Holzbau-Revival in der Lausitz? Warum die Holzbauten in Niesky mehr als ein Denkmal sind

In Niesky hatte Europas bekannteste Holzbau-Firma ihren Sitz: die Christoph & Unmack AG. Ihr größter Coup waren Häuser aus Fertigteilen, die in den 1920er-Jahren in alle Welt verkauft wurden. Die Idee dahinter scheint moderner denn je, jetzt da der uralte Baustoff ein Revival erlebt. Davon könnte auch die vom Strukturwandel gebeutelte Region in der Lausitz profitieren, glaubt nicht nur Nieskys Oberbürgermeisterin Kathrin Uhlemann.

Werks- und Musterhaussiedlung der Firma Christoph & Unmack, Blockhausstraße, Niesky.
Holzhäuser stehen in Niesky wie hier in der Werks- und Musterhaussiedlung in der Blockhausstraße nicht ohne Grund dicht an dicht. In der Stadt in der Oberlausitz hatte Europas bekannteste Holzbau-Firma ihren Sitz: Christoph & Unmack. Bildrechte: imago images/Hanke

Geht es nach Oberbürgermeisterin Kathrin Uhlemann wird Niesky künftig ein Holzbaukompetenz-Zentrum für Sachsen. Zumindest ein Satellit, der nicht nur wegen seiner Vergangenheit leuchtet. In der kleinen Stadt in der Oberlausitz hatte mit der Christoph & Unmack AG vor 100 Jahren der bedeutendste Holzhausproduzent Europas seinen Sitz.

Jan Bergmann Ahlswede und Ehepaar Sandig 44 min
NIESKYS VERGESSENE HÄUSER Bildrechte: MDR/Günther&Bigalke
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Der Osten - Entdecke wo du lebst Di 24.05.2022 21:00Uhr 44:26 min

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Werks- und Musterhäuser von C & U: Mehr als ein Denkmal

In den 1920er- und 1930er-Jahren wurden Fertigteilhäuser aus Ostsachsen in alle Welt verkauft. Eins der berühmtesten steht mit dem Sommerhaus von Albert Einstein noch zur Ansicht in Caputh bei Potsdam - doch bestaunen lassen sich ganze Werks- und Musterhaussiedlungen direkt in Niesky. Rund 100 Bauten, davon 70 unter Denkmalschutz, fast alle bewohnt - eine Menge Holz; außen, innen, bis hinauf in die spitzgiebeligen Dächer.

Holzbau-Blüte in der Weimarer Republik

Seine Blüte erlebt der Holzbau in der Weimarer Republik. Die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg ist groß, es herrscht Baustoffmangel.

Die Nachfrage nach Holzhäusern steigt und durch die serienmäßige Fertigung, sind sie auch preiswert. Der Kunde kann wählen unter vielen unterschiedlichen Modellen.

Es wäre unser größter Wunsch, sie [eine historische Werkhalle der C & U AG, Anm. d. Red.] wieder zu sanieren. Mit ihrer gigantischen Dachkonstruktion fasziniert sie Holzbauer bis heute. Dass sie wieder genutzt wird, wäre ein Traum, den wir uns gern erfüllen würden.

Kathrin Uhlemann Oberbürgermeisterin von Niesky
"Nieskys vergessene Holzhäuser"
Nieskys OB Kathrin Uhlemann Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Nun erlebt der uralte Baustoff gerade ein Revival. Als klimaschonend und leistungsfähig feiert ihn die internationale Architekturszene. In Niesky könnten wieder neue Häuser aus dem nachwachsenden Rohstoff gebaut werden, meint Kathrin Uhlemann. Und zwar in einer der historischen Werkshallen der Christoph & Unmack AG, wo die Fertigteilbauten einst probeweise aufgestellt wurden: "Es wäre unser größter Wunsch, sie wieder zu sanieren. Mit ihrer gigantischen Dachkonstruktion fasziniert sie Holzbauer bis heute. Dass sie wieder genutzt wird, wäre ein Traum, den wir uns gern erfüllen würden."

