbar: Farbreste aus verschiedenen Jahrhunderten am Kreuzgewölbe! Bildrechte: Uwe Walter
Verborgene Nische in der Westwand
Die verborgene Nische in der Südwand: War sie ein Heiligenschrein oder ein Geheimfach? Bildrechte: Uwe Walter
Zugemauertes Westportal
In alten Schriften erwähnt: Das Westportal! Jetzt wurde es wiederentdeckt. Bildrechte: Uwe Walter
Blick auf die Vorkirche mit Absperrgittern
Bislang konnten noch nicht alle Geheimnisse der Kirche in Hirschfelde gelüftet werden. Bildrechte: Uwe Walter
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Blick auf Altar und Orgelempore
Die Kirche in Hirschfelde birgt noch viele Geheimnisse!
Bildrechte: Uwe Walter


Mehrfach war die Kirche umgebaut worden, auch nach ihrer teilweisen Zerstörung durch die Hussiten 1427. Das belegen Putzschichten aus unterschiedlichen Epochen. Unter ihnen war ein weiteres Geheimnis verborgen. Als die Denkmalpfleger die Struktur der Wände untersuchten, wurde in der Südwand ein Hohlraum entdeckt.

Heiligenschrein oder Geheimfach

Die Denkmalpfleger forschten nach und eine Nische kam zum Vorschein. War es eine Art Wandschrank, stand eine Heiligenfigur in der Nische oder war es so eine Art Sakramentshaus, in dem einst die Hostien für die Sterbekommunion aufbewahrt wurden? "Uns ist die Funktion nicht klar, zumal die Nische in der Südwand entdeckt wurde", sagt Denkmalpfleger Niemoth. Normalerweise befindet sich das Sakramentshaus in der Nordwand. Nicht das einzige Fragezeichen für Bauforscher und Denkmalpfleger.

Verborgene Nische in der Westwand
Verborgene Nische in der Südwand. Ihre Aufgabe liegt im Dunkeln: War sie Geheimfach, Sakramentshaus oder diente die Nische als Heiliger Schrein? Bildrechte: Uwe Walter

In Hirschfelde ist die Zuordnung der gesamten Vorkirche noch unklar. Drei Varianten werden derzeit untersucht. Wurde die Vorkirche als Sakristei genutzt, als Nebenraum für Priester, um den Gottesdienst vorbereiten zu können? Hatten sich die Johanniter möglicherweise eine eigene Kirche neben der Hauptkirche eingerichtet oder diente sie als Grabkirche, wurde vielleicht als Hospital genutzt? "Fragen, die wir derzeit nicht beantworten können", meint der Denkmalpfleger.

Wiederentdecktes Westportal

In alten Schriften wurde immer wieder ein alter Eingang in der Kirche erwähnt, der im Westen gelegen haben soll. "Unter vielen Putzschichten wurde das zugemauerte Westportal wieder entdeckt und es soll auch nach der Sanierung sichtbar bleiben", sagt die Architektin Teresa May.

Jetzt bei der Befunduntersuchung sind wir auf viele alte Details gestoßen, die in alten Schriften beschrieben wurden und das ist sehr sehr spannend.

Teresa May Architektin

Trotzdem können auch mithilfe alter Quellen bislang nicht alle Rätsel gelöst werden. In den nächsten Monaten soll aus der Vorkirche ein Gemeinderaum werden, für kleine Feiern oder Gottesdienste auch im Winter. Deshalb erhält der Raum eine Fußbodenheizung.
Die 700 Jahre alten Schriftfragmente, die Reste der Ausmalung aus verschiedenen Epochen und die beiden Wappen sollen sichtbar bleiben. Auch deshalb ist der neue Gemeinderaum weiterhin von Geheimnissen umwittert.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 09. April 2021 | 16:30 Uhr

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