Filmprojekt Frontmann von Polarkreis 18 sucht nach Klang der Heimat

Der Frontmann der ehemaligen Gruppe Polarkreis 18, Felix Räuber, ist auf eine ganz besondere Forschungsreise gegangen. Er ist auf der Suche nach dem Klang seiner sächsischen Heimat. Aus den Geräuschen, Liedern und Melodien will er Songs schreiben, also eine Sinfonie der Kulturen. Seine Tour führte ihn jetzt auch in die Oberlausitz und zwar in den Tagebau Nochten. MDR SACHSEN Reporter Jens Czerwinka hat ihn begleitet.

Felix Räuber im Tagebau bei Dreharbeiten
Der gebürtige Dresdener reist durch Sachsen und entdeckt dabei die Klänge von Land und Leute - hier im Tagebau Nochten. Bildrechte: Siegfried Michael Wagner

Mittwochnachmittag, der Himmel ist bedeckt und nur wenige Meter von mir entfernt rauchen die hohen Kühlturme des Kraftwerks in Boxberg. Gut gelaunt und super freundlich empfangen mich die Mitstreiter von Felix Räuber vor der Kantine. Zur Crew gehören Kameraleute, Tontechniker, ein Fotograf, der Regisseur und enge Freunde des Musikers. Schnell noch einen Kaffee getrunken und nett geplaudert. Dann geht es endlich los.

Ein knallgelber Lastwagen, mit denen sonst Bergmänner in die Grube fahren, steht für uns bereit. Eine holprige Fahrt beginnt. Es geht immer weiter nach unten, vorbei an Bandanlagen und vielen Maschinen. Wie alle anderen in dem Lastwagen klebe auch ich mit meiner Nase an der Scheibe und schaue. Wow, klar, niemand von uns war schon mal auf dem Mond, aber so wie hier unten könnte es auch dort oben aussehen. Soweit das Auge sehen kann, ein riesiges Loch. An den Seiten in mehreren Schichten aufgeschüttete dunkle und helle Erdmassen. Ein Tagebau eben.

Eine andere Welt tut sich auf

Nach 20 Minuten Fahrzeit sind wir am Ziel und 100 Meter tiefer. Ich glaube, ich kann für alle Anwesenden bescheinigen: Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Vor uns steht ein mehr als 30 Meter hohes Monster aus Stahl. Das gefräßige große Schaufelrad des Kohlebaggers bahnt sich unaufhaltsam seinen Weg durch das Kohleflöz - den dunklen Staubwolken ist kein Entkommen. Unüberhörbar sind die lauten Geräusche des Baggers - nichts für schwache Nerven: ein Scheppern, Rasseln, Brummen und Kratzen. Doch genau wegen dieser Geräusche sind Felix und seine Freunde hier.

Jetzt klingt Heimat gerade sehr laut und martialisch.

Felix Räuber Sänger und Komponist

Es geht um den Klang, der nur hier zu hören ist. Unbeeindruckt von uns dreht sich die Schaufel und holt die Braunkohle aus der Erde. Felix und seine Crew machen sich sofort an die Arbeit. Kamera, Fotoapparat und Mikrofone kommen zum Einsatz. Alle Geräusche, egal ob vom rasselnden Förderband, auf dem die Kohle vorbeifährt oder dem bereits erwähnten Schaufelrad, jeden Ton fängt die Crew ein.

Besucher vor einem Förderband im Tagebau Nochten
Am Förderband rauscht die Kohle vom Schaufelrad des Wagens bis zur Verladung: Sound of Nochten. Bildrechte: MDR/Jens Czerwinka

Felix ist anzumerken: Die Kulisse macht Eindruck auf ihn. Immer wieder bückt er sich und nimmt ein kleines Stückchen Braunkohle vom Rand des Weges in die Hand. "Dieses kleine Klümpchen entstand vor 17 Millionen Jahren", sagt er.

Nach einer Weile setzt sich Felix die Kopfhörer auf, schaltet sein kleines Aufnahmegerät ein und geht auf Entdeckungstour. Behutsam hält er das Mikrofon an das ratternde Förderband und lauscht. Auch versucht er dem Bagger so nahe wie möglich zu kommen, eine LEAG Mitarbeiterin passt aber auf, dass der Sicherheitsabstand gewahrt bleibt. Räuber stoppt immer wieder, hört genau hin und fängt die verschiedensten Geräusche ein.

drei Personen mit Blasinstrumenten im Tagebau Nochten
Im Orchester Lausitzer Braunkohle e.V. spielen 62 Musiker und Musikerinnen. Bildrechte: MDR/Jens Czerwinka

Kurzerhand unterbricht ihn Regisseur Markus Weinberg: "Felix, komm wir drehen." Mit in den Tagebau gefahren sind auch drei Mitglieder des Orchesters Lausitzer Braunkohle e.V. Der Regisseur gibt Anweisungen, wie sich das Trio zu positionieren hat. Nach einigem Hin und Her werden die ersten Fotos geschossen. Dann zücken sie ihre Blasinstrumente und spielen das "Steigerlied", das Lied des Bergmanns.

Wie von Geisterhand scheinen die lauten Umgebungsgeräusche just in diesem Moment verschwunden zu sein, nur der Klang der Trompeten ist zu hören. Felix und sein Team werden an diesem Tag noch weitere Klänge und Geräusche einfangen. Für mich endet der Ausflug in die Tiefe der Lausitz.

Vom Eisenschwein führt der Weg weiter zur Meistergeige

ein Mann vor einem Abraumbagger
Schaufelrad-Bagger trifft allein auf Ex-Polarkreis 18-Frontmann. Bildrechte: MDR/Jens Czerwinka

Felix und sein Team werden in den kommenden Wochen und Monaten weiter in Sachsen unterwegs sein auf der Suche nach Menschen und deren Melodien. Also nach Bräuchen und Ritualen, die untrennbar mit Sachsens Geschichte verwoben sind. So zeichnen sie die Choräle der sorbischen Osterreiter auf, die Geräusche aus sächsischen Wäldern oder besuchen Handwerker im vogtländischen Musikwinkel. Ziel ist es, eine völlig neue, uns verbindende Musik zu schaffen, sagt Felix. Für Räubers neues Filmprojekt sind zehn Folgen geplant. Frühestens Ende 2022 sollen diese im Fernsehen zu sehen sein.

Entstanden ist die Idee dafür über den Wolken - und zwar auf einem Rückflug von Nordkorea. Sein Begleiter und ihn nervte dort die Dauerbeschallung mit Propagandamusik. Gemeinsam mit seinem Kumpel Marc Oliver Rühle fragten sie sich, wie wohl ihre sächsische Heimat klingen würde. Gerade sind sie dabei, das heraus zu finden.       

Quelle: MDR/jc

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | SACHSENSPIEGEL | 03. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

Mehr aus Görlitz, Weisswasser und Zittau

Mehr aus Sachsen