Ukrainekrieg "Mama, Mama!" - Europa lebt in Görlitz-Zgorzelec

Alina stammt aus der Ukraine. In der deutsch-polnischen Europastadt Görlitz Zgorzelec möchte die 18-Jährige ihre Sprachkenntnisse verbessern. Doch jetzt musste die junge Frau ihren jüngeren Bruder und ihre Mutter aus dem Kriegsgebiet retten. Dabei wurde sie von Freunden aus Zgorzelec und Görlitz unterstützt.

Tochter und Mutter sehen sich wieder.
Der Moment der Wiedersehensfreude: Nach Tagen der Angst trifft Tochter Alina ihre Mutter aus der Ukraine in Sicherheit an der slowakischen Grenze. Bildrechte: Peggy Wolter

Alina ist im Herbst aus Poltawa an die Neiße in die Europastadt Görlitz Zgorzelec gekommen. Ihre Heimatstadt liegt 350 Kilometer südöstlich von Kiew entfernt und zählt etwa 300.000 Einwohner. Die junge Frau will später einmal Sprachen unterrichten. Deshalb will sie in Europa studieren, vielleicht in Deutschland. Doch seit dem 24. Februar das alles in den Hintergrund gerückt: Russland hatte die Ukraine überfallen und jeden Tagen sorgte sich Alina um ihre Familie im weit entfernten Poltawa.

Die Nachrichten aus ihrer Heimat wurden immer bedrohlicher. Die Kämpfe rückten näher. Supermärkte wurden geschlossen, manche sogar geplündert. Ausgangssperren machten es immer, schwieriger die Familie zu versorgen. Als der Vater seine Einberufung zum Militär erhielt, entschied der Mittvierziger, die Familie fortzuschicken.

Fahrt ins Ungewisse

Der 14 Jahre alte Bruder Artem wollte Poltawa nicht verlassen. Auch seine Mutter tat sich schwer damit, der umkämpften Heimatstadt den Rücken zu kehren, erzählt Alina MDR SACHSEN. Doch der Vater habe ein Machtwort gesprochen. Zusammen mit einer befreundeten Familie samt Kleinkindern flohen Artem und seine Mutter am Dienstagmorgen in zwei Kleinwagen vor dem Krieg ins Ungewisse. Mehr als 1.300 Kilometer lagen vor ihnen. Sie wollten nicht nach Polen aufgrund der langen Wartezeiten an den Grenzen. Vielmehr hofften die Flüchtlinge, über Ungarn oder die Slowakei in Sicherheit zu gelangen.

Alinas Freunde reagieren

In Görlitz und Zgorzelec hatte Alina mittlerweile Freunde gefunden, beim gemeinsamen lernen von Sprachen. Sie alle nahmen großen Anteil am Schicksal ihrer ukrainischen Familie: "Wie können wir helfen?", fragten sie. Spontan entschieden dann Chris aus Zgorzelec und Peggy aus Görlitz, Alinas Familie von der Grenze abzuholen.

Peggy Wolter am Mikrofon
Peggy Wolter sieht man die Strapazen noch an. Wenige Stunden nach ihrer Rückkehr berichtet sich bei MDR SACHSEN von der Hilfsaktion für ukrainische Freunde. Bildrechte: Peggy Wolter

Die Angst fuhr als Beifahrer mit

"800 Kilometer sind keine Entfernung, wenn man helfen kann!", sagt Peggy. In den frühen Morgenstunden des Mittwochs fuhren sie los. Am Steuer wechselten sich Chris und Peggy ab, auf der Rückbank hielt Alina über ihr Smartphone Verbindung zu Mutter und Bruder. Obwohl das deutsch-polnisch-ukrainische Trio von Görlitz aus ungefährdet durch Tschechien und die Slowakei rollte, war die Angst war trotzdem mit an Bord: "Werden es die Mama und der Bruder schaffen?"

Straßensperren behinderten in der Ukraine deren Flucht. Dazu kamen Militärtransporte und Panzer, zerstörte Häuser und andere Fahrzeuge. Die Flüchtenden mussten Umwege und Schleichwegenutzen, um weiter zu kommen. In der Nacht war wegen einer Ausgangssperre die Weiterfahrt unmöglich. Mit der Dunkelheit wuchs die Angst. Nach drei Tagen Fahrt und mehr als 1.300 Kilometern endete die Odyssee der ukrainischen Familien in Uschhorod direkt an der Grenze zur Slowakei. Dort warteten auf der anderen Seite in Vyšné Nemecké bereits Alina, Peggy und Chris.

Junge Frau vor Grenzübergang in Vyšné Nemecké.
Alina wartet am Grenzübergang auf ihren jüngeren Bruder und ihre Mama und hofft, dass die Flucht geglückt ist. Bildrechte: Peggy Wolter

Tränen der Freude

Das slowaktische Vyšné Nemecké hatte sich bereits auf die Flüchtlinge vorbereitet. Hilfsorganisationen hatten Versorgungszelte aufgebaut, berichten die drei. Soldaten nahmen die erschöpften Ukrainer in Empfang. Helfer gaben Hinweise zur Orientierung. Reisebusse standen bereit, um Flüchtlinge kostenlos zum Beispiel nach Hamburg, München oder Prag zu bringen.

Helferin, Frau und Hund.
An der Grenze werden die Flüchtlinge von Helfern in Empfang genommen. Oft haben die Ukrainer nur kleines Gepäck, dafür aber ihren vierbeinigen Liebling mit dabei. Bildrechte: Peggy Wolter

Die unglaubliche Hilfsbereitschaft beeindruckte nicht nur Peggy. Schubweise und ohne größere Probleme passierten die Flüchtlinge die Grenzkontrollen. Alina konnte es kaum noch erwarten. Als sie ihre Mutter entdeckte, war sie nicht mehr zu halten: "Mama, Mama!" und die Tränen rollten über die Gesichter.

Bruder und Schwester treffen sich wieder.
Bruder und Schwester treffen sich wieder, nach seiner Flucht aus dem Kriegsgebiet. Bildrechte: Peggy Wolter

Mama Svetlana flüsterte nur immer wieder: "Spasiba, spasiba, spasiba - danke, danke, danke". Nur ein Wermutstropfen trübte die Freude der Familie: die Sorge um den Vater. Auch in Vyšné Nemecké kamen keine ukrainischen Männer über die Grenze. Vielmehr fuhren die Männer sofort wieder zurück, oft auch in die umkämpften Gebiete.

Bus mit Leuten die Zusteigen wollen.
Reisebusse nach München, Düsseldorf und nach Hamburg stehen für die Flüchtlinge bereit. Bildrechte: Peggy Wolter

Endlich in Sicherheit

Eine Überraschung erwartete die Familie nach ihrer Rückkehr in die Europastadt Görlitz Zgorzelec. Für Alina und ihre Familie hatte ein befreundeter Englischlehrer in Zgorzelec eine Zweiraumwohnung hergerichtet. Sogar der Kühlschrank war gefüllt: "Bleiben Sie so lange sie wollen, so lange sie möchten", begrüßte er seine Gäste. Artem spielt gerne Basketball. Der Lehrer hat ihn bereits bei einem Team angemeldet. Dort will man den "langen Lulatsch" sicher willkommen heißen, sagt der Englischlehrer. Denn Artem misst mit seinen 14 Jahren schon 1,90 Meter.

MDR (uwa)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | RegionalReport Studio Bautzen | 04. März 2022 | 14:32 Uhr

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