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Tourismus in der Pandemie

Jens Weißflog vermisst klare Linie in Corona-Politik

von Katrin Tominski

Stand: 09. Februar 2021, 11:00 Uhr

Nach Monaten des Stillstands wächst Unmut und Existenzangst im Tourismus. Olympiasieger und Hotelbesitzer Jens Weißflog kämpft wie viele seiner Branche mit der Pandemie. Im Gespräch mit MDR SACHSEN fordert er klare Aussichten und plädiert dafür, Betroffene in Diskussionen über künftige Strategien einzubeziehen.

Jens Weißflog ist dreifacher Olympiasieger und eine Ikone des Wintersports. Heute betreibt er ein Hotel in Oberwiesenthal und kämpft wie viele andere seiner Branche mit den Herausforderungen der Pandemie. Bildrechte: Jens Weißflog

Herr Weißflog, draußen liegt so viel Schnee wie lange nicht. Doch der Tourismus steht still. Versetzt Ihnen das ein Stich ins Herz?

Wer sich die Bilder ansieht - mittlerweile liegt ja fast überall in Sachsen und sogar in ganz Deutschland Schnee - der ist natürlich animiert, irgendetwas mit und im Schnee zu machen. Wir wären jetzt Anfang Februar in der absoluten Hauptsaison. Die erste Saison um Weihnachten und Silvester haben wir schon verpasst. Jetzt geht die Hauptsaison auch ins Land. Ich bin fast sicher, dass wir nicht vor Ostern aufmachen. Es ist schon ein herber Schlag.

Seit Monaten ist Ihr Hotel geschlossen, wie kommen Sie über die Runden?

Wären die letzten Jahre nicht so gelaufen, wäre der Lockdown für uns absolut problematisch. Die zugesagten Hilfen kommen viel zu langsam. Bislang haben wir jeweils 50 Prozent der November- und Dezemberhilfe bekommen. Mittlerweile leben wir jedoch in der zweiten Februarwoche. Meiner Meinung nach sind das nicht haltbare Zustände, dass Versprechen nicht eingehalten werden. Obwohl Hotellerie und Gastronomie mit die ersten im Lockdown waren.

Warum haben Sie die Hilfen noch nicht komplett erhalten?

Es ist wohl sehr unterschiedlich. Manche Kollegen haben die November-Hilfen schon komplett bekommen, wir leider noch nicht. Ich kann auch nicht sagen, woran das liegt. Unser Steuerberater sagt, es lohnt nicht, nachzufragen, weil die überlastet sind.  Wir müssen abwarten.

Es gibt kritische Stimmen, die sagen, Hotellerie und Gastronomie sind mit den Hilfen gut bedient. Und: Gute Unternehmer würden sich immer etwas für Krisenzeiten zurücklegen!  

Das ist - ich will nicht sagen fadenscheinig. Das ist total naiv. Natürlich versucht jedes Unternehmen, etwas auf die hohe Kante zu legen. Doch schauen wir uns mal die Preise in der Gastronomie an. Jeder will immer noch ein Schnitzel für zwölf Euro essen. Viele Gäste folgen der Philosophie: Wo es am preiswertesten ist, dahin gehe ich. Wie sollen in diesem harten und permanenten Preiskampf große Rücklagen gebildet werden? Das ist eine absolut naive Sichtweise, die mit der Realität wenig zu tun hat.

Sparen ist in der Gastronomie also schwer möglich, weil der Preiskampf so hart ist?

Das ist richtig. Wir sind immer an die Vorstellungen unserer Kunden gebunden. Wenn wir jede Teuerungsrate, vom Wareneinkauf bis zum Zulieferer, an unsere Gäste weitergäben, würden wir das Schnitzel schon lange nicht mehr für zwölf Euro, sondern für 20 Euro verkaufen. Aber wer gibt über 20 Euro für ein Schnitzel aus?

Das Erzgebirge ist bekannt durch Wintersport, Sie auch. Doch der Winter ist bald vorbei. Welches Potenzial haben Frühling und Sommer?

Jede