Lehrermangel Kreiselternrat Görlitz: "Konkurrenzkampf um Lehrer wird schrecklich"

Der Lehrermangel in den Schulen bereitet Sachsens Kreiselternräten vor allem in ländlichen Gegenden große Sorgen. In Bautzen und Görlitz haben die Kreiselternräte am Mittwoch eine Plakataktion gestartet. MDR SACHSEN hat mit einem der Initiatoren, Ronald Lindecke aus Ebersbach-Neugersdorf, über die Hintergründe gesprochen.

Frage: Herr Lindecke, die Kreiselternräte Görlitz und Bautzen haben 400 Plakate gedruckt und seit Mittwoch verteilt. Was beabsichtigen Sie?

Ronald Lindecke: Wir haben auf dem Plakat ein Motiv aus der Komödie 'Die Feuerzangenbowle' bearbeitet, bei dem drei Männer vor eine Schule stehen, die zu ist. Statt eines Schildes, auf dem im Film 'Bauarbeiten' steht, heißt es bei uns: 'Schule geschlossen'. Die Grundaussage ist, dass dauerhafter Lehrermangel zu großen Problemen führen wird. Wir wollen mit der symbolischen Schulschließung für einen Tag über den Ist-Zustand informieren und aufzeigen, was in näherer Zukunft auf Schule und Familien zukommt.

Drei Männer mittleren Alter sitzen in einer Amststube um einen runden Tisch und blicken in die Kamera. Vor sich haben zwei der Männer Papiere, Listen und Unterlagen liegen. Es sit ein Gespräch des Kreiselternrates Görlitz mit dem Oberbürgermeister von Görlitz, Octavian Ursu (sitzt in der Mitte).
Kreiselternratsvorsitzernder Roland Lindecke (re.) sprach am Mittwoch mit dem Görlitzer OB Octavian Ursu (CDU, Bildmitte) über Lehrermangel im Landkreis und wie man gegensteuern könnte. Bildrechte: privat

Was meinen Sie konkret?

Wir haben seit Jahren massive Probleme auf dem Land, Lehrerstellen zu besetzen. Bis auf Leipzig und Dresden sind alle anderen Regionen im Land Bedarfsregionen. Die Stundentafel wurde reduziert. Die Lehrer-Verbeamtung und der Einstieg von Quereinsteigern haben kaum Effekte gebracht. In Görlitz werden in acht Jahren von drei Lehrerinnen und Lehrern zwei in Rente gehen. Der Konkurrenzkampf zwischen Schulen um das Lehrpersonal wird Ausmaße annehmen, die schrecklich sind. Dabei hat sich der Lehrermangel schon lange abgezeichnet. Er wird sich in den nächsten fünf bis acht Jahren noch weiter verschärfen. Aber es wird nicht darauf reagiert.

Der Lehrkräftemangel ist das derzeit größte Problem im Schulbereich - auch in Sachsen - und stellt eine massive Bedrohung für Bildungsqualität, -gerechtigkeit und die Zukunft unseres Landes dar. (...) Lehrkräftebedarf und -angebot dürfen von der Politik nicht länger schöngerechnet werden.

Michael Jung Vize-Vorsitzender des Sächsischen Lehrerverbandes (SLV)

Was befürchten Sie für Görlitz und den Landkreis?

Die großen Städte in Sachsen werden die jungen Absolventen abziehen, wo es geht, um ihre Lücken zu füllen, die es mittlerweile bei allen Schularten gibt. Dann folgen mittlere Städte wie Görlitz, Zittau oder Löbau. Die Schulen in ländlichen Gebieten werden hinten herunterfallen. Was macht das mit unserer Gesellschaft? Junge Eltern werden in die Städte gehen oder ihre Kinder dort zur Schule schicken und der ländliche Raum stirbt noch weiter. Aber wir wollen nicht nur den Ist-Zustand beschreiben, den ich den palliativen Weg nenne, die Sterbebegleitung von Schule im ländlichen Raum.

Sondern? Was wären Ansätze?

Es müssten mehr Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet werden. Warum gibt es in Sachsen zum Beispiel einen Numerus Clausus fürs Grundschullehramt, anstatt die Bewerberinnen und Bewerber zu nehmen, die am besten für den pädagogischen Beruf geeignet sind? Für den Lehrerberuf braucht es Berufung, nicht nur ein 1,3er Abiturdurchschnitt. Es ist auch nicht nur ein Job zum Geldverdienen. Wir brauchen wie auch immer geartete pädagogische Hochschulen auf dem Land, wie das bis Mitte der 1990er gängig war. Und wir benötigen transparente Zahlen, wie viele Schulstunden tatsächlich ausfallen. Daraus ergäbe sich dann auch der tatsächliche Lehrerbedarf in Sachsen.

Dazu sagte ein Sprecher des Kultusministeriums im November 2021, dass es nicht über aktuelle Zahlen zum Unterrichtsausfall verfüge und diese Statistik nur halbjährlich erfasse.

Man hat angewiesen, den Unterrichtsausfall bis Schuljahresende nicht mehr zu erfassen. Das steht für sich. Das möchte ich nicht kommentieren.

Zurück zur Plakataktion: Wie ist die angekommen?

Unterschiedlich. Wir haben viel Unterstützung von Eltern und Schulleiterinnen und Schulleitern bekommen. Es gab aber auch Schulleitungen, die hatten wegen ihres Dienstherren Bedenken, unser etwas überzeichnetes Plakat an ihrer Schule aufzuhängen. Das kann ich auch verstehen. Es ändert sich aber nichts, wenn wir das Riesenproblem des Lehrermangels nicht ansprechen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: MDR (kk)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 26. Januar 2022 | 15:25 Uhr

6 Kommentare

Agnostiker vor 15 Wochen

Ich frage mich, ob die jenigen die sich jetzt über den Lehrermangel beklagen nicht auch die sind, dies sich sofort darüber aufregen, wenn Lehrer für mehr Geld streiken. Am Ende läuft es doch wie in der Wirtschaft. Natürlich verdienen Lehrer gutes Geld. Scheinbar ist es aber immer noch nicht so attraktiv, dass sich mehr Menschen für den Beruf entscheiden. Demnach sollte man die Bedingungen und vielleicht auch das Gehalt verbessern.

Romy vor 15 Wochen

Die 2-jährige Vorschulausbildung muss wieder her.
Viele 1. Klässer wissen gar nicht, wie man sich in der Schule benimmt. Sie können nicht still sein, zuhören und sich konzentrieren. Die wenigen Lehrer werden durch zu große Klassen, durch wenig-keine Hilfe bei verhaltensauffälligen Kindern und durch beratungsresistente Eltern verschlissen und gehen aus Selbstschutz eher in Rente oder verlassen frustriert den Schuldienst.
In 4-5 Jahren ist in den Schulen der Teufel los.
Wer seinem Kind dann noch gutes und entspanntes Lernen ermöglichen möchte, wird sich nach einer Privatschule umschauen müssen.
SIND UNS UNSERE KINDER NICHTS MEHR WERT?
ARMES DEUTSCHLAND-WIR WERDEN DIE QUITTUNG BEKOMMEN-BESTIMMT

Izzy vor 15 Wochen

Wer soll denn da hin? Sich vor die maskenlosen Schüler und Eltern stellen, Verschwörungstheorien diskutieren und abends noch einen gemütlichen Fackelmarsch empfangen? Da klingt Bayern, Baden-Württemberg und Hessen mit der schönen Verbeamtung doch deutlich verlockender... Gilt übrigens auch für Ärzte

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