Regional einkaufen Marktschwärmerei in Zittau: Lebensmittel vom Erzeuger nebenan

Lebensmittel aus der Region sind im Trend. Saisonale Frische, Tierwohl, ökologische Fußabdruck oder Unterstützung der Wirtschaft am Ort sind Argumente der Käuferschaft. In Supermärkten ist oft nicht klar, wie lang der Weg einer Ware mit dem Siegel "regional" wirklich war. Aus der Region kann da auch mal aus Ostdeutschland bedeuten. Marktschwärmer heißt ein Konzept, das Verbraucher mit örtlichen Erzeugern zusammenbringt, ohne dass sie von Hofladen zu Hofladen gehen müssen.

Frau hält Einkaufskorb
Anja Nixdorf-Munkwitz betreibt eine Marktschwärmerei in Zittau. Hier können regionale Lebensmittel eingekauft werden. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

An jedem Donnerstag stehen auf den rustikalen Verkaufsständen im historischen Salzhaus von Zittau Reihe in Reihe Kisten. Sie sind nummeriert und gefüllt mit Obst, Gemüse, Saftflaschen, Müsli, Mehl und vielem mehr. Franziska Kusche greift sich die Kiste mit ihrer Nummer und lässt sich zusätzlich noch Bratwürste aus einer Kühlbox herausgeben. Die Olbersdorferin hat zum ersten Mal bei der Marktschwärmerei Lebensmittel bestellt, erzählt sie. Das Besondere: Alles kommt von Erzeugern aus dem direkten Umfeld von Zittau. "Es ist einfacher, als wenn ich zu jedem einzelnen Produzenten hinfahre, von einem Dorf ins nächste. Hier kann ich gesammelt bestellen und abholen", erklärt die 33-Jährige.

Frau hält Brot und Gemüse
Für Franziska Kusche sind sowohl der kurze Transportweg der Waren wichtig als auch die Unterstützung der regionalen Erzeuger. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Online bestellen und bezahlen

Seit knapp einem Jahr gibt es im Salzhaus die sogenannten Marktschwärmer. Es ist eine Art Umschlagplatz für regionale Lebensmittel. Die Kunden bestellen und bezahlen von zu Hause aus übers Internet, die Erzeuger im Umkreis bringen die gewünschten Lebensmittel einmal wöchentlich zu einem zentralen Abholort. Für Franziska Kusche sind sowohl der kurze Transportweg der Waren wichtig als auch die Unterstützung der regionalen Erzeuger. Die Bratwürste kosteten hier natürlich mehr als im Supermarkt. Aber man könne nicht über die Welt meckern, dass alles schlechter wird und andererseits sagen, meinen Teil zum besseren beizutragen, ist mir zu teuer, sagt sie. Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit sind für die Olbersdorferin keine Lippenbekenntnisse.

Viele Menschen schimpfen darüber, dass in der Oberlausitz so wenig passiert und so viele Unternehmen pleite gehen. Aber man muss auch hier einkaufen und die Leute unterstützen.

Franziska Kusche Olbersdorf

Kein Fleisch aus Massenproduktion

Die Gurke aus Spanien kommt auch bei Daniel Fischbach nicht auf den Abendbrottisch. Er vermeidet es, weit transportiertes Gemüse oder Obst im Supermarkt zu kaufen. Aus Umweltschutzgründen, wie der Zittauer erklärt. Das Preis-Leistungsverhältnis beim Marktschwärmer-Konzept findet er "super".

Mann, Frau, Salatkopf
Daniel Fischbach und Christin Keil legen sehr großen Wert auf regionales Obst und Gemüse. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Martina Peuker aus Oderwitz ist Stammkundin. Alle zwei Wochen schaut sie mindestens vorbei. Die Bestellungen mache sie abends auf dem Sofa: "Die Beine hoch und dann einkaufen." Die Oderwitzerin schätzt besonders die Fleisch und Wurstwaren des örtlichen Fleischerbetriebs. Die Tiere kämen von Bauern aus der Umgebung, es sei nicht so eine Massenproduktion, so Martina Peuker.

