Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
SachsenSachsen-AnhaltThüringenDeutschlandWeltLeben
Weite Bereiche am Lohsaer Speicherbecken seien sicher - aber eben nicht alle, sagt LMBV-Mitarbeiter Jörg Schlenstedt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Bergbaulandschaft und dann?Terraforming in der Oberlausitz

von MDR SACHSEN

Stand: 14. August 2021, 13:15 Uhr

Seit 1994 saniert die LMBV 19 Lausitzer Tagebaue aus DDR-Zeiten, die zur Wende teils von einem Tag auf den anderen stillgelegt wurden. In einem guten Vierteljahrhundert wurden rund sechs Milliarden Euro in die Lausitzer Bergbaufolgelandschaft gesteckt. Immer wieder werfen unverhergesehene Erdrutsche die Sanierungsarbeiten zurück. Ist Bergbausanierung eine Sisyphusarbeit oder ist ein Ende in Sicht?

Die Wolken spiegeln sich auf der riesigen Wasserfläche, am Ufer wachsen Sträucher und Bäume. Der Anblick macht Lust auf eine Rundwanderung, aber am Speicherbecken von Lohsa ist das nicht möglich. Noch nicht. "Es sind weite Bereiche sicher. Aber eben noch nicht alles", sagt Jörg Schlenstedt, Forstwirt und Rekultivierungsexperte bei der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Deswegen signalisieren überall Schranken und Schilder am See Lebensgefahr. Das Gebiet darf nur mit Sondergenehmigung betreten werden.

Ziel ist die Beendigung der Bergaufsicht in diesen Bereichen.

Jörg Schlenstedt | LMBV

Der Tagebau bei Lohsa war noch zu DDR-Zeiten 1984 stillgelegt worden. Die Flutung des Restlochs erfolgte von 1997 bis 2016 und das Uferterrain wurde, wie bei Bergbaufolgeseen üblich, verdichtet. Dennoch ist hier nach Jahrzehnten der Sanierung Sperrgebiet. Ursprünglich sollten die Flächen schneller freigegeben werden, sagt LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber: "Wir waren Anfang der 1990er Jahre der Meinung, dass wir das Ganze in 25 bis 30 Jahren erledigt haben würden." Aktuell liefen die Planungen weit über den Zeithorizont von 2050 hinaus.

Am Speicherbecken von Lohsa besteht immer noch die Gefahr von Bodenrutschungen. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Eine Sisyphus-Arbeit sei es aber nicht, betont Steinhuber. "Unsere Aufgabe ist, uns als LMBV langfristig überflüssig zu machen und diese ganzen Flächen, die der Bergbau mal in Anspruch genommen hat, in den Wirtschaftsverkehr zu bringen."

Rütteln und Sprengen

Der typische Lausitzer Sand erschwert laut Steinhuber die Stabilisierung des Bodens. Weil sich die Sandkörner nicht so gut ineinander verhaken, kann es bei einem Grundwasseranstieg zum sogenannten Setzungsfließen kommen. Schlagartig verflüssigen sich dabei gewaltige Erdmasssen und rutschen mit hoher Geschwindigkeit ab.

Als schlimmste Hangrutschung an einem gefluteten Tagebaurestloch bleibt die von Nachterstedt in Sachsen-Anhalt in Erinnerung. Erdmassen rissen dort im Juli 2009 drei Menschen in den Tod. Auch auf dem Weg am Lohsaer See, auf dem wir gerade stehen, war es schon zu einem Setzungsfließen gekommen. Nichts Großes, wie Steinhuber sich erinnert, aber den Weg habe man an der Stelle neu herrichten müssen.

Die wesentliche Maßnahme ist die Stabilisierung der Kippen.

Wolfgang Schaaf | BTU Cottbus

Vor allem die Restlochseen und die Kippen, jene Stellen, wo Erdreich während des Braunkohleabbaus aufgeschüttet wurde, bergen die Gefahr von Rutschungen. Sie müssen gesichert werden. Dazu würden aufwendige Rütteldruck- und Sprengverdichtungsverfahren angewendet, die auch aus Kostengründen schrittweise erfolgten, so Steinhuber. Bis heute sind 5.000 Kilometer Landschaft verdichtet worden.

Die Natur einfach machen lassen?

Rund sechs Milliarden Euro wurden über mehr als 25 Jahre bis heute in die Sanierung der Lausitzer Bergbaufolgelandschaft gesteckt. Das sind enorme Kosten. Was ist, wenn der Mensch sich raushält und Tagebaugebiete dem Lauf der Natur überlässt? Diese Frage stellten sich Wissenschaftler der BTU Cottbus und starteten 2005 im Tagebau Welzow-Süd das Projekt "Hühnerwasser". Nachdem die Bagger weg waren, wurde auf einer rund sechs Hektar großen Fläche nichts mehr von Menschenhand verändert.

