Tierseuche Landrat Lange: "Bund ist in Sachen Schweinepest ein Totalausfall"

Der Görlitzer Landrat Bernd Lange fordert von Bund und Land mehr Unterstützung bei der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest. Die Belange des Landkreises, der Landwirte und der Jäger in den betroffenen Gebieten würden ignoriert. Streit- und Kritikpunkte sind die sogenannte weiße Zone, der Einsatz und die Verfügbarkeit von Nachtsichtgeräten sowie die Verwertung der geschossenen Tiere.

Ein Wildschwein
Bildrechte: imago/Oliver Willikonsky

Der Görlitzer Landrat Bernd Lange ist sichtlich angefressen, wenn es um die Afrikanische Schweinepest (ASP) geht. Ideen und Vorschläge aus der Region zur Bekämpfung der Seuche würden von den zuständigen Stellen im Land und im Bund ignoriert. "Wir beißen mit unseren Ansichten auf Granit und als Ausrede wird immer die EU genannt!"

Der Bund ist in Sachen Schweinepest ein Totalausfall. Ihn kümmern regionale Belange gar nicht, stattdessen fordert der Bund immer nur die Vergrößerung der Sperrzonen und das Land Sachsen folgt, weil sie auch in Dresden vor Restriktionen der EU Angst haben.

Bernd Lange Görlitzer Landrat
Totes Wildschwein auf einem Waldweg
Ein totes Wildschwein auf einem Waldweg. Ist es ein Opfer der Afrikanischen Schweinepest? Nicht anfassen! Fundort sofort melden. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Was den Görlitzer Landrat dabei auf die Palme bringt, dass in den Nachbarländern Polen und Tschechien offenbar andere Regeln der EU gelten. Dort war es möglich, sogenannte weiße Zonen zu schaffen. Weiße Zonen sind Gebiete, in denen die Wildschweinpopulation komplett ausgerottet wurde, auch mithilfe des Militärs.

Keine weiße Zone für die Oberlausitz

Eine weiße Zone wollten die Oberlausitzer schon vor Monaten im Norden des Landkreises Görlitz einrichten und das grenzüberschreitend über die Neiße hinweg zusammen mit dem polnischen Nachbarkreis. Erforderlich gewesen wären nur einige Jäger, 200 Treiber, zwei Hundemeuten und zwei Hunde, die auf die sogenannte Totsuche spezialisiert sind, erklärt ein Jäger aus der Grenzregion. Doch dieser Vorschlag der Oberlausitzer wurde von den zuständigen Ministerien mit dem Hinweis auf Brüssel verworfen.

Vier erschossene Wildschweine nach einer Treibjagd.
Die Strecke einer Treibjagd an einem Sonntag: Vier Wildschweine! Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Gefährliche Wildschweinbarrieren: Viele verletzte Rehkitze

Beim Thema ASP brodelt es auch in der Oberlausitzer Jägerschaft. Nicht nur, dass viele Jäger die Schutzzäune als Wildschweinbarriere für sinnlos halten. Die Leitbachen sind kluge Tiere und kennen jeden Durchlass. Und bei Gefahr rammelt die Rotte gemeinsam durch den Zaun. Was Wildschweine stoppen soll, entpuppt sich aber immer mehr als gefährliches Hindernis für Rehe. "An den Zäunen sammeln wir immer wieder verletzte Tiere ein, insbesondere Kitze", erzählt ein Jäger aus Niesky. "So viele verletzte Rehe hat es bei mir noch nie gegeben." Das Problem der Zäune: Die Rehe brechen sich in den Maschen der Drahtzäune die Läufe. Werden die Kitze nicht gefunden, droht ihnen ein qualvoller Tod.

An der deutsch-polnischen Grenze bei Krauschwitz wird ein fester Zaun gebaut, um die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest zu verhindern.
In den sogenannten Wildschweinbarrieren verheddern sich immer häufiger Rehe und ihre Kitze, brechen sich die Läufe. Bildrechte: MDR/Thomas Kramer

Jäger wollen keine Auftragskiller sein

Die Afrikanische Schweinepest bringt einige Jäger auch in einen moralischen Zwiespalt. Hege und Pflege ist ihre Aufgabe, um den Wildbestand gesund zu halten. Im Revier wird nicht unnötig geschossen und die getöteten Tiere werden unter anderem als Wildbret verwertet. "Wir sollen zu schießenden Erfüllungsgehilfen missbraucht werden", schimpft ein Weidmann aus dem Löbauer Raum. "Ich bin doch keine Auftragskiller für Behörden!" Diese Meinung teilen nicht wenige Weidgenossen in der Oberlausitz.

Durchladen einer Bockbüchsflinte mit Zielfernrohr
Manche Oberlausitzer Jäger wollen keine Auftragskiller für Behörden sein. Einige Weidmänner meinen, dass die Natur das Problem ASP lösen wird. Bildrechte: imago images/Countrypixel

ASP ist ein Problem für Sachsen

Der Görlitzer Landrat Bernd Lange kennt sehr genau die Ansichten der Jäger in seinem Revier. Das Problem der Tierseuche in Sachsen sei aber nur zusammen mit der gesamten Jägerschaft in den Griff zu bekommen, meint der Kommunalpolitiker.