Neue Vision für eine Kathedrale der Industriekultur

Derzeit dokumentiert Jan Bergmann-Ahlswede eine "Kathedrale" der Industriekultur mit ihrem hölzernen Tragwerk aus verklebten und verschraubten dünnen Brettern, den Hetzer-Bindern. In eine gebogene Form gebracht ermöglichten sie enorme Spannweite und Größe. Die Erfindung von Otto Hetzer, die Hetzer Junior als Ingenieur bei Christoph & Unmack perfektionierte, revolutionierte den Holzbau um die Jahrhundertwende, wie Bergmann-Ahlswede erklärt.

Eine große Lagerhalle
Kathedrale der Industriekultur: Das besondere hölzerne Tragwerk entwickelte Otto Hetzer Junior in Niesky weiter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
"Nieskys vergessene Holzhäuser"
Der Historiker Jan Bergmann-Ahlswede ist Chef des Konrad-Wachsmann-Hauses. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Der studierte Historiker ist seit kurzem der Chef im Konrad-Wachsmann-Haus, das als Museum von der Holzbaugeschichte Nieskys erzählt - und im schönsten Exponat - nämlich dem wunderbar sanierten Gebäude - zugleich aktuelle Expertise bietet. Erbaut für einen der Vorstände des Unternehmens, ist das Gebäude heute nach dem Chefarchitekten der Christoph & Unmack AG benannt: Konrad Wachsmann war 1926 auf Empfehlung von Dresdens Stadtbaurat Hans Poelzig in die damals noch preußische Provinz gekommen.

Fusion von Block- und Bauhaus im Wachsmann-Forum

"Nieskys vergessene Holzhäuser"
Die Stadt kaufte das ehemalige Direktorenhaus im Jahr 2005 mit Unterstützung von Bund und Land nach langem Verfall, bis 2014 wurde es saniert. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Binnen drei Jahren arbeitete sich der junge Mann vom Praktikanten und Konstrukteur nach oben. Er staunte, wie in den riesigen Hallen des Unternehmens Holzbauten seriell hergestellt wurden: fabrikmäßig in Fertigteilen, variabel in Größe und Preis, zu bestellen per Katalog und aufbaubar in nur wenigen Wochen. Damals in Niesky begriff er, "dass die Geschichte des Handwerks ihr Ende gefunden hatte", so Wachsmann im Rückblick auf sein Leben.

"Dass Maschinen Häuser bauen aus Holz, das war für ihn ein Erweckungserlebnis. Die Firma bot ihm die Möglichkeit, zu experimentieren, Prozesse zu verbessern, Neues zu entwickeln, die industrielle Fertigung noch weiter voranzubringen. Das hat ihn unglaublich inspiriert", sagt Bergmann-Ahlswede über den jungen Architekten, der später in den USA mit Gropius das Packaged House System auf den Markt brachte, damit ließen sich Holzhäuser binnen Stunden errichten.

Dass Maschinen Häuser bauen aus Holz, das war für ihn [den Architekten Konrad Wachsmann, Anm. d. Red.] ein Erweckungserlebnis. Die Firma bot ihm die Möglichkeit, zu experimentieren, Prozesse zu verbessern, Neues zu entwickeln, die industrielle Fertigung noch weiter voranzubringen. Das hat ihn unglaublich inspiriert.

Jan Bergmann-Ahlswede Historiker und Chef des Konrad-Wachsmann-Hauses
Verschiedene Bücher
Über sein Leben gab der Chefarchitekt der Christoph & Unmack AG im "Wachsmann-Report" Auskunft. Der Journalist Michael Grüning interviewte ihn ausführlich bei seiner DDR-Rundreise 1979. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bergmann-Ahlswede hat sein Büro im einstigen Direktorenhaus, das Wachsmann 1927 entwarf, indem er Block- und Bauhaus mit Esprit vereinte. 1929 klingelte Wachsmann bei Einstein, um dem berühmten Physiker und Nobelpreisträger seinen Entwurf für das Sommerhaus in Caputh zu unterbreiten. Dass er überzeugte, war auch ein schöner PR-Coup für den aufstrebenden Architekten, aber auch für das Unternehmen Christoph & Unmack, das seinen Aufstieg einst der Produktion transportabler Lazarettbaracken verdankte.

