Drogenpolitik Cannabisbranche in Sachsen hofft auf Reformen der neuen Regierung

In Sachsen wird schon seit Jahren Cannabis für medizinische Zwecke angebaut und verschrieben. Für den Privatgebrauch ist die Droge in Deutschland verboten. Von der aktuellen Diskussion über eine mögliche Legalisierung zu Genusszwecken profitiert die Branche. Denn es gibt Reformbedarf. MDR SACHSEN hat mit Firmen in Sachsen gesprochen.

Demecan Cannabis Ebersbach
Cannabis made in Saxony: Die Firma Demecan in Ebersbach produziert jährlich eine Tonne medizinisches Cannabis. Bildrechte: Demecan

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Berührungsängste abbauen

"Wir merken, dass sich etwas tut", sagt Geschäftsführer Constantin von der Groeben vom Cannabishersteller Demecan auf die Frage, wie er die Diskussion der letzten Monate wahrgenommen hat. Landauf und Landab entspann sich demnach eine Debatte darüber, ob die neue Bundesregierung Cannabis zu Genusszwecken kontrolliert freigeben wird.

Diese Debatte führe auch dazu, dass sich Menschen informieren, so von der Groeben. "Information und Aufklärung tun gut." Seine Firma mit Sitz in Ebersbach bei Meißen sei das einzige unabhängige deutsche Unternehmen, das Cannabisblüten für medizinische Zwecke anbauen dürfe, so von der Groeben. Seitdem hätten er und seine beiden Mitgründer viel Grundlagenarbeit leisten müssen. "Es gab Berührungsängste bei Ärzten, Patienten und Apotheken. Die konnten wir aber abbauen", meint er.

Demecan Cannabis Ebersbach
Auf 5.000 Quadratmetern wird in Ebersbach Cannabis für medizinische Zwecke angebaut. Bildrechte: Demecan

Medizinisches Cannabis in Deutschland - Cannabis fällt in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetzt. Der private Konsum ist verboten. Nur für medizinische Zwecke darf es seit 2017 verschrieben werden.
- In Deutschland produzieren drei Unternehmen sogenanntes Medizinal-Cannabis. Neben Demecan gibt es auch noch zwei kanadische Firmen. Die Erträge werden an die deutsche Cannabisagentur geliefert und von dort aus an die Apotheken weiterverteilt.
- Der Bedarf an medizinischen Cannabis wird in Deutschland auf rund 20 Tonnen pro Jahr geschätzt. Weil die inländischen Erträge nicht ausreichen, wird zusätzliches Cannabis aus dem Ausland importiert.
- Demecan darf aktuell eine Tonne Cannabis pro Jahr herstellen. Laut Unternehmen reichen die örtlichen Kapazitäten für zehn Tonnen. Damit könnten die Sachsen die Hälfte des innerdeutschen Bedarfs decken.

Cannabis als schwer zugängliches Arzneimittel

Seit medizinisches Cannabis 2017 per Gesetz als Arzneimittel verschrieben werden darf, sei die Zahl der Patientinnen und Patienten deutschlandweit von 1.000 auf rund 120.000 gestiegen, sagt von der Groeben. Dazu kämen noch die Menschen, die Cannabis auf Privatrezeptbasis erhalten, ergänzt Julian Wichmann von Algea Care. Diese Firma hat sich auf die Behandlung von Medizinal-Cannabis spezialisiert und führt eine Praxis in Leipzig. Wichmann schätzt, dass ungefähr 250.000 Menschen in Deutschland mit medizinischem Cannabis behandelt werden.

Die Debatte über eine mögliche Legalisierung findet er vor dem Hintergrund bürokratischer Hürden für Patientinnen und Patienten "paradox". Trotz zahlreicher Studien, die die Wirksamkeit von Cannabis als Arzneimittel bestätigen, sei es immer noch schwer, Medizinal-Cannabis verschrieben zu bekommen. "Stattdessen wurden 2018 16,5 Millionen Rezepte mit Opioiden verschrieben", sagt Wichmann. In der Langzeitanwendung hätten die schwerere Nebenwirkungen. Nebenwirkungen bei der Behandlung durch Cannabis könnten bei ständiger ärztlicher Begleitung vermieden werden, so Mediziner Wichmann.

