Interview Nora Goldenbogen: Altbekannter Antisemitismus neu erzählt

Nora Goldenbogen ist Vorsitzende des sächsischen Landesverbands jüdischer Gemeinden. Die ehemalige Geschichtslehrerin hat zahlreiche Texte zur Geschichte der Juden in der DDR, in Sachsen und Dresden veröffentlicht und engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich der politischen Bildung. MDR Sachsen hat mit ihr über den antisemitischen Animationsfilm "Die Geschichte vom Goldschmied Fabian" gesprochen und dessen Vorführung in einer Berufsschule in Löbau.

Eine Frau sitzt an einem Tisch.
Nora Goldenbogen ist Vorsitzende des sächsischen Landesverbands jüdischer Gemeinden. Bildrechte: MDR SACHSEN

Sie haben den Film  "Die Geschichte vom Goldschmied Fabian" gesehen. Sind das die typischen, seit dem Mittelalter bekannten, antisemitischen Verschwörungserzählungen oder erkennen Sie auch etwas Neues?

Im Prinzip sehe ich nichts Neues. Außer den Versuch, auch noch das gesamte Wirtschaftssystem mit der antisemitischen Verschwörungserzählung zu verknüpfen. Hier wird es ja so dargestellt, dass am Ende das kapitalistische System und einfach alles, wirklich alles von Juden beherrscht wird.

Aber die Erzählung und damit den Anfangsplot des Films, dass sich Juden in Geheimbünden zur Ausbeutung von Nichtjuden zusammenschließen, gab es schon im frühen Mittelalter?

Die Anfangsgeschichte ist eigentlich die des einzelnen, raffgierigen Juden. In Mitteleuropa waren Juden von vielen anderen Berufen ausgeschlossen, damit blieb vielfach nur der Geldhandel mit Zins. Der war auch ganz üblich, den haben die Juden nicht erfunden, es gab auch berühmte Christen wie die Fugger oder die Medici. Aber aus dieser Anfangserzählung jüdischer Geldverleiher entwickelte sich dann die von der unheimlichen Macht reicher Juden, die sich zusammentun mit dem Bestreben, die Welt zu beherrschen. Daher kommt auch das Bild des Strippenziehers, das sich auch im Film wiederfindet.

Die Erzählung wurde also weiter entwickelt?

Sie ist im Laufe der Jahrhunderte gewachsen und wurde jeweils an die historische Situation angepasst. Es gibt ja auch die berühmte Geschichte der zionistischen Weltverschwörung der ‚Weisen von Zion’, die sich auf dem jüdischen Friedhof in Prag treffen und darüber beraten, wie sie die Welt beherrschen können. Alle diese Erzählungen werden im Laufe der Jahrhunderte angepasst, aber der Kern ist immer, eine Gruppe zu finden, die Schuld ist an der aktuellen Misere. Und geendet hat das in einem großen Teil der Begründung des Nationalsozialismus. Da ist es dann kulminiert, am Ende waren die Juden an allem Schuld.

Dieses Bedürfnis, anderen die Schuld zu geben, gibt es ja noch heute. Das sehen wir beispielsweise vielfach bei Verschwörungsmythen aus der Querdenkerszene. Sind diese antisemitischen Erzählungen eine Schnittstelle zum Rechtsextremismus?

Ja, das ist auch kein Zufall, dass der Film zur Zeit der Finanzkrise entstand. Im Zusammenhang mit der großen Erschütterung der Bankhäuser als ja auch viele der sogenannten kleinen Leute, vor allem in den USA ihre Häuser verloren hatten. Das ist kein Zufall, dass das heute in Pandemiezeiten und auf der Suche nach Schuldigen nochmal neue Nahrung bekommen hat. Antisemitische Verschwörungsmythen kommen vor allem in gesellschaftlichen Krisensituationen zum Tragen.

Krisen brauchen Sündenböcke?

Genau. Was für mich persönlich sehr beunruhigend und beängstigend ist, ist dass diese Geschichte immer anschlussfähig bleibt an die jeweilige, gesellschaftliche Situation. Wir leben ja nicht mehr im Mittelalter und wir waren auch der Meinung, wir haben den Nationalsozialismus einigermaßen verarbeitet. Aber das ist so nicht. Diese Mythologien, diese Erzählungen sind eigentlich sehr beständige Mythen, die auch immer neu formiert werden. Pandemien waren immer solche Zeiten. Eine der ersten, an denen Juden Schuld sein sollten, war die Pest im Mittelalter. Daher kommt das Bild vom Brunnenvergifter.

Nun wurde dieser Animationsfilm nicht beispielsweise bei der Freiwilligen Feuerwehr gezeigt, sondern in einer Schule. Vor jungen Menschen.

Natürlich. Und das ist mir so in meinen vielen Jahren in der politischen Bildungsarbeit, gerade zum Thema jüdische Geschichte und Antisemitismus noch nicht vorgekommen, dass es Lehrinhalt war. Man hat als Lehrerin oder Lehrer eine hohe Verantwortung. Wenn dort solche Dinge passieren, können sie sehr großen Schaden anrichten.

Aber als mahnendes Beispiel, um nicht nur antisemitische Verschwörungstheorien zu erklären, wäre der Film doch durchaus gut geeignet, oder?

Natürlich! Er taugt überhaupt nicht, um das Geldsystem oder die Wirtschaft zu erklären. Wofür er taugen würde wäre, sich mit antisemitischen Verschwörungstheorien und ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, zumal er auch sehr subtil ist. Man sieht das vielleicht nicht auf den ersten Blick, dass Fabian und seine Goldschmiedkollegen Juden sind. Aber es gibt eine ganze Menge Codes, vom Strippenzieher über die Gesamtverschwörung bis zu dem Umstand, dass es Geldverleiher waren, die das Problem in die Welt gebracht haben.

Und mit dem gezeichneten Fabian werden in einigen Szenen bekannte Klischees bedient, die vielen Kommentaren unter dem Film gleich erkannt haben. Eben weil das so gut funktioniert, wäre der Film eine gute Möglichkeit, darüber zu diskutieren, wie tief dieses Thema in vielen Köpfen drin ist und wie es über Jahrhunderte gewachsen ist.

In dem Film werden auch demokratische Regierungen verunglimpft, Medien als Teil der Verschwörung dargestellt. Wird der Antisemitismus hier mit topaktuellen Verschwörungstheorien verknüpft?

Das kommt dazu und das war für mich sehr erstaunlich. Medien und Regierungen sind hier Teil der Verschwörungserzählung und oben drüber schwebt die unheimliche Macht, die die Fäden hält. Das sind ganz viele Dinge, die sie heute auch auf der Straße hören.

Wäre das nicht genau der Grund, solche Themen in den Schulen zu behandeln. Danach ist es doch wohl zu spät?

Die Schule ist der wichtigste Bereich, dort erhält man einen Großteil der Bildung fürs Leben. Aber auch in allen anderen Bereichen der Politischen Bildung ist noch eine ganze Menge Luft nach oben. Wenn da nichts passiert, werden wir das Problem auch nicht lösen.

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 19.03.2021 | 19:00 Uhr

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