Reportage Görlitz Zgorzelec: Corona-Pandemie: Zwei Welten an der Neiße

In der Europastadt Görlitz Zgorzelec wird ganz unterschiedlich mit der Corona-Pandemie umgegangen. Zahlreiche Verordnungen, Beschränkungen und Maskenzwang bestimmen das öffentliche Leben in Görlitz. In der polnischen Nachbarstadt spielt Corona offenbar nur noch eine untergeordnet Rolle im öffentlichen Leben. Beschränkungen sind in der polnischen Grenzregion im Alltag kaum zu spüren.

Bierglas auf der Theke mit Serviererin
In Görlitzer Gaststätten werden die Corona-Verordnungen, wie die 2G-Regel, meist umgesetzt. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Im polnischen Radomierzyce (Radmeritz) bei Görlitz steuern Oberlausitzer gerne eine rustikale Speisegaststätte an. Das "Rancho Grillhouse" unweit des Berzdorfer Sees lockt mit polnischen und amerikanischen Spezialitäten und hat sich aber auch auf die deutschen Gäste eingestellt. So wurde zum Jahreswechsel gebratene Ente samt Preiselbeeren, mit Klößen und Rotkraut serviert.

Polnische Gaststätte „Grillhouse“ Außenansicht
Der erste Eindruck der Ruhe täuscht: Die polnische Gaststätte bei Görlitz nahe des Berzdorfer Sees wird von Polen und Deutschen gut besucht. Die Corona-Pandemie spielt hier, wie in vielen anderen Gaststätten im polnischen Zgorzelec kaum eine Rolle. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Während in Görlitz Kontaktbeschränkungen gelten, Maskenpflicht und G-Regeln eingehalten werden müssen, ist davon im Grillhouse nichts zu spüren. Viele Tische sind mit polnischen Familien besetzt. Es sind aber auch zahlreiche Oberlausitzer darunter, wie die Kennzeichen auf dem Parkplatz davor verraten.

Kleine Aufkleber erinnern an Corona

Ohne Masken betreten drei deutsche Paare mit ihren Kindern den Gastraum. Wenig später tollen die Kinder zusammen mit ihren polnischen Altersgenossen durch den Gastraum. Die befreundeten Familien aus Görlitz und Hoyerswerda genießen diese Ungezwungenheit: "Es ist einfach schön hier, ohne das ganze Corona-Hickhack." Ihre Namen möchten sie allerdings nicht preisgeben.

Wenig später kommt eine polnischen Familie mit zwei Kindern. Alle, auch die Kleinkinder, tragen Masken. Erst nachdem alle am Tisch Platz genommen haben, wird der Mund-Nasenschutz abgenommen. Ihre Mutter achtet offenbar darauf. Die Kinder dürfen den Tisch auch nicht verlassen. Auch den Abstand zu anderen Gästen beachtet diese Familie.

Gaststätten am polnischen Neißeufer
Die sogenannte "Kneipenmeile" am polnischen Neißeufer. Dort geht das öffentliche Leben - auch in den Gaststätten - trotz der Pandemie ohne spürbare Einschränkungen weiter. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Wie überall treffen im Grillhouse zwei unterschiedliche Auffassungen über Corona aufeinander. Wie meist im polnischen Zgorzelec, tragen auch hier die Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter des Hauses keine Mund-Nasenbedeckung. An Corona erinnert nur im Flur ein kleiner Aufkleber, der auf die Maskenpflicht aufmerksam macht.

Zwei Welten im Grenzgebiet

Die Europastadt Görlitz Zgorzelec wird nicht nur durch den Grenzfluss Neiße getrennt, sondern auch durch die Corona-Pandemie. Das hat auch Kaszja Wasilewska aus Zgorzelec hautnah erfahren. Über Silvester war sie mit einer Freundin in ihrer Heimat unterwegs. Gemeinsam mit ihren Kindern genossen sie die Freizügigkeit in Polen: "In Polen ist es wie im Paradies. Kommt man auf die deutsche Seite gibt es nur noch Beschränkungen."

Eingangstür an einer Gaststätte mit 2G-Hinweis
An jeder Gaststätte in Görlitz sind die Corona-Regeln sichtbar. Zudem sind die Öffnungszeiten vieler Gastronomen eingeschränkt. Deshalb genießen viele deutschen Gäste die Freiheiten im polnischen Nachbarland. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Die junge Frau hat vor einigen Monaten - trotz Corona - den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und in der Görlitzer Altstadt einen Souvenir- und Geschenkeladen eröffnet. Ihre Kunden sind meist Touristen. Und die kommen auch aus Polen.
Als zwei junge Männer ihren Laden betreten wollen, fragt sie diese sofort nach dem Impfstatus, denn in Görlitz gilt 2G: geimpft oder genesen. Die beiden Männer entpuppen sich als Breslauer, die ohne Impf- bzw. Testnachweis unterwegs sind. Damit dürfen sie das Geschäft nicht betreten. Für Kasja Wasilewska eine schwierige Situation: Es sind Landsleute und sie benötigt jeden Euro, denn zahlende Touristen sind derzeit nicht nur in Görlitz rar. Am anderen Neißeufer in Zgorzelec seien sie mit so einem Unsinn nicht behelligt worden, schimpft einer der Männer.

