Auszeichnung Bundesverdienstorden für Dresdnerin Sylvia Urban: "Ich bin ein Fan von 'AIDS beenden'"

In Dresden sind acht engagierte Menschen aus Sachsen mit dem Bundesverdienstorden geehrt worden. Im Namen des Bundespräsidenten übergab Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer die Auszeichnungen. Damit wurde das jahrelange Engagement der drei Frauen und fünf Männer in den Bereichen Sport, Gesundheitswesen, Wissenschaft, Kommunalpolitik und Hochschulen honoriert. Eine der Geehrten ist Sylvia Urban, Gründungsmitglied der AIDS-Hilfe Dresden.

Sylvia Urban
Bildrechte: Deutsche Aidshilfe/Renata Chueire

Frau Urban, sie werden mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik für ihren Einsatz für ein gutes und würdiges Leben von HIV-positiven und an AIDS erkrankten Menschen geehrt. Sie setzen sich seit 30 Jahren für eine Welt ohne AIDS und ein Leben in Würde ein. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Ich bin nicht so der Fan von Ehrungen. Ich denke, das haben andere Menschen viel mehr verdient. Aber ich finde das Thema total wichtig. Deswegen bin ich eben seit vielen Jahren sowohl kommunal und im Land als auch international aktiv.

Die Immunschwächekrankheit scheint inzwischen ein bisschen ihren Schrecken verloren zu haben und ist in den vergangenen Jahren etwas in den Hintergrund gerückt, auch durch Corona. Wird die Krankheit heute zu wenig ernst genommen?

Zu wenig ernst genommen, weiß ich gar nicht. Aber Menschen, die mit HIV leben, sind immer noch Diskriminierung und Stigmatisierung ausgesetzt. Das sollte nicht so sein. Gesundheit ist ein Menschenrecht. Und dazu gehört, dass alle Menschen Zugang zu Präventionstherapie und Behandlungen bekommen.

Können Sie ein Beispiel für die Stigmatisierung von AIDS-Kranken nennen?

International wird alle fünf bis zehn Jahre so ein Stigma-Index erhoben. Da befragen HIV-positive Menschen andere HIV-Positive, wie ihr Lebensumfeld aussieht, wo sie Stigmatisierung und Diskriminierung begegnet sind. Vorläufige Daten der neuen Untersuchung zeigen, dass Diskriminierung im Gesundheitswesen, am Arbeitsplatz und im Privatleben immer noch stattfindet und dass sich wenige Menschen outen, und am wenigsten am Arbeitsplatz. Deswegen haben wir auch die Aktion "Positiv Arbeiten" ins Leben gerufen, um auch Arbeitgeber zu sensibilisieren: "Leute, ihr könnt auch Menschen haben, die mit HIV bei euch arbeiten." Beispiele für Diskriminierung sind, keinen OP-Termin oder keinen Arzttermin zu bekommen, beim Zahnarzt immer den letzten Termin zu bekommen oder entlassen zu werden.

Aber woher weiß ein Arzt, dass ich AIDS habe, wenn ich einen Termin bei ihm haben möchte?

Manche Ärzte fragen das immer noch ab. Und da stellt sich die Frage: Sollen wir den Menschen raten, dass sie sich outen und sagen: "Ja, ich bin HIV-positiv." Das macht bei manchen Erkrankungen auch Sinn. Aber grundsätzlich müssten wir sagen, oute dich lieber nicht, weil du könntest diskriminiert werden. Und zum Teil werden auch immer noch Patientenakten markiert.

Sind das heute die Probleme in der AIDS-Hilfe, mit denen sie am meisten zu kämpfen haben?

Ja genau, und nicht alle Menschen haben auch Zugang zu Medikamenten. Wir sind ein sehr wohlhabendes Land, aber wir haben noch nicht die Zugangsgerechtigkeit für alle. Das betrifft nicht nur Menschen, die keinen Aufenthaltsstatus haben. Es gibt auch viele Menschen, die ich nicht mehr in der gesetzlichen Krankenversicherung sind. Und die haben alle keinen Zugang zu Medikamenten.

Ich bin ein Fan von "AIDS beenden", weil ich finde, das ist das, was wir wirklich als Menschen schaffen können. Das heißt nicht HIV beenden, aber wenn die Infektion ordentlich behandelt wird, kann Mensch gut damit leben.

