Niedrigste Impfquote in Sachsen Gibt es strukturelle Gründe für die niedrige Impfquote im Erzgebirge?

Im Erzgebirge ist es nicht immer leicht, von einem Ort in den nächsten zu gelangen. Erst recht nicht für die älteren Semester. Doch schwer erreichbare Impfstellen sind offenbar nicht schuld an der niedrigen Impfquote, sondern eher Impfmüdigkeit, Rechtspopulismus, falsche Krisenkommunikation und das Impfstoffangebot. Das führt nicht nur zu schweren Corona-Verläufen, es hat auch Auswirkungen auf das gesellschaftliche Klima.

Die Weihnachtspyramide dreht sich auf dem Marktplatz in Annaberg-Buchholz
Blick auf den Marktplatz von Marktplatz in Annaberg-Buchholz zur Weihnachtszeit. Bildrechte: dpa

Der Erzgebirgskreis in Sachsen ist mit 330.124 Einwohnern der einwohnerstärkste Landkreis in ganz Ostdeutschland. Bei der Impfquote hingegen hält er einen Negativrekord: Im Bundesland mit der ohnehin niedrigsten Impfquote von rund 60 Prozent verzeichnet er mit 47,3 Prozent den niedrigsten Wert im gesamten Freistaat. Die Krankenhäuser merken das unmittelbar: Von den Anfang Januar etwa 20 intensivmedizinisch betreuten Corona-Kranken in den Erzgebirgskliniken beispielsweise ist laut dem Chef der Klinikholding, Marcel Koch, gerade einmal ein Patient geimpft.

Doch woran liegt es, dass die Impfquote im Erzgebirgskreis so niedrig ist? Verzeichnet doch der Vogtlandkreis nebenan mit 73,1 Prozent die höchste Impfquote Sachsens? Entfernungen spielen laut Thomas Grünewald, Chef der Sächsischen Impfkommission, keine Rolle, wenn es um einen Impftermin geht. "Wenn man ganz ehrlich ist, sind vor allem Ängste vor dem Impfstoff und der Impfung selbst, sowie der Unwillen, sich impfen zu lassen, deutlich größer."

Unterversorgung zu Beginn der Boosterwelle

An der Zahl der Impfangebote und -Termine liegt es, anders als gern kolportiert wird, nicht. Darin sind sich der Infektionsmediziner, das Deutsche Rote Kreuz (DRK), Ärzteverbände und Praktiker einig. Dennoch räumt das DRK ein, dass es eine Unterversorgung in der Zeit der Boosterwelle gab. "Darüber brauche ich nicht zu streiten, das war so," sagt Kai Kranich vom DRK. So sind nach Wahrnehmung von Thomas Ketteler, Chefarzt für Innere Medizin am Helios Klinikum Aue, im Herbst lange Zeit nur zwei Impfteams im Erzgebirge unterwegs gewesen - viel zu wenige. Inzwischen sei deutlich aufgestockt worden. Allerdings: Das war in anderen Regionen nicht anders. Im Gegenteil, laut Sozialministerium Sachsen war eine Unterversorgung im Erzgebirgskreis in den vergangenen vier Monaten nicht erkennbar, diese habe insbesondere Leipzig, Dresden und Chemnitz sowie den Landkreis Mittelsachsen betroffen.

Das DRK ist seit Beginn der Corona-Impfmöglichkeit für die Impfstruktur verantwortlich. Bis September 2021 hatte das DRK Impfzentren organisiert und mobile Impfteams unterhalten. Dann hatte Sachsen alle 13 Impfzentren aus der ersten Impfkampagne schließen lassen - just in dem Monat, in dem die Gesundheitsminister von Bund und Ländern den Weg für Auffrischungsimpfungen zunächst für besonders gefährdete Gruppen ebnete und in dem der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor dem Hintergrund zahlreicher Impfdurchbrüche Booster-Impfungen für alle Erwachsenen vorschlug.

Trotzdem hat es Kranich zufolge das ganze Jahr über Impfangebote durch das DRK gegeben. Die mobilen Teams waren weiter im Einsatz, auch als bereits Haus- und Fachärzte das Impfen übernehmen sollten. "Wir haben versucht, die Menschen überall abzuholen, ob das im Stadion oder im Simmelmarkt war", sagt Kranich.

Anfang Dezember wurde das DRK wieder verstärkt in die Impfkampagne mit einbezogen. Inzwischen hat es seine Impfkapazitäten von 1.000 Impfungen auf 11.000 täglich ausgebaut, mehr als noch zu Zeiten der Impfzentren, sagt Kranich, gibt es sieben Impfstellen für die Menschen im Erzgebirgskreis. Allein am 27.12.2021 wurden Kranich zufolge im Erzgebirge 1.002 Impfungen verabreicht, darunter 81 Erstimpfungen - "bei den Impfquoten hilft das aber auch nicht weiter", meint Kranich.

