Personalkrise Stadthallenstiftung Görlitz verliert prominente Mitstreiter

In Görlitz schlittert derzeit die Stadthallenstiftung in eine Krise. Wie MDR SACHSEN exklusiv erfuhr, haben in dieser Woche zwei prominente Mitglieder das Stadthallen-Kuratorium verlassen. Sie wollen nicht mit einem mutmaßlichen Rechtsextremen an einem Tisch sitzen.

Westseite der Stadthalle
Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Die Stadthallenstiftung in Görlitz hat zwei prominente Mitglieder verloren. Der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, sowie der Präsident der internationalen Beethovengesellschaft und Professor an der Akademie der Künste, Tomasz Tomaszewski, haben ihre Mitarbeit im Kuratorium der Stadthallenstiftung beendet. Thierse sagte, er habe durch einen Zufall erfahren, dass der AfD-Fraktionsvorsitzende im Görlitzer Stadtrat, Lutz Jankus, Mitglied des Kuratoriums der Stadthallenstiftung geworden ist.

Schon der Umstand, dass die Mitglieder des Kuratoriums von dieser Tatsache nicht in Kenntnis gesetzt worden sind, ist skandalös und ein Grund dafür, aus diesem Gremium auszuscheiden.

Wolfgang Thierse Präsident des Bundestages a.D.

Auch ein Gespäch mit dem Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu konnte am Mittwoch den ehemaligen Bundestagspräsidenten nicht umstimmen. Thierse bat darum, seine Gründe den anderen Kuratoriumsmitgliedern mitzuteilen.

Wolfgang Thierse, damals Mitglied des Neuen Forums
Wolfgang Thierse hat seine Arbeit in der Görlitzer Stadthallen-Stiftung beendet. Bildrechte: MDR/Tellux

Der international renommierte Musiker Tomasz Tomaszewski, der auch an der Staatsoper in Berlin arbeitet, habe mit "tiefster Empörung" die Nachricht von der Ernennung Jankus in das Kuratorium der Stadthallenstiftung Görlitz vernommen.

Ich verwahre mich auf das Schärfste dagegen, dass mein Name durch jedwede Verbindung zu Herrn Jankus in den Schmutz gezogen wird. Als ehemaliges Mitglied der NPD und heutiger Fraktionsvorsitzender der AfD-Fraktion im Stadtrat Görlitz ist seine Mitgliedschaft im Kuratorium der Stadthallenstiftung Görlitz ein himmelschreiender Affront gegen die von uns vertretenen europäischen Werte sowie den Geist der Stiftungsatzung.

Tomasz Tomaszewski Präsident der internationalen Beethovengesellschaft

Jankus verfüge darüber hinaus "über keinerlei relevante Expertise", die seine Ernennung in das Stiftungskuratorium rechtfertigen würde, hieß es von Tomaszewski weiter. Er forderte die umgehende Verabschiedung von Jankus aus dem Gremium.

Lutz Jankus hat selbst öffentlich eingeräumt, Mitglied der rechtsextremen NPD gewesen zu sein. Deshalb ist der Fraktionschef der AfD im Görlitzer Stadtrat nach eigenen Angaben kein Mitglied der AfD.

Neubesetzung schwierig

Es ist aber nicht so einfach, das einstige NDP-Mitglied Lutz Jankus aus dem Kuratorium der Stadthallenstiftung zu entfernen. Das Kuratorium besteht derzeit aus neun Personen, wobei zwei Plätze dem Stadtrat zustehen. Dort stellt die AfD derzeit die stärkste Fraktion. Bei der Wahl der Stadtratsmitglieder war offenbar niemandem aufgefallen, dass dies ein Problem sein könnte, denn die Kuratoriumsmitglieder sind durch eine sogenannte Blockabstimmung gewählt worden. Neben Lutz Jankus wurde Dieter Gleisberg (CDU) in das Gremium gewählt.

Als erste Fraktion hat sich Motor Görlitz/Bündnisgrüne zu den Rücktritten Thierses und Tomaszewskis geäußert. Sie fürchtet einen Schaden für den Ruf der Stadt Görlitz, der weit über das Projekt Stadthalle hinausreicht: "Jetzt wollen wir klären, ob die Stadtratsvertreter im Kuratorium der Stadthallenstiftung neu gewählt werden können. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die sächsische AfD nun vom Verfassungsschutz beobachtet wird, haben wir eine besondere Sorgfaltspflicht, wer in unseren Gremien die Stadt Görlitz vertritt", heißt es in einer Erklärung der Fraktion.

Görlitzer Stadthallenstiftung Am 23. Nomber 2016 haben die Stadt Görlitz, die Stadtwerke Görlitz AG, die KommWohnen Görlitz GmbH und der Förderverein Stadthalle Görlitz e.V. die Stiftung gegründet, mit dem Ziel nicht nur Geld für die Sicherung und Sanierung der Stadthalle zu beschaffen, sondern sich auch aktiv für ihren Erhalt und die Nutzung einzusetzen. Das beinhaltet auch Veranstaltungen. Das Kuratorium soll dabei die Stiftung beraten, begleiten und überwachen. Das Kuratorium der Stiftung besteht laut Sitzungssatzung aus mindestes fünf, höchstens 15 Mitgliedern für die Dauer von vier Jahren.

Ein weiteres prominentes Mitglied des Kuratoriums, der international renommierte Organist Matthias Eisenberg, hat sich noch nicht geäußert.

Mit dem Auseinanderbrechen des Stadthallenkuratoriums verliert Görlitz nicht nur zwei wichtige Fürsprecher, sondern auch viele bundesweite und internationale Kontakte. Thierse öffnete als ehemaliger Bundespräsident viele Türen. Tomaszewski ist als Initiator des Schlesischen Musiksommers im polnischen Niederschlesien weltweit vernetzt. Er wollte sich insbesondere für die Wiederbelebung der Schlesischen Musikfeste in Görlitz engagieren.

Eigens für die Musikfeste war die Görlitzer Stadthalle einst gebaut und 1910 eröffnet worden. Die Schlesischen Musikfeste zählen mit 190 Jahren zu den ältesten Festivals in Deutschland. Die Berliner Philharmoniker waren bis zum Ende des 2. Weltkrieges das Festivalorchester.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 05.02.2021 | 06:30 Uhr in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen

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