Hinweisschilder an einer Görlitzer Ladentür
Im polnischen Zgorzelec sucht man solche Hinweisschilder vergebens. Nur manchmal erinnern kleine Aufkleber an das Tragen von Masken. Zwei Corona-Welten in einer Europastadt. Bildrechte: MDR/Uwe Walter


Das bestätigen auch einige Görlitzer: Selten werde in Zgorzelec nach einem Impfnachweis gefragt. Und wenn, gab es anschließend keine Kontrolle.

Das ist doch eine Europastadt. Die Görlitzer kaufen bei uns in Polen ein und die Polen hier in Deutschland. In Zgorezelec achtet kaum jemand darauf, ob man Maske trägt oder nicht und hier wird derart streng kontrolliert.

Kasja Wasilewska Geschäftsinhaberin
Geschäftsfrau in ihrem Laden vor Regalen
Einheitliche Corona-Regeln sollte es in der deutsch-polnischen Europastadt Görlitz Zgorzelec geben, meint die Geschäftsfrau Kaszja Wasilewska. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Ähnlich äußert sich vor dem Geschäft ein schick angezogene Dame aus Zgorzelec. Sie ist sichtlich verärgert: "Was die hier von mir wollen! Da habe ich gesagt, dann kaufe ich eben nichts mehr hier!"

Pro und Kontra

Eine ältere Polin betritt das Geschäft, mit Maske und sie präsentiert sofort ihren Impfnachweis auf ihrem Mobiltelefon.

2G-Hinweise an einer Eingangstür in Görlitz
Auch bei polnischen Kunden lösen diese Regeln unterschiedliche Reaktionen aus. Manche akzeptieren die Vorgaben, andere lehnen sie ab. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Die Polin war über die Altstadtbrücke von Zgorzelec nach Görlitz gekommen. Sie hat Verständnis für die strengen Corona-Maßnahmen auf der deutschen Seite. Sie kann nicht verstehen, warum sich so viele Menschen nicht gegen das Covid-19-Virus impfen lassen wollen: "Wenigstens zum Wohle der Allgemeinheit sollte man sich impfen lassen. Wir leben nun mal nicht alleine auf dieser Welt sondern alle zusammen."

Ich fühle mich auf keinen Fall mit den Impfgegnern solidarisch, denn wir wurden als Kinder ja geimpft um gesund zu bleiben und lange zu leben. Warum soll da jetzt plötzlich etwas Schlimmes dahinterstecken?

Polnische Kundin Görlitz

Der Görlitzer Christkindelmarkt lockte in den vergangenen Jahren immer zahlreiche Touristen an. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde der Markt zum zweiten Mal abgesagt. In der Altstadt waren in den vergangenen Tagen nur wenige Menschen unterwegs.

Da hilft nur noch beten

Für Alfred Theisen als Unternehmer, Veranstalter und Reiseanbieter ist die Corona-Pandemie ein Riesenproblem. Nicht nur das er viele Veranstaltungen und Reisen absagen musste.

Schaufenster der „Schlesischen Schatztruhe“
Volle Lager und keine Kunden: Die Corona-Pandemie verursacht Sorgenfalten beim Inhaber. Nur 500 Meter weiter auf dem polnischen Neißeufer gibt es für Ladenbesitzer nicht so strenge Corona-Auflagen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter

Theisen hat sich in seinem Görlitzer Ladengeschäft auf Waren aus Schlesien spezialisiert. Er bietet u.a. Bücher, Karten, Bunzlauer Keramik und Glas aus dem Riesengebirge an. Wie er über die strengen Corona-Maßnahmen denkt, will der Unternehmer nicht sagen.

Das ist  eine unglaubliche Katastrophe. Wir haben sehr viel eingekauft und jetzt kann ich nur noch beten, dass ich meine Waren irgendwann loswerde.

Alfred Theisen Görlitzer Geschäftsmann

Damit hat Alfred Theissen in Görlitz mit den Menschen auf der polnischen Seite der Neiße offenbar etwas gemeinsam. Vor allem im Landkreis Zgorzelec seien sehr viele Menschen davon überzeugt,  dass allein Gott entscheide, wer sich mit dem Corona Virus ansteckt und wer nicht. So hört man immer wieder: "Wir Menschen hätten auf Corona sowieso keinen Einfluss."

Quelle: MDR/rh/uwa

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Bautzen | 04. Januar 2022 | 14:30 Uhr

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