Nachbar Vogtland mit Impfvorsprung

Während der Erzgebirgskreis Schlusslicht bei der Impfquote ist, führt das Vogtland, und damit ein unmittelbarer Nachbar - ebenso gebirgig, mit vergleichbarer Rand- beziehungsweise Grenzlage - die Impfquotenstatistik in Sachsen an. An Problemen bei der Terminvergabe liegt diese Differenz offenbar nicht. Dies sei auf eine Sonderstellung des Vogtlandkreises bei der Corona-Schutzimpfung im Frühjahr 2021 zurückzuführen, heißt es aus der Annaberg-Buchholzer Behörde.

Tatsächlich hält der Landrat vom Vogtlandkreis, Rolf Keil, weder Größe des Landkreises noch Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur für den Impffortschritt in seinem Kreis für entscheidend. Wesentlich sei hingegen, dass Keils Kreis während der zweiten und dritten Welle teilweise an der Spitze der Infektionen in Deutschland gestanden habe. In dieser Phase sei in der Region die Impfpriorität aufgehoben worden und verstärkt Impfstoff geliefert worden. "In dieser Zeit hatten wir natürlich einen starken Andrang von Impfwilligen und dort haben wir einen Großteil des Vorsprungs erzielt".

Mit den Impfungen damals sei die Inzidenz im Vogtland massiv nach unten gegangen: "Man hat dann schon gesehen, Impfen hilft, Impfen wirkt. Das hat sich sicherlich auch in der Bevölkerung festgesetzt", sagt Keil. Den Vorteil hätten andere Kreise in Sachsen nicht oder später gehabt. Doch das ist nicht alles: "Wir haben ab dieser Zeit eine Menge Werbung gemacht und das bis zum heutigen Tag. Wir haben Radiospots gesendet, Annoncen geschaltet, wir haben Pressegespräche mit Klinikchefs gemacht, wir haben das Kreisjournal, die Gemeindejournale genutzt", erzählt Keil. "Wir haben jetzt zwei Impfstützpunkte noch einmal aufgebaut, eines mit dem DRK, eines betreiben wir selbst, wir koordinieren über unser Pflegenetzwerk das Impfmobil des Roten Kreuzes und wir haben ein Brückenteam Vogtland mit Impfungen in Pflegeheimen."

Im September hatten in Sachsen die niedergelassenen Ärzte die Corona-Impfungen übernommen. Inzwischen beteiligen sich laut Kassenärztlicher Vereinigung Sachsen (KVS) von 145 hausärztlichen Praxen im Erzgebirgskreis 127 Praxen an den Impfungen gegen das Corona-Virus, also 87,6 Prozent. Bei 136 bestehenden Facharztpraxen beteiligten sich bisher 55 Praxen an den Impfungen, dies entspricht 40,4 Prozent.

KV Sachsen: Zu wenig Biontech-Impfstoff

Diesen Praxen, so kritisiert die KV Sachsen, stehe zu wenig Biontech-Impfstoff zur Verfügung. Gäbe es mehr davon, könnte mehr geimpft werden, teilt der Verband mit. Außerdem könnte die Einführung eines proteinbasierten Impfstoffs gegen das Coronavirus (Novavax) die Impfquote erheblich steigern." Inzwischen sollte die für Sachsen zur Verfügung zu stellende Impfstoffmenge nicht nach dem Bevölkerungsanteil Sachsens, sondern nach der Gesamtzahl noch zu Impfender bundesweit festgelegt werden, fordert die KVS. "Außerdem darf sich keinesfalls wiederholen, was mit den drei Millionen zusätzlichen (aus Polen geborgten) Impfdosen Biontech geschehen ist. Diese wurden auf Anweisung des BMG ausschließlich in die staatliche Impfstruktur gegeben und damit die niedergelassenen Ärzte mit einem extremen Missverhältnis von zur Verfügung gestellten Impfdosen und Impfwünschen der Patienten im Regen stehen gelassen", teilt die KVS auf Anfrage mit.

Dass es zu wenig Biontech-Impfstoff gibt, das bestätigt auch die Eibenstocker Ärztin Franziska Pecher-Werner. Die Allgemeinmedizinerin muss gerade fünf Patienten für den nächsten Tag eine Absage erteilen, das macht sie nach der Arbeit, in den späten Abendstunden. Der Grund: "Ich habe beispielsweise diese Woche fünf Flaschen bestellt. Ich habe eine bekommen." In ihrer Region können sich viele Impfwillige aber nur eine Biontech für Erst- und Zweitimpfung vorstellen.

Bewegen in Kommunikationsblasen

Das führt Pecher-Werner unter anderem auf Kommunikation während der Impfkampagne zurück: "Erst wird propagiert: Impfen, Impfen, Impfen und dann plötzlich wird der Impfstoff aus dem Verkehr gezogen. Das hat die Menschen wuschig gemacht und selbst Ärzte verunsichert. Manche sagen dann, man kann ja gar nichts mehr glauben." Erst den Startschuss zu geben und dann drei Hürden aufzubauen, das funktioniere nicht. Die Hardliner in ihrer Region, so glaubt sie, haben sich durch das ganze Durcheinander bestätigt gefühlt.