Weitere Bundesverdienstorden erhielten:

Christa Kay

Christa Kay (83) setzt sich seit mehreren Jahrzehnten ehrenamtlich für den Sport und die Gemeinschaft in Dresden ein. Als Übungsleiterin der BSG Empor Felsenkeller und später als Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende des Nachfolgevereins SV Felsenkeller Dresden e.V. hat sie sich über Vereinsgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Besonders wichtig ist ihr neben dem Sport auch das Miteinander in der Gemeinschaft. Am Herzen liegt ihr darüber hinaus die Gewinnung von Nachwuchstrainerinnen und -trainern. Immer wieder organisierte und begleitete sie verschiedene Sportveranstaltungen. So hat sie den Kinder-Turnwettkampf "Eiswurmpokal" mit initiiert, der inzwischen bereits 35 Mal ausgetragen wurde.
Quelle: Sächsische Staatskanzlei

Monika Müller

Monika Müller (81) engagiert sich seit mehr als drei Jahrzehnten in besonderer Weise ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendhilfe sowie für Frauen und Familien in Not. Seit der politischen Wende ist sie Vorsitzende des 1991 gegründeten Sozialdienstes katholischer Frauen e.V. Darüber hinaus ist sie seit vielen Jahren auch im Maximilian-Kolbe-Werk e.V. aktiv und trägt unter diesem Dach zu Verständigung und Versöhnung insbesondere zwischen Polen und Deutschland bei. Monika Müller besucht regelmäßig schwerkranke KZ-Überlebende in Polen. Dabei ist der Kontakt von Mensch zu Mensch wichtig. Zugleich kann durch diese Begegnungen weitere Unterstützung durch das Maximilian-Kolbe-Werk in die Wege geleitet werden. Zudem unterstützt sie Zeitzeugenprojekte an sächsischen Schulen - durch Sprachvermittlung und als Betreuerin der Holocaust-Überlebenden. Monika Müller stellt sich mit Ausdauer und Leidenschaft in den Dienst von Bildung, Aufklärung, Versöhnung und Mitmenschlichkeit.
Quelle: Sächsische Staatskanzlei

Dr. Rolf Weidle

Dr. Rolf Weidle (75) hat sich um den Aufbau des medizinischen Rettungsdienstes und der Notfallversorgung in der Stadt Görlitz und der Region verdient gemacht. Noch zu DDR-Zeiten war er für den Aufbau der dortigen Schnellen Medizinischen Hilfe zuständig und wirkte intensiv auch an der Fortbildung und Qualifizierung in dem Bereich mit. Nach der Wiedervereinigung leistete er bei der Neustrukturierung wertvolle Pionierarbeit. Zudem war er als Amtsarzt am Neuaufbau des Gesundheitsamtes sowie zwischen 1990 und 1995 auch als Vorsitzender der ersten sächsischen Landesrettungsschule aktiv. Daneben zählt er zu den prägendsten Persönlichkeiten in der Kommunalpolitik der Stadt Görlitz. So geht die Revitalisierung des Helenenbades als Naherholungszentrum im Norden von Görlitz auf seine Initiative zurück. Auch der Europamarathon, der für europäische Verständigung steht und zu gleichen Teilen durch Görlitz und Zgorzelec führt, trägt seine Handschrift.
Quelle: Sächsische Staatskanzlei

Dr. Herbert Wagner

Dr. Herbert Wagner (72) gehörte zu den wichtigen Akteuren der Friedlichen Revolution in Dresden. Als Mitglied der Gruppe der 20 hatte er dort maßgeblichen Einfluss auf den friedlichen Verlauf der Ereignisse im Herbst 1989 und engagierte sich in der Folge beim Aufbau der Demokratie in Sachsen. Im Frühjahr 1990 wurde er - nach den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR - als Oberbürgermeister gewählt. Bis 2001 stand er an der Spitze der Landeshauptstadt und engagierte sich daneben auch als Präsident beziehungsweise Vize-Präsident im Sächsischen Städte- und Gemeindetag und im Deutschen Städtetag. Ein wichtiges Anliegen ist ihm bis heute die Erinnerung an die Opfer der politischen Gewaltherrschaft. So setzte er sich erfolgreich mit dafür ein, dass dort, wo einst die Dresdner Bezirksverwaltung der Stasi ihren Sitz hatte, heute eine Gedenkstätte an die Bespitzelung und Verfolgung zu DDR-Zeiten erinnert. Entstanden ist ein wichtiger Ort des Gedenkens und des Lernens.
Quelle: Sächsische Staatskanzlei