"Nieskys vergessene Holzhäuser"
im Konrad-Wachsmann-Haus: Block- und Bauhaus mit Esprit vereint. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Stichwort: Christoph & Unmack

Die Firma Christoph & Unmack, 1882 in Kopenhagen gegründet, produzierte ursprünglich Baracken nach dem Doeckerschen Prinzip. Die Tafel- oder Plattenbauweise erlaubte serielle Produktion, ein schnelles Auf- und Abbauen.

Ein Großauftrag des preußisches Kriegsministeriums brachte den Tischler Christian Christoph und den Architekten Christian Unmack 1887 nach Niesky. Denn damit verknüpft war die Bedingung, die georderten Lazarettbaracken in Preußen zu produzieren. Die waldreiche Gegend und gute Verkehrsanbindung sprachen für den Ort.

Das Prinzip der seriellen Fertigung wurde bald auch auf den Hausbau angewandt. C & U wurde zum innovativsten und größten europäischen Holzbau-Unternehmen.

Um die Vielfalt der Typen zu erhöhen, beauftragte das Unternehmen Architekten wie Albin Müller, Hans Scharoun, Henry van de Velde oder Hans Poelzig. Auf Wachsmanns Planungen geht die aus ca. 85 Einzelhäusern bestehende Musterhaus-Werkssiedlung zurück.

In ihren besten Zeiten beschäftigte die Firma 4.000 Arbeiter auf einem gigantischen Industriegelände, auf dem auch Motoren-, Waggon- und Stahlbau betrieben wurde.

"Nieskys vergessene Holzhäuser"
Was C & U alles im Portfolio hatte: Vom Milchhäuschen übers Eigenheim bis zur Kirche. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

In kurzer Zeit wuchs das Porfolio, was sich auch bei einem Rundgang durch Niesky erkunden lässt. Aus Holz gebaut wurden Wohnhäuser für ein oder zwei Familien, aber auch Schulen, Sporthallen, selbst 30 Meter hohe Funktürme.

"Nieskys vergessene Holzhäuser"
Neue Maßstäbe auch im Marketing: "Das eigene Heim, das eigene Haus, endlich los von der drückenden Miete" locken die aufwendig gestalteten C & U-Kataloge. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Im Marketing setzte C & U ebenfalls neue Maßstäbe. Schöne bunte Kataloge gab es Bergmann-Ahlswede zufolge nicht nur für Eigenheime, sondern sogar für Kirchen aus Fertigteilen. Eine lässt sich mit St. Josef in Niesky besichtigen. Prestigeprojekte waren die Deutsche Botschaft in Ankara oder ein Hotel auf der Zugspitze.

Werks- und Musterhaussiedlung der Firma Christoph & Unmack, Katholische Holzkirche, Niesky.
Die Holzkirche von Niesky. Bildrechte: imago images/Hanke

Löbauer Zimmerer-Lehrlinge lernen vom "Kleinen Christoph"

Zum beständigen Verkaufsschlager entwickelte sich "Der kleine Christoph" für den Garten: Einen Abkömmling aus der Serie konnte das Landesamt für Denkmalpflege unlängst in Görlitz-Weinhübel ausfindig machen.

"Nieskys vergessene Holzhäuser"
Zimmerer-Lehrlinge vom Beruflichen Schulzentrum in Löbau haben den "Kleinen Christoph" in Görlitz zerlegt, um ihn in Niesky wiederaufzubauen. Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Aus der Entdeckung wurde eine schöne praktische Übung für Zimmerer-Lehrlinge vom Beruflichen Schulzentrum in Löbau. Im Frühjahr 2022 zerlegten sie die Laube fachgerecht, um sie zu restaurieren. Wiederaufgebaut werden soll sie Bergmann-Ahlswede zufolge bis zum Sommer im Garten des einstigen Direktorenhauses in der Goethestraße.

