NS-Raubkunst Warum ein Biedermeierglas aus Görlitz in Sydney ausgestellt wird

Das Sammlungsstück gehörte einst einem Breslauer Kunstsammler und wurde als NS-Raubkunst identifiziert. Jetzt konnte das Kulturhistorische Museum Görlitz es seinem rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben.

Vier Gläser
Die vier Lithyalin- oder Steingläser befanden sich seit Jahrzehnten im Besitz der Görlitzer Sammlungen. Jetzt konnte der rechtmäßige Eigentümer ausgemacht werden. Bildrechte: Katarzyna Zinnow

In vielen Museen finden sich auch heute noch Ausstellungsstücke, die eigentlich nicht dorthin gehören. Es sind diejenigen, die während der Zeit des Nationalsozialismus unrechtmäßig den Besitzer wechselten. Auch in den Görlitzer Sammlungen, zu denen das Kulturhistorische Museum zählt, ist dies der Fall. 2016 prüfte man deshalb alle zwischen 1933 und 1945 erworbenen Stücke. 150 identifizierte man als Raubkunst, darunter auch vier sogenannte Lithyalin- oder Steingläser aus dem Biedermeier.

Gläser gehörten Breslauer Kunstsammler

Sie stammen vom Breslauer Kolonialwarenhändler Wilhelm Perlhöfter, der eine eindrucksvolle Kunstsammlung zusammengetragen hatte. Diese musste er zurücklassen, als er 1938 nach den Ereignissen der Pogromnacht im Konzentrationslager Buchenwald verhaftet wurde. 1939 emigrierte er mit seiner Familie nach England, wo er 1948 in London verstarb.

Suche nach Erben Perlhöfters

David Logan mit dem Glas
David Logan mit dem Glas, dass er dem Jüdischen Museum in Sydney gestiftet hat. Bildrechte: Roslyn Sugarman

Die im Görlitzer Museum gefundene Raubkunst wurde im Internetportal Lost Art eingestellt. Darüber konnten in den meisten Fällen die rechtmäßigen Eigentümer gefunden werden. Bei den Steingläsern der Sammlung Perlhöfter half aber der Zufall, denn sie wurden 2018 in einer Ausstellung über NS-Raubkunst im Kaisertrutz gezeigt.

Auf diese Weise stieß eine Cousine des rechtmäßigen Eigentümers auf die Stücke. Es ist David Logan, ein Enkel von Wilhelm Perlhöfter. Er lebt in Australien. Also nahmen die Görlitzer Sammlungen Kontakt zu ihm auf, um mit ihm über die Rückgabe der Gläser zu sprechen.

Drei Gläser bleiben in Görlitz

Alle Stücke wollte David Logan jedoch nicht behalten. Drei der Gläser konnte das Museum zu marktüblichen Preisen ankaufen. Das Vierte stiftete Logan dem Jüdischen Museum in Sydney, wo es seit kurzem zu sehen ist. "Es ist ein wunderschönes Stück und wir freuen uns, die Verwalter zu sein", so die Hauptkuratorin Roslyn Sugarman. An diesem Beispiel könne man gut das Thema der NS-Raubkunst und die Rückführung an die rechtmäßigen Nachkommen aufgreifen. Sogar dem Sydney Morning Herold, einer der führenden australischen Tageszeitungen, war die Rückgabe des Glases einen größeren Beitrag wert. Auch die Görlitzer Sammlungen wollen die Geschichte der Gläser noch einmal ausführlich aufgreifen.

Quelle: MDR/vis

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen | 29. April 2021 | 08:30 Uhr

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