Mehr Forschung und Fortbildung notwendig

Von der neuen Bundesregierung erhofft sich Wichmann mehr Rechtssicherheit für Patientinnen und Patienten sowie mehr Aufklärung. "Maximal zwei Prozent der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland haben bisher mit Cannabis behandelt", sagt er. Um das zu ändern, brauche es mehr Fortbildung und mehr Investition in inländische Forschung. "Wir brauchen eine objektivere Diskussion, die patientenfokussiert ist. Denn die Erfolge dürfen nicht in Abrede gestellt werden", betont Wichmann. Grundsätzlich sei es jedoch zu begrüßen, "dass mehr und stigmafrei über Cannabis gesprochen wird".

Landesärztekammer: Datenlage sehr gering

Die Sächsische Landesärztekammer sieht den Einsatz von Cannabis als Arzneimittel kritisch und lehnt eine Legalisierung ab. Präsident Erik Bodendieck sagte im Gespräch mit MDR SACHSEN, dass Cannabis "verschiedene gesundheitsschädliche Gefahren" habe.

Der Suchtmediziner und Vorsitzende des Ausschusses Sucht und Drogen der Bundesärztekammer kritisiert, dass die Datenlage zur Wirksamkeit von Cannabis als Arzneimittel sehr gering sein. "Cannabis wurde vom Gesetzgeber zum Arzneimittel erhoben, ohne dass eine für Arzneimittel sonst vorgeschriebene Zulassungsstudie vorliegt. Es gibt nur eine Begleitforschung, deren Ergebnis erst im Jahr 2023 vorliegen wird. Die hat mit einer wissenschaftlichen Studie jedoch nichts zu tun", so Bodendieck.

Bereits vor der Zulassung als Arzneimittel kamen Cannabiszubereitungen in der Behandlung bei Multipler Sklerose zum Einsatz. "Zudem gibt es unterschiedlich starke Hinweise auf Schmerzwirksamkeit, und auf die Steigerung des Appettits bei HIV-Erkrankten", sagt Bodendieck. Auch sei nicht festgelegt, wo Cannabis als Arzneimittel eingesetzt werden kann und wo nicht. "Das führt zu einer riesigen Verwirrung bei den Ärztinnen und Ärzten", so der Suchtmediziner weiter.

Es gibt aus unserer Sicht derzeit für das Cannabis keine Beweise, die dazu anregen zu sagen, das ist ein wirksames Medikament.

Erik Bodendieck Präsident der Sächsischen Landesärztekammer

Suchtmedizner Bodendieck: "Cannabis darf nicht legalisiert werden"

Bessere Daten liegen Bodendieck zufolge zum Freizeitgebrauch vor. "Die Studienlage sollte jeden Gedanken an eine Legalisierung vertreiben", sagt er. Dort wo Cannabis freigegeben wurde, habe die Zahl der Verkehrstoten zugenommen. In Portugal sei zudem der Opioidgebrauch gestiegen. Auch Psychosen würden beim Konsum von Cannabis deutlich zunehmen. Bei Erwachsenen könnten diese nachlassen. Bei Jugendlichen und Menschen bis 23 Jahren entstünden jedoch dauerhafte Schäden, weil das Gehirn noch nicht vollständig ausgereift sei. "Cannabis darf nicht legalisiert werden", betont Bodendieck

Wichtiger wären bundeseinheitliche Regeln für Mindestmengen und Grenzwerte im Straßenverkehr, so Bodendieck. Er könne sich aber vorstellen, dass der Konsum und Besitz von Cannabis zu einer Ordnungswidrigkeit wird und kein Straftatbestand ist. So könnte den Menschen eine Beratung per Auflage verordnet werden.  

Schwarzmarkt regulieren?

Die "große Neugier" gegenüber Cannabis spürt von der Groeben trotz aller Bedenken. Zu dieser Grundstimmung komme nun die Überlegung, ob Cannabis als Genussmittel legalisiert werden sollte.

Wenn aus dem unregulierten Schwarzmarkt ein streng regulierter weißer Markt gemacht werden könnte, würden alle davon profitieren.

Constantin von der Groeben Geschäftsführer Demecan

Dass der Schwarzmarkt durch eine Legalisierung ausgetrocknet werden könnte, glaubt Bodendieck von der Landesärztekammer nicht: "Das hat in allen anderen Ländern, in denen Cannabis legalisiert wurde nicht funktioniert." Die Dealer seien dort auf andere Drogen ausgewichen.

Weg des Produktes überwachen

Von der Groeben sieht eher eine andere Gefahr. Wichtig sei es, "den Weg des Produktes zum Händler zu überwachen", ergänzt er. In den Niederlanden sei der Fehler gemacht worden, dass die Produktion dem Schwarzmarkt überlassen wurde. "Die gesamte Wertschöpfungskette muss kontrolliert werden", fordert von der Groeben.

Sein Unternehmen halte sich in der Frage der Legalisierung zurück, würde aber für den Fall, dass sie käme, beratend unterstützen wollen. Zudem ist sich von der Groeben sicher, dass sich ein ganzer Wirtschaftszweig etablieren würden.

Milliarden für den Fiskus

Dass die Cannabiswirtschaft im Fall einer Legalisierung auch finanziell ein Gewinn sein könnte, zeigt eine Studie des Ökonomen Justus Haucap von der Universität Düsseldorf. Die geht davon aus, dass durch eine Legalisierung ungefähr 2,7 Milliarden Euro Steuern in den Bundeshaushalt kämen. Der Branchenverband Cannabiswirtschaft e. V. hält die Schätzung für "eher konservativ", weil nicht alle Faktoren berücksichtigt werden konnten.

Der Geschäftsführer des Branchenverbandes, Jürgen Neumeyer, sagt im Gespräch mit MDR SACHSEN, dass in der Studie die Einsparungen im juristischen Bereich fehlten. Zudem sei die Dunkelziffer der Konsumentinnen und Konsumenten viel höher als bisher angenommen. Der Branchenverband geht von mehr als vier Millionen Konsumentinnen und Konsumenten bundesweit aus.

Reformbedarf trotz guter Stimmungslage

Trotz der guten Stimmung in der Branche, gebe es durchaus Reformbedarf, meint Neumeyer. Den sieht er vor allem im medizinischen Bereich. Die hohe Ablehnungssquote von Therapien durch die Krankenkassen von bis zu 40 Prozent müsse sich seiner Meinung nach ändern.

Es wäre sinnvoll auch mal nach wissenschaftlichen Kriterien vorzugehen und nicht übervorsichtig zu sein.

Jürgen Neumeyer Geschäftsführer Branchenverbanden Cannabiswirtschaft e. V.

Auch im Bereich der CBD-Produkte müsse sich schnell etwas ändern. "Hier brauchen wir einen klaren Rechtsrahmen. Selbst der europäische Gerichtshof hat festgestellt, dass CBD nicht die Kriterien eines Suchtstoffes erfüllt", beton Neumeyer. Die "Überregulierungen und Rechtsunsicherheiten" in Deutschland müssten ein Ende haben. Weitere Forderungen hat der Branchenverband in einem 6-Punkte-Plan festgehalten.

Großer Gewinner Sachsen

Bis eine Legalisierung Wirklichkeit werden könnte, gibt es aber laut Unternehmer von der Groeben schon einen "großen Gewinner": das Land Sachsen. "Wir haben in Ebersbach ein Zentrum für medizinisches Cannabis errichtet, dass über den Anbau hinaus geht." Auch Logistik, Forschung, Laborarbeiten und Weiterverarbeitung fänden sich dort. "Wenn eine Legalisierung kommen sollte, sprechen wir zudem von viel mehr als derzeit 70 Arbeitsplätzen", ist sich von der Groeben sicher.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Regionalreport aus dem Studio Dresden | 03. November 2021 | 16:30 Uhr

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