Manche Menschen reagierten erst, wenn sie selbst oder ein Familienmitglied betroffen seien, sagt der Präsident der Sächsischen Landesärztekammer (SLÄK), Erik Bodendieck. Hinzu kämen Impfmüdigkeit und Vorbehalte. "Die Menschen bewegen sich in kommunikativen Blasen. Impfverweigerer oder -skeptiker halten sich dann gegenseitig von einer sehr sinnvollen Schutzmaßnahme ab. Und selbst wenn jemand seine Meinung ändern würde, kommt er auf Grund des Gruppendrucks nicht ohne Weiteres aus diesem Kreislauf heraus."

Tatsächlich geht in einigen Gemeinden im Erzgebirge ein Bruch durch die Dörfer, selbst durch Familien, ist teilweise davon die Rede, dass sich Menschen heimlich impfen ließen, um nicht aus ihrem Freundeskreis ausgeschlossen zu werden.

Viele Ursachen für die Impfskepsis

"MDR-exactly“-Reporter Luca Schmitt-Walz  Die Online-Reportage „MDR-exactly“ beschäftigt sich mit diesem Problem und befragt u. a. auch die Protestierenden selbst; was sie bewegt – ab Sonntag; 7. November; 11 Uhr; in der ARD-Mediathek und auf dem YouTube-Kanal „MDR Investigativ“" 27 min
"MDR-exactly"-Reporter Luca Schmitt-Walz Bildrechte: MDR/David Bochmann

Die Ursachen für die Impfmüdigkeit sind vielfältig. Thomas Ketteler vom Helios Klinikum Aue führt sie unter anderem auf Gerüchte um Impfkomplikationen und fehlende Wirksamkeit, Impfdurchbrüche, zurück, die diejenigen verunsicherten, die "komplexe medizinisch-immunologische Zusammenhänge nur schwer verstehen können und stattdessen aber lieber einfachen Erklärungen glauben". Hinzu kämen noch immer Zweifel an der Sicherheit der Impfstoffe, ein Hang zu Verschwörungstheorien, Misstrauen politischen Instanzen und wissenschaftlichen Institutionen sowie Ablehnung von Vorschriften und Empfehlungen aus politischer Tradition.

Die SPD-Sozialpolitikerin Simone Lang sieht außerdem kulturhistorische und rechtspopulistische Ursachen: "Das hat eine lange Geschichte und ich glaube, das fing mit der Wende an". Lang zufolge haben sich die vergangenen Jahrzehnte eingebrannt in die Mentalität der Erzgebirger - Jobverlust, die Veränderung der Familienstrukturen, die Unzufriedenheit, die mit der Summe der Entbehrungen einhergeht. "Auch das Gefühl des Abgeschieden seins. Das Gefühl im Erzgebirge immer das letzte Rad am Wagen zu sein. Sie verweist aber auch auf andere Gründe. "Es gibt eine Studie, "Rechtspopulistische Tendenzen und die Impfbereitschaft". Und das haben wir hier wirklich im Erzgebirge in einer geballten Ladung, die es schwer macht, argumentativ und auch wissenschaftlich fundiert zu argumentieren."

Impfen unter anonymen Drohungen

Vorbehalte, Falschinformationen und Ablehnung führen nicht nur zu schweren Corona-Verläufen, sie haben auch Auswirkungen auf die Impfenden: Ärztinnen und Ärzte in ganz Sachsen erhalten schon seit geraumer Zeit anonyme Drohungen oder sogenannte Warnhinweise, vor allem, wenn sie sich für Impfungen einsetzen, diese durchführen, oder sich öffentlich dazu äußern. "Dies empfinde ich als demokratiefeindlich und strafbar", sagt Bodendieck. "Die Bedrohungen nehmen immer dann zu, wenn es neue Impfempfehlungen, wie zum Beispiel für Jugendliche und Kinder, gibt. Oder wenn Impfärzte regional in den Medien präsent sind."

Diese Bedrohungslage greift die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in einem Schreiben vom 20. Dezember auf. "Seit Beginn der Corona-Schutzimpfungen erhalten wir in einem zunehmenden Umfang Schreiben und Emails von Ihnen weitergeleitet, in denen in ehrverletzender Weise und zum Teil unter Androhung von Gewalt von Ihnen verlangt wird, diese Arbeit (sofort) zu beenden", heißt es darin. Häufig stünden Einzelpersonen, zum Teil aber auch organisierte Gruppen hinter diesen Anfeindungen. Auch werde von verbalen Angriffen in den Praxen oder in den sozialen Medien berichtet.

Ungeachtet dessen will das DRK die Impfkapazitäten auf 2.000 Impfungen täglich im Erzgebirge steigern und setzt auf einen weiteren Schub durch die Einführung der neuen Impfstoffe. Schlussendlich liegt die Entscheidung beim Einzelnen. Oder, wie es Marcel Koch, Geschäftsführer der Krankenhaus-Gesundheitsholding Erzgebirge, zuletzt in einer Videokonferenz des Freistaates Sachsens formulierte: "Die Verantwortung kann nicht nur der Politik zugeschoben werden, das muss jeder selbst übernehmen."

Quelle: MDR AKTUELL, ane

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 07. Januar 2022 | 15:30 Uhr

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