Görlitzer Landrat Bernd Lange
Der Görlitzer Landrat Bernd Lange fordert von Bund und Land mehr Unterstützung bei der Bekämpfung der Schweinepest. Bildrechte: LRA Görlitz/Holger Peschel

Es geht einfach darum, wie stärken wir die Akteure, also die Jäger, um die Pest einzudämmen. Auch außerhalb des Landkreises Görlitz müssten vermehrt Wildschweine geschossen werden, als Vorsorge. Derzeit passiert in dieser Richtung gar nichts.

Bernd Lange Landrat Görlitz
Ein Jägerstand in einem herbstlich gefärbten Wald.
Einige Jäger haben unter den derzeitigen Bedingungen keine Lust mehr in ihrem Revier anzusitzen. Bildrechte: Colourbox

"Um so höher die Zahl der Schweine, um so höher ist auch die Gefahr der weiteren Ausbreitung", meint der Landrat. "Deshalb darf sich der Freistaat nicht nur auf die Festlegung von Sperrzonen in den betroffenen Gebieten beschränken, sondern vielmehr muss der Freistaat die Seuche als sachsenweites Problem begreifen."

Einige Jäger haben unter den derzeitigen Bedingungen keine Lust mehr auf ihr Revier. Auch die 150 Euro Abschussprämie pro Schwein locken manchen Weidmann nicht auf den Ansitz. Zumal nach Aussage des niederschlesischen Jagdverbandes seit Januar keine Abschussprämien gezahlt wurden. Dazu kommt ein weiteres Ärgernis, welches im Revier nicht nur bei Zweibeinern für Unruhe sorgt.

Im Landkreis Görlitz dürfen die Jäger die geschossenen Borstenviecher nicht verwerten, obwohl diese Tiere meist gesund sind. Vielmehr rückt lautstark eine mehrköpfige Mannschaft in Schutzkleidung an, um das Tier zu entsorgen.

Infizierte Tiere kommen den Jägern nur sehr selten vor die Flinte. Diese Tieren ziehen sich nämlich nach der Infektion sofort in die Deckung zurück und sterben nach etwa drei Tagen in ihrer Sasse. Ist eine Rotte befallen, sind alle Tiere nach sechs Tagen verendet. Deshalb meinen auch einige Jäger, dass die Natur das Problem selbst lösen wird.

Erlegtes Wildschwein
Erlegtes Wildschwein wird "entsorgt"! Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachtsichtgeräte und Wärmebildgeräte

Um den Wildschweinbestand zu verringern, sind jetzt Nachtsicht- und Wärmebildgeräte bei Pirsch erlaubt. Doch einige Jäger lehnen den Einsatz als nicht weidgerecht ab. "Ein Nachtsichtgerät ist Bullshit, weil ich damit die Rotte nicht im Gras erkenne", erklärt der Görlitzer Weidmann. "Nur in der Kombination mit Wärmebild macht das Nachtsichtgerät Sinn, um das Wild art- und weidgerecht ansprechen zu können."
Doch die Investition lohnt sich meist nicht. Einsteigergeräte kosten ab 8.000, gute Geräte schon mehr als 12.000 Euro. Deshalb überlegt der Landkreis Görlitz, dem Jagdverband einige Geräte zur Verfügung zu stellen.

Da haben wir einen Antrag laufen über die Finanzierung. Der ist leider noch nicht positiv beantwortet. Ich habe den Jägern versprochen zu prüfen, ob wir eine Vorfinanzierung übernehmen können.

Bernd Lange Görlitzer Landrat

Das Problem Nachtsicht und Wärmebild ist also weiter ungeklärt. Möglicherweise können die Oberlausitzer Jäger bald eine ihrer anderen Forderungen zu den Akten legen, meint Landrat Lange abschließend. Die Jäger im Landkreis dürfen bald wieder selbst entscheiden, ob sie ein geschossenes Wildschwein nach der gesundheitlichen Überprüfung selbst verwerten oder sie lieber die Abschussprämien kassieren.

Afrikanische Schweinepest - die Lage in Sachsen In Sachsen wurden bis zum 29. Juni 2021 insgesamt 270 bestätigte ASP-Fälle registriert.

Derzeit gibt es eine Restriktions- und eine Pufferzone. Die Restriktionszone reicht von der Grenze zu Polen bis nach Boxberg im Westen sowie Kodersdorf im Süden und Halbendorf im Norden. In der Pufferzone liegen unter anderem die Stadt Görlitz, Lohsa und Spreetal.

Landwirtschaftsminister Wolfram Günther zeigte sich am Wochenende "hochbesorgt" über den starken Anstieg der Fallzahlen. Günther informierte darüber, dass aktuell 80 Kilometer Zaun entlang der Grenze zu Polen errichtet werden. Im Mai sei ein jagderfahrener Mitarbeiter des Sachsenforst an das Landestierseuchenbekämpfungszentrum abgeordnet worden, um die Entnahmen von Wildschweinen zu koordinieren und intensivieren. Günther kündigte weitere Gespräche mit dem Sozialministerium an, wie die Seuche mittels Zaunbau, Entnahme und Jagd eingedämmt werden kann.

Zugleich sieht er vor allem den Bund in der Pflicht. Es handele sich um eine nationale Aufgabe. Deshalb müssten die Gespräche mit der polnischen Regierung intensiviert werden.

Videos und Audios zum Thema

Wildschwein steht in einem Wildgatter. 3 min
Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 04. Juli 2021 | 16:00 Uhr

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