Prof. Dr. Dr. Peter Joehnk

Prof. Dr. Dr. Peter Joehnk (69) hat sich in mehr als 25 Jahren um die Entwicklung der sächsischen Wissenschaftslandschaft verdient gemacht. So betreute er nach der deutschen Wiedervereinigung den Übergang und die Neugründung des Institutes für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden und war auch maßgeblich mit daran beteiligt, dass das Forschungszentrum Dresden-Rossendorf heute ein Teil der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren ist. Bis Herbst 2017 leitete er als Kaufmännischer Direktor das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf und hat sich dabei erfolgreich für die Weiterentwicklung der anerkannten Forschungseinrichtung eingesetzt. Von Anfang an sehr wichtig war ihm immer auch die Gewinnung und Begeisterung des Nachwuchses für Wissenschaft und Forschung. Ein Beispiel dafür ist das Helmholtz-Schülerlabor DeltaX, in dem regelmäßig Experimentiertage für junge Menschen stattfinden. Auch für die Qualifizierung und Ausbildung hat er sich in besonderer Weise stark gemacht.
Quelle: Sächsische Staatskanzlei

Prof. Dr. Hans Müller-Steinhagen

Prof. Dr. Hans Müller-Steinhagen (67) hat als Rektor der Technischen Universität Dresden maßgeblich daran mitgewirkt, dass die Hochschule 2012 zur Exzellenzuniversität gekürt wurde - als eine von wenigen in Deutschland und als einzige in den neuen Bundesländern. Er hat als Moderator, Motivator und Netzwerker auch einen großen Anteil daran, dass die Dresdner Uni den Titel 2019 verteidigen konnte. Sie ist damit eine von 11 Spitzenuniversitäten bundesweit, die diesen Titel aktuell tragen dürfen. Gewürdigt werden neben seinen herausragenden Leistungen für Forschung und Lehre in Sachsen auch sein Wirken für eine weltoffene, tolerante, friedliche und demokratische Gesellschaft. Er mischt sich immer wieder ein, streitet im positiven Sinn für Respekt und Menschenwürde. So hat er erstmals 2011 die Menschenkette in Dresden am 13. Februar angemeldet - als Zeichen für Frieden und Mitmenschlichkeit. Damit wird in jedem Jahr der Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg und der Opfer der Bombenangriffe gedacht und zugleich rechtsradikalen Kräften symbolisch der Zugang zur Stadt verwehrt.
Quelle: Sächsische Staatskanzlei

Sebastian Reißig

Sebastian Reißig (43) engagiert sich seit mehr als 20 Jahren in herausragender Weise an der Spitze des Vereins Aktion Zivilcourage e.V. in Pirna für demokratische Werte, Weltoffenheit und ein friedliches Miteinander. Die Aktion Zivilcourage wurde 1997 auf Initiative von Sebastian Reißig und einer Gruppe junger Mitstreiter ins Leben gerufen. Hintergrund waren hohe Kommunalwahlergebnisse rechtsextremer Parteien in der Sächsischen Schweiz, die Bildung rechtsradikaler Organisationen und die Zunahme von Gewalt und Gewaltbereitschaft. Der schließlich 2004 daraus hervorgegangene Verein ist heute eine wichtige, starke und weithin hörbare Stimme für die Demokratie. So unterstützen die Pirnaer Vereinsmitglieder in der Region und weit darüber hinaus regelmäßig Schulen, Kitas, Kommunalverwaltungen und Vereine und leisten damit wichtige Beratungs- und Präventionsarbeit. Wegen seiner Erfahrungen und Ideen ist Sebastian Reißig auch vielgefragter ehrenamtlich tätiger Berater und Beirat in weiteren Vereinen und Gremien wie dem Demokratie-Zentrum Sachsen.
Quelle: Sächsische Staatskanzlei

Ehrung wegen Corona gestaffelt

Wegen der Corona-Hygieneregeln findet die Ehrung gestaffelt statt. Am Freitag sollen weitere sieben Bürger auszeichnet werden, die sich ehrenamtlich für Hörbehinderte, die Rettung und Wandlung einer bedrohten Rittergutscheune zum kulturellen Zentrum, den Katastrophenschutz, für Mädchen und Frauen oder ein Bergmannsblasorchester im Erzgebirge engagieren. Einen Lehrer aus Waldenburg, der sich für ein Sozialprojekt in seiner afrikanischen Heimat engagiert, stellt MDR SACHSEN dann näher vor.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Radio-Report | 16. Juni 2021 | 16:30 Uhr

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