Erschreckende Bilanz Mit dem mobilen Blitzer im Landkreis Görlitz unterwegs

Autofahrer ärgern sich oft über Blitzer, einige bezeichnen die Geschwindigkeitskontrolle sogar als "staatliche Wegelagerei" der Ordnungsämter. Wie wichtig eine Geschwindigkeitskontrolle sein kann, zeigt ein Vormittag in Halbendorf. Dort war ein mobiler Blitzer vor einer Kindertagesstätte aufgebaut. MDR SACHSEN war dabei.

Gemessener LKW in Halbendorf
LKW ist mit 50 Stundenkilomtern vor einer Kita unterwegs. Erlaubt sind 30. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Fast jeder Autofahrer kennt es, das Erschrecken hinter dem Lenkrad, wenn der rote Blitz am Straßenrand erscheint. Der sofortige Blick auf den Tacho verrät: Mann oder Frau ist zu schnell unterwegs. Anschließend quälen ihn oder sie sofort die Fragen: Wie teuer wird es? Gibt es Punkte? Und genau diese Fragen werden manchmal auch Andree Scharf gestellt, der als Mitarbeiter des Görlitzer Landratsamtes mit einer mobilen Geschwindigkeitsmessanlage unterwegs ist.

Mit 108 bei erlaubten 30 Stundenkilometern

Gegen acht Uhr hat Andree Scharf die schweren Akkus von der Ladestation genommen und in seinen Dienstwagen gehievt. Der Himmel über der Oberlausitz ist grau, aber seine Stimmung ist gut: "Wenn ich heute nur wenige Blitzerfotos habe, dann haben die Autofahrer alles richtig gemacht und ich auch!" Eine Stunde später baut er seinen mobilen Blitzer in Halbendorf bei Weißwasser auf. Insgesamt sind vier Kollegen mit mobilen Anlagen gleichzeitig im Landkreis Görlitz unterwegs und jeder Mitarbeiter kann seinen Einsatzort selbst wählen, erzählt Andree Scharf.

Seit vier Jahren konzentriere ich mich auf Kindertagesstätten und andere soziale Einrichtungen. Warum? Drei Beispiele: Der schnellste Autofahrer war in Großschönau vor dem Kindergarten mit 90 statt 30 unterwegs, in Leutersdorf vor dem Kindergarten mit 86 km/h und in Herrnhut vor dem Kindergarten, wo auch eine 30 ist, mit 108 km/h!

Andree Scharf Landratsamt Görlitz

Andree Scharf mit seinem mobilen Laserblitzer
Mit seiner mobilen Geschwindigkeitsmessanlage steht Andree Scharf am liebsten vor Kindertagesstätten, Schulen oder sozialen Einrichtungen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Vor dem Kindergarten in Halbendorf ist die Geschwindigkeit auf 30 Stundenkilometer begrenzt. Das sei auch notwendig, findet eine Anwohnerin von der anderen Straßenseite: "Kinder sind unberechenbar, die können sie noch so sehr festhalten, die toben. Und wie schnell sind die auf der Straße!" Gefährlich auch: Der Bürgersteig ist an dieser Stelle relativ schmal.
Unterdessen hat der "Blitzermann" seine Technik neben einem touristischen Hinweisschild aufgebaut. Als weitere Tarnung dahinter plaziert er noch eine Mülltonne. Ganz genau wird das Messfeld des Geräts "ROBOT TraffiStar S350" auf die Fahrbahn in Höhe des Kindergarten-Ausgangs justiert. Mithilfe eines Laserstrahls wird nunmehr die Geschwindigkeit der Fahrzeuge in 25 Meter Entfernung erfasst.

Mann richtet mobilen Blitzers auf Messpunkt ein
Andree Scharf justiert seine Lasertechnik. Gemessen wird in 25 Metern Entfernung, genau vor dem Kindergarten. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Manchmal einen Kaffee als Wertschätzung

Nicht nur in Halbendorf, sondern auch in anderen Orten im Landkreis Görlitz gilt Andree Scharf zumindest bei den Anwohnern nicht als Abzocker oder Wegelagerer. Vielmehr wird seine Arbeit von ihnen geschätzt und so kommt es durchaus vor, dass man ihm einen Kaffee bringt.

Hier kommen viele Kinder und Eltern vorbei, da ist es schon richtig, dass die Geschwindigkeit überwacht wird. Ich habe auch eine Tochter,. Das ist gut so, ich habe nämlich auch eine Tochter, die hier in die Kita geht. Ich finde es richtig, dass vor solchen Einrichtungen und in 30er Zonen geblitzt wird. Es müsste noch viel häufiger vor Kitas geblitzt werden.

