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Kati Wenzel am Schreibtsich im Gemeindeamt. Sie geht ihre ehrenamtliche Arbeit mit ganzer Kraft an, sagt sie. Bildrechte: Emma Kahlert

KommunalpolitikFrauenpower in der Oberlausitz: Kati Wenzel ist Jonsdorfs erste Bürgermeisterin

von MDR SACHSEN

Stand: 27. Februar 2022, 12:00 Uhr

Eine Zugezogene? So jung und gleich noch Bürgermeisterin? Solche Vorbehalte hörte Kati Wenzel aus dem Kurort Jonsdorf öfter, als sie ihren Job als Bürgermeisterin antrat. Das ist mehr als zwei Jahre her. Seitdem erleben die Jonsdorfer frischen Wind und Frauenpower im Amt.

In Jonsdorf in der Oberlausitz hat eine Frau erreicht, was in der Ortsgeschichte vor ihr noch keine geschafft hat: Kati Wenzel hat als erste und gleichzeitig jüngste Frau die Stelle der Bürgermeisterin übernommen. 2016 folgte sie ihrem Partner und zog aus einem Dorf bei Bernstadt nach Jonsdorf. 2019 wurde die damals 37-Jährige zur Bürgermeisterin der Gemeinde ernannt. Wenzel von den Freien Wählern ist damit die erste und jüngste Bürgermeisterin in der Geschichte von Jonsdorf. Und sie ist eine von wenigen Frauen in der Kommunalpolitik in dieser Position. Denn: Frauen sind erheblich unterrepräsentiert.

Ergebnisse der Wahlstatistik von 2021 zeigen, dass von 419 sächsischen Gemeinden nur zwölf Prozent von Bürgermeisterinnen geführt werden.

Veraltete Strukturen erschweren Frauen Politik-Arbeit

Die Politikwissenschaftler Lars Holtkamp und Elke Wiechmann sehen als eine Ursache für den niedrigen Frauenanteil in der Kommunalpolitik, die veralteten Strukturen dieser. Besonders die politische Arbeit im Ehrenamt müsse sich an berufstätige Frauen mit Familie anpassen. Eine Forsa-Umfrage von 2020 bestätigte, dass von den wenigen Bürgermeisterinnen jede zweite ehrenamtlich arbeitet, aber nur etwa jeder vierte Bürgermeister. Die zeitliche Belastung für Frauen in der Kommunalpolitik gilt als größte Herausforderung.

Auch die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wissenschaft (EAF) hat den Faktor Zeit als Problem erkannt. "Frauen leisten noch immer doppelt so viele unbezahlte Familienarbeit. Für Netzwerke brauche ich Zeit, und viele informelle Gespräche, Treffen, finden nach den eigentlichen Sitzungen statt. Die Sitzungs- und Parteikultur müsste sich grundlegend ändern, Sitzungszeiten, Sitzungsorte müssten flexibler gestaltet werden", verlangte Tannaz Falaknaz von der EAF bereits 2020.

Hilfe der Familie für Konzentration aufs Ehrenamt

Kati Wenzel hat all diese Herausforderungen angenommen. Damit sie sich voll auf das Ehrenamt konzentrieren kann, kündigte sie ihren Job als Bankkauffrau. Die zweifache Mutter ging schon eine Woche nach der Geburt ihres mittlerweile eineinhalb Jahre alten Sohns Willi wieder an den Schreibtisch in der Gemeindeverwaltung, um den Aufgaben gerecht zu werden.

Ich muss leben, was ich tue. Und das kann ich nur, wenn ich das voll und ganz mache.

Kati Wenzel | Bürgermeisterin im Ehrenamt

Ihre zwei Söhne sollen trotzdem nicht zu kurz kommen. Dabei hilft ihr ein eng gestrickter Terminplan. "Wenn wir Freizeit haben, werden die Telefone zur Seite gepackt", sagt sie. Ohne die Hilfe ihrer Familie und die finanzielle Unterstützung ihres Partners, der als Vertriebsleiter arbeitet, würde das Konstrukt für sie jedoch nicht funktionieren.

Gegenstimmen aus dem Dorf

Der Weg ins Amt sei auch für Kati Wenzel nicht nur mit Zuspruch verbunden gewesen. Als junge, zugezogene Frau ohne politische Erfahrungen, musste sie sich im Dorf gegen einige Vorurteile durchsetzen, erzählt sie rückblickend. Für viele Einheimische war sie eine Fremde. Nach mehr als zwei Jahren Amtszeit bemerken die Bürgerinnen und Bürger frischen Wind der Bürgermeisterin und akzeptieren sie. "Ich werde nun ernst genommen und nicht mehr belächelt", sagt sie. Trotzdem bräuchte man als Frau in so einem Amt ein dickes Fell, so Wenzel.

Jonsdorf soll lebendiger werden

Jonsdorf hat für die Bürgermeisterin alles, was sich eine junge Familie wünscht: vom Kindergarten über Grundschule bis zu einem eigenem Einkaufsmarkt, sagt sie. Damit das so bleibt, will sich die gebürtige Sächsin für ihr 1.500-Einwohner-Dorf einbringen. Besonders der touristische Ausbau der Sehenswürdigkeiten im Ort wie der Eishalle und Waldbühne, sind Kati Wenzel ein Anliegen.

Jonsdorf soll auch künftig als Urlaubsort und Wohnsitz für junge Familien attraktiv bleiben. Außerdem will sie weiterhin mit den Einwohnerinnen und Einwohnern ins Gespräch kommen: "Sie dürfen sagen, was sie denken und werden ernst genommen". Fünf Jahre ist Kati Wenzel noch Bürgermeisterin. Dafür hat sie sich einige Projekte vorgenommen, wie den Bau einer neuen Grundschule. Ihr größter Wunsch für die Zukunft ist es, ihre Kinder in einem lebendigen Jonsdorf aufwachsen zu sehen.

MDR (kk, Emma Kahlert)