GPS-gesteuerte Rallye in Planung

Ein Anlass mehr, sich in Niesky auf den Holzweg zu machen. Erst seit 2020 weist "eine touristische Unterrichtungstafel" an der A4 Anschlussstelle Nieder Seifersdorf auf die etwas in Vergessenheit geratenen "Holzbauten der Moderne" in Niesky hin. Dort angekommen können sich Besucherinnen und Besucher derzeit mit einer Broschüre auf den "Holzhauspfad" durch die vier Siedlungen begeben, zwölf Holzhaustafeln informieren entlang der weitläufigen Strecke. Künftig, so die Vision von Kathrin Uhlemann und Jan Bergmann-Ahlswede, soll eine GPS-gesteuerte Rallye entlang der denkmalgeschützten Holzbauten und industriegeschichtlichen Zeugnisse angeboten werden. Abgesehen vom Direktorenhaus, das die Stadt auch dank engagierter Bürgerinnen, kluger Denkmalpfleger und mit Millionen von Bund und Land vor dem Verfall rettete, gibt es schließlich spannende Heimat-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte in Niesky zu entdecken.

Nachdenken über einen Erinnerungsort

FOKORAD-Sitz in Niesky: Staatliche Normen für Baracken
FOKORAD-Sitz in Niesky: Staatliche Normen für Baracken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dazu gehört allerdings auch das finale Kapitel der Christoph & Unmack AG in Niesky. Die Betriebsleitung arrangierte sich Bergmann-Ahlswede zufolge schnell mit dem NS-Regime. Der Wohnhausbau kam zum Erliegen, im großen Stil produziert wurden nun Baracken. Zur Planung nahm das staatliche Büro FOKORAD schon 1933 einen Sitz in Niesky. C & U war nicht nur Versuchsbetrieb, sondern einer der größten Hersteller, zunächst für den Reichsarbeitsdienst, dann für Konzentrationslager, über ein Zweigwerk in Böhmen auch für die IG Farben in Auschwitz. Der Wiesengrund von Niesky wiederum wurde zu einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, in dem hunderte Zwangsarbeiter schufteten.

Abschließend aufgearbeitet sei dieses Kapitel der Firmengeschichte noch nicht, so Bergmann Ahlswede. Dabei ist es auf ungeheure Weise mit dem Leben von Konrad Wachsmann verbunden. Der hatte Niesky schon 1929 verlassen, 1933 floh er aufgrund seiner jüdischen Herkunft vor den Nazis aus Deutschland. Dank der Fürsprache von Einstein konnte er 1941 in die USA emigrieren. Ein Jahr später wurden seine Mutter und seine Schwester deportiert, sie kamen im Rigaer Ghetto um.

Die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte scheue man in Niesky nicht, betont OB Kathrin Uhlemann: "Wichtig wäre für mich, dass man dieses Nachdenken über einen Erinnerungsort auch verknüpft mit der Zukunft." Und die liege im Strukturwandel.

Strukturwandel in der Konrad-Wachsmann-Straße

Den will Krystian Burzek in der Konrad-Wachsmann-Straße einleiten. Der Pole kam einst als Pfarrer der Sankt Josef-Gemeinde nach Niesky. Aus einer Schreinerfamilie stammend, verliebte er sich in ein ebenfalls unter Denkmalschutz stehende Objekt, den so genannten "Holzkonsum". Dort, wo zu DDR-Zeiten Brötchen und Wurst verkauft wurden, stellt er sich einen Treffpunkt für die ganze Gemeinde vor. Er hat Fördergeld für eine denkmalgerechte Sanierung beantragt - wenn alles klappt, geht es im Sommer los.

Werks- und Musterhaussiedlung der Firma Christoph & Unmack, Lebensmittelgeschäft Konrad-Wachsmann-Straße, Niesky, Sachsen
Der "Holzkonsum" soll als Treffpunkt der Gemeinde wiedereröffnen, so die Vision von Ex-Pfarrer Krystian Burzek. Bildrechte: IMAGO / Hanke

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten - Entdecke wo du lebst | 24. Mai 2022 | 21:00 Uhr

1 Kommentar

THOMAS H vor 4 Wochen

Dazu gibt es im Lausitzer Almanach 12 (erschienen 2019) mit dem Titel "Einsteins Sommerhaus - ein Wachsmann-Haus aus Niesky", auf 10 A5-Seiten, einen lesenswerten Artikel.

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