Anwohner Halbendorf

Dorfstraße mit Fahrzeugen und Geschwindigkeitsbegrenzung
Für Autofahrer kaum zu erkennen. Hinter den Häusern ist der Kindergarten. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Unterdessen hat der Kontrolleur seine Technik scharf geschaltet und schon ist das erste Bild im Kasten. "Ein Kleintransporter mit 51 Stundenkilometern, das kostet den Fahrer 35 Euro", kommentiert der Mann von der Ordnungsbehörde. Nur zwei Minuten später der nächste Pkw: 49 km/h wird auf dem Display angezeigt!
Andree Scharf macht seinen Job gern, er hält ihn für abwechslungsreich und spannend. Er sieht die Bilder der Kamera sofort auf seinem mobilen Computer und einige davon erzählen Geschichten. "Da saß mal ein Hund auf dem Beifahrersitz. Bei einem andere Bild hatte eine Frau ihre Finger..." Der Blitzermann lacht verschmitzt und schweigt. Ein anderes Mal, hielt wohl ein älterer Mann an, kam zurück und flehte ihn verzweifelt an, das Foto zu löschen. Das Auto gehörte angeblich seiner Frau und auf dem Beifahrersitz saß eine deutlich jüngere Frau aus Tschechien.

Manches bleibt unvergessen


Seit nunmehr 18 Jahre ist der Ordnungshüter schon als mobiler Blitzer unterwegs. Einmal drückte er beide Augen zu: bei der "rasenden Hebamme": Ein Junge wollte sich nicht mehr gedulden und unbedingt das Licht der Welt erblicken. Eindeutig ein Notfall. Bei anderen Dingen fehlt dem begeisterten Fußballer aus Löbau jedes Verständnis. Auf der B178n blitzte er mal einen Fahranfänger, der dort mit sagenhaften 218 Stundenkilometern über die Piste flog. "Da war selbst ich sprachlos!"

Kindergruppe in Halbendorf
Eine Kindergruppe genau in dem Bereich, wo der Laser die Geschwindigkeit der Fahrzeuge misst. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Nicht immer sind die Autofahrer einsichtig und der Ton wird auch auf Sachsens Straßen rauer. Einem Blitzerkollegen wurden sogar schon mal die Reifen seines Privatwagens zerstochen. Andree Scharf hatte auch eine Faust vor der Nase. "Nur zehn Zentimeter fehlten zu meinem Gesicht, dann besann sich der erboste Autofahrer", erzählt der mehrfache Familienvater. "Aber das sind die absoluten Ausnahmen!"

Die Bilanz ist erschreckend

Ein Lkw donnert unterdessen an der Kita "Storchennest" vorbei. Kurze Zeit zuvor hatten zwei Kindergruppen ihr Storchennest verlassen und dabei wurde sichtbar, wie schmal der Fußweg in diesem Bereich ist. Der Brummi fuhr mit 50 Stundenkilometern, das sind ein Bußgeldverfahren für den Fahrer, etwa 100 Euro samt einem Punkt in Flensburg.

Computerbild mit einem gemessenen Fahrzeug
Das schnellste Auto war in Halbendorf mit 60 Stundenkilomtern unterwegs. Das kostet mindestens 80 Euro. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Nach vier Stunden baut Andree Scharf sein Technik vor dem Kindergarten ab. Zwischendurch hat er immer wieder mal den Verkehrsfunk abgehört, doch weder er noch seine drei Kollegen wurden im Radio erwähnt. Erst auf der Heimreise, wird im Autoradio vor dem Blitzer in Halbendorf gewarnt. Andree Scharf winkt ab. Für ihn persönlich war es kein guter Tag.

59 Geschwindigkeitsüberschreitungen in knapp vier Stunden, Spitzenreiter mehrfach 60 Stundenkilometer! Das Ganze vor einem Kindergarten, das ist erschreckend!

Im Landratsamt Görlitz wird Andree Scharf die Ergebnisse seiner Geschwindigkeitsmessung weiter geben, damit die entsprechenden Verfahren eingeleitet werden können. Für die Behörden hat sich Halbendorf rentiert. Rund 2.000 Euro an Verwarn- und Bußgeldern werden den Haushalt aufstocken. Andree Scharf wird nun noch seine Protokolle schreiben, die Akkus wieder an die Ladestation hängen und dann ist für ihn Feierabend. Erst morgen wird er wieder seine Messanlage vor einer Kindertagesstätte oder einem Altenheim aufbauen. Wo er stehen wird, das bleibt sein Geheimnis.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Der Nachmittag | 27. August 2021 | 15:20 Uhr

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