Erstaunlich schnell entwickelte sich hier ein Biotop. "Auch wenn hier die Bodenschicht und Wasserzufuhr besonders günstig waren, beweist das Experiment, dass sich auch ohne menschliche Einwirkung auf solchen Flächen eine Vegetation entwickeln kann", sagt Wolfgang Schaaf, Professor am Lehrstuhl für Bodenschutz und Rekultivierung, der das Projekt Hühnerwasser wissenschaftlich begleitet. Allerdings bringe diese Art der Vegetation der Land- und Forstwirtschaft nichts.

Kann die Natur sich von allein erholen? Diese Frage stellten sich Wissenschaftler der BTU Cottbus. Bildrechte: dpa

Tatsächlich bearbeitet auch die LMBV nicht jeden Flecken eines früheren Tagebaus. Etwa 15 Prozent werden dem Lauf der Natur überlassen "Wir haben großen Flächenanteile, die wir nur in sehr geringem Maße klassisch rekultivieren", so der LMBV-Mitarbeiter Schlenstedt. Die Oberlausitzer wollen aber nach Jahrzehnten des Tagebaus keine Totalreservat, sondern dieses Gebiet auch wieder nutzen - für die Landwirtschaft, Forstwirtschaft und den Tourismus.

Den Boden aktivieren

Bevor sich die Maschinen an das Kohleflöz herangraben konnten, das beispielsweise in Lohsa bis zu 40 Meter unter der Erdoberfläche lag, musste an der Abbaustelle das Grundwasser abgesenkt werden. Lässt man nach Jahrzehnten des Abpumpens nun das Wasser wieder ansteigen, haben sich Wasser- und Bodenchemie verändert.

Der Boden sei an bestimmten Stellen extrem sauer. "Da wächst in hundert Jahren nichts drauf", so Schlenstedt. "In diesen Landschaften würde sich über einen langen Zeitraum nur sehr rudimentär Vegetation entwickeln." Hier muss also gedüngt und Kalk zugesetzt werden - auch damit der Boden nicht das Grundwasser und damit Flüsse und See versauert. Ist der Boden fruchtbar genug, kann das Wiederaufforsten beginnen. Von Kiefer-Monokulturen ist man hierbei abgerückt. Für die ökologische Vielfalt wird mittlerweile von vorneherein auf Mischkulturen gesetzt.

Angepflanzte Stieleichen, Hainbuchen und Kiefern am Speicherbecken werden mit einem Zaun vor Wildverbiss geschützt. Bildrechte: MDR/Madeleine Arndt

Schlenstedt zeigt am Lohsaer Speicherbecken auf eine umzäunte Stelle mit schlanken jungen Bäumen. Vor zwölf Jahren wurden hier auf drei Hektar Stieleichen und Hainbuchen gepflanzt. Jetzt sind die Bäume groß genug, dass der vor Wildverbiss schützende Zaun demnächst weg kann.

Rekultivierung im laufenden Betrieb

Mit dem Braunkohleausstieg im Jahr 2038 wird demnächst das Urbarmachen der Leag-Bergbaulandschaften in der Oberlausitz zum großen Thema. Das hat zunächst einmal gesetzliche Gründe: Das deutsche Berggesetz schreibe seit über 150 Jahren vor, dass der Bergbautreibende die Landschaft, die er beim Rohstoffabbau verändert hat, wieder in den Wirtschafts- und auch Naturkreislauf zurückgeführt, erklärt Carsten Drebenstedt, Professor für Bergbau-Tagebau an der Freiberger Bergakademie. Und zwar so, dass keine Nachteile oder langfristige Schäden entstehen.

Früher wurden Böden verkippt, ohne den Mutterboden zu trennen - gewachsene Böden waren damit verloren.

Uwe Steinhuber | LMBV-Sprecher

Seit der DDR-Tagebaue hat sich in Sachen Rekultvierung einiges verändert. Der Prozess ist im laufenden Kohleabbau bereits zu Teilen integriert. Man kann beispielsweise beim Abbau steuern, wie der Uferbereich des künftigen Tagebausees aussehen soll. Abraumtechnik schüttet selektiv Mutterboden wieder auf, Erdmassen werden besser verdichtet. "Wir rekultivieren ständig. Das passiert aus dem laufendem Geschäft heraus", sagt Leag-Sprecher Thoralf Schirmer.

Außerdem wird parallel mit der Kohlegewinnung Geld für die Renaturierung zurückgelegt. Im Falle einer Unternehmensinsolvenz hat zudem der Freistaat auf die Gründung der Vorsorgegesellschaft Leves gedrängt. Hier zahlt die Leag nun ein Sondervermögen ein, dass für die zukünftige Rekultivierung der Abbauflächen vorgesehen ist.

Quelle: MDR/ma

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | in den Regionalnachrichten aus dem Studio Bautzen | 05. August 2021 | 11:30 Uhr