Mann, Frau
Martina und Rainer Peuker sind Stammkunden beim Marktschwärmer in Zittau. Frische Waren sind dem Ehepaar sehr wichtig. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Die Bestellungen packt und verteilt Anja Nixdorf-Munkwitz. Für die 42-Jährige, die hauptberuflich die Stiftung des Kraftwerks Hirschfelde leitet, ist es ein "sich selbst finanzierendes Hobby". Die Hirschfelderin macht sich seit Jahren für ihre Region stark und schiebt neue Projekte an, um die Erzeuger vor Ort zu fördern. Denn es gebe so viele Leute hier, die tolle Lebensmittel herstellen. Mit der Marktschwärmerei könne man regionale Sachen kaufen, ohne dafür extrem viel Zeit einplanen zu müssen.

Marktschwärmer ist meine kleine Netzwerkstelle für regionale Nachhaltigkeit.

Anja Nixdorf-Munkwitz

Persönlicher Kontakt zum Erzeuger

Anja Nixdorf-Munkwitz schätzt es, die Erzeuger persönlich zu kennen. "Ich kann mit ihnen Kontakt aufnehmen und weiß wirklich, wer die Lebensmittel herstellt." Das ist in konventionellen Einkaufsmärkten nicht der Fall. Gerade in Zittau mit seiner traditionellen Geschichte des Gartenanbaus wolle sie kein Gemüse kaufen, das als "regional" gelabelt ist, aber irgendwo aus Mitteldeutschland stammt. "Ich habe drei Gärtnereien in meiner Marktschwärmerei und jeder darf gern seine Lieblingsgärtnerei haben. Aber sie sind alle von hier."

Gemüse und Obst
Obst und Gemüse gibt es hier nach Saison. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Die Frage ist, wie Region definiert wird. Da es keine rechtlich verbindliche Festlegung gibt, kann man auch Schindluder mit dem Begriff treiben.

Anja Nixdorf-Munkwitz Marktschwärmerei Zittau

Nach und nach werden die Kisten weniger. Heute waren es etwa 30 Bestellungen. In den Ferien sei es ruhiger, sagt Anja Nixdorf-Munkwitz. An anderen Tagen seien schon an die 100 Bestellkisten zusammengekommen. Die Leute, die sich für Regionalität und Nachhaltigkeit interessieren, nutzten den Abholtermin im Salzhaus auch als Plattform für den Ideenaustausch, beobachtet die 42-Jährige.

Essen mit gutem Gewissen

Letzte Kundin für heute ist Hobby-Schäferin Carola Pursche. "Ich möchte mir mit dem Essen was Gutes tun, aber auch mit gutem Gewissen essen", sagt sie. Bei ihr zu Hause komme nur das Fleisch der eigenen Schafe auf den Teller. All ihre Schafe hätten bis zuletzt ein gutes Leben, betont die Hirschfelderin. "Im Supermarkt, so ein Billigschweinefleisch - da friert's mich. Die Tiere haben nie die Sonne gesehen, stehen dicht bei dicht." Anja Nixdorf-Munkwitz fragt die Schäferin, ob sie im Herbst Fleisch bei ihr bestellen könne. Sie stimmt zu und schon ist alles eingeplant.

Marktschwärmer Marktschwärmer ist ein Geschäftsmodell, dass ein regionales Netzwerk zwischen Erzeugern und Verbrauchern schafft.
Ziel ist der direkte Zugang zu Lebensmitteln, die vor Ort produziert werden, sowie deren faire Bezahlung.
Bestellt und bezahlt wird online, die Lebensmittel können dann an bestimmten Treffpunkten abgeholt werden.
Der erste Marktschwärmer entstand vor zehn Jahren in Frankreich.
Inzwischen gibt es das Konzept auch in Spanien, Italien, Belgien und Deutschland.
In der Oberlausitz gibt es drei aktive Marktschwärmer - in Görlitz, Hoyerswerda und Zittau.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Wuhladko | 03. April 2021 | 11:45 Uhr

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