Fakt ist! "Kinderinterviews mit Spitzenpolitikern sind falsch"

Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Auch in Sachsen entscheiden die Bürgerinnen und Bürger dann wieder, wer sie in Berlin vertritt. MDR SACHSEN hat mit dem Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Roland Löffler, darüber gesprochen, wie er den Wahlkampf bewertet, welche Rolle die sozialen Netzwerke dabei spielen und worauf die Wähler bei ihrer Entscheidung besonderen Wert legen. Das ist auch ein Thema bei "Fakt ist!" am Montag im MDR FERNSEHEN.

Ein Mann mit Brille und Anzug und Krawatte sitzt vor zahlreichen Bücherregalen und guckt freundlich in die Kamera.
Dr. Roland Löffler ist seit 2017 Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Bildrechte: Benjamin Jenak

Herr Dr. Löffler, die Rentenkasse ist leer, die Digitalisierung läuft schleppend und die Inflation hat den höchsten Stand seit 30 Jahren erreicht. Trotz dieser Herausforderungen hat sich der Bundestagswahlkampf lange Zeit darum gedreht, wer in seinem Buch abgeschrieben hat oder wer an der falschen Stelle gelacht hat. Warum geht es so wenig um Inhalte?

So ist unsere mediale Welt. Politik wird stark personalisiert. Die Authentizität, die Glaubwürdigkeit der Kandidatin bzw. der Kandidaten spielt eine sehr große Rolle, oftmals eine größere als die Sachkompetenz. Politiker werden mal hochgeschrieben und dann wieder fallengelassen. Aktuell, in der heißen Wahlkampfphase, werden Spitzenpolitiker von Kindern interviewt. Ich finde das falsch, es ist geradezu eine Infantilisierung und Ästhetisierung der Politik. Glaubwürdigkeit ist ein hohes Gut, aber Geschmacksfragen sagen nichts über die politische Führungsfähigkeit einer Person aus.

Olaf Scholz (SPD) ist auf einem Foto abgebildet. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Welche Rolle spielen dabei die sozialen Netzwerke?

Durch die sozialen Netzwerke kann jeder beliebige Inhalt ständig wiederholt werden - und das hat Wirkung. Ganz gleich, ob es sich um positive oder negative Inhalte handelt. Natürlich kann das Netz zur Demokratisierung unserer Gesellschaft beitragen, indem nun jeder mitreden kann, indem Schwellen abgebaut werden. Und zugleich beschleunigen die neuen Medien das Verächtlichmachen des politischen Gegners bis hin zu Hass und Hetze, bis hin zu Fake News, die oftmals so geschickt geframt werden, dass nicht jeder sie sofort erkennt, sondern für bare Münze nimmt.

Außerdem verschwimmt im Netz die alte Grenze zwischen Public Relations und Journalismus sehr. Man braucht eine solide Medienkompetenz, um sich zurecht zu finden, übrigens eine wichtige Aufgabe der politischen Bildung.

Mit der Landeszentrale für politische Bildung führten Sie in allen sächsischen Wahlkreisen Wahlforen zur Bundestagswahl durch. Welches Stimmungsbild zeichnete sich dabei in der Bevölkerung ab?

Die 32 Wahlforen verliefen in der Regel sachlich und doch kontrovers. Die Bevölkerung mischte sich online und offline aktiv ein. Die Bürger wollten schon sehr genau von den Kandidatinnen und Kandidaten wissen, wie sie in Zukunft die Fragen unserer Zeit oder auch lokale Probleme lösen wollen.

Gibt es bestimmte Themen, die den Sachsen besonders unter den Nägeln brennen?

Ja, Klima, Umwelt, Landwirtschaft sowie Soziales, Arbeit und Gesundheit wurden sehr oft gewählt. Klima paarte sich zumeist mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung, besonders in der Lausitz. In den Großstädten waren Themen rund um Miete und Wohnen gefragt. Pflege, Hartz IV, Rente, die Unterschiede zwischen Stadt und Land beschäftigten die Menschen, verbunden mit der Frage, wie das alles bezahlt werden soll.

Ein Braunkohlebagger für die Förderung von Braunkohle steht im Tagebau Nochten.
Der Ausstieg aus der Kohleverstromung war auf den Wahlforen in der Lausitz ein wichtiges Thema. Bildrechte: dpa

Wie wichtig sind Dinge wie der Wahl-O-Mat als Entscheidungshilfe?

Der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale geht ja von den Klick-Zahlen gerade durch die Decke, erreicht neue Rekorde. So war es auch vor zwei Jahren hier in Sachsen vor der Landtagswahl. Es ist einfach ein tolles Instrument, das einen selbst nötigt, eine Entscheidung zu treffen, was man inhaltlich gut findet. Wenn man dann noch Lust hat, tiefer einzusteigen, kann man leicht einen Eindruck von programmatischen Inhalten und Unterschieden zwischen den Parteien gewinnen. Der Wahl-O-Mat hat sich einfach über Jahre einen sehr guten Ruf erarbeitet - und läuft mittlerweile ja in sehr vielen Ländern in Europa und darüber hinaus.

Eine Collage zeigt Angela Merkel und ein Smartphone mit dem Wahl-O-Mat. 1 min
Der Wahl-O-Mat - eine Erfolgsgeschichte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit Angela Merkel nimmt nach 16 Jahren eine Kanzlerin aus dem Osten Abschied, während die aktuellen Spitzenkandidaten alle aus dem Westen stammen. Auch viele Eliten in Wirtschaft, Verwaltung und Justiz kommen nach wie vor von dort. Ist das inzwischen unerheblich oder gibt es noch immer eine Art koloniales Ressentiment?

Mir hat der Begriff des kolonialen Ressentiments nie eingeleuchtet. Kolonialismus ist ein historisches Phänomen, das eine total andere Dimension als die deutsche Einheit hat, die ja von beiden deutschen Teilstaaten gewollt wurde. Die Menschen im Osten haben dafür gestimmt. Die Elitenveränderung ist dennoch ein Problem. Das braucht Zeit und gezielte Förderung und Ermutigung. In den Landesparlamenten und bei den Bürgermeistern und Oberbürgermeistern sind ja schon Veränderungen erkennbar.

Was dem Osten fehlt und weiterhin fehlen wird, sind die Zentralen der Dax-, MDax- und großen Familienunternehmen. Das sind die Lernorte für neue Eliten. Wer in der Wirtschaft nach oben will, wird deshalb auch weiter in die alten Bundesländer ziehen. Dass Ostdeutschland bei den Triellen kaum vorkam, fand ich sehr bedauerlich. Das hätten die Redaktionen besser machen können.

Quelle: MDR/sth

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 20. September 2021 | 22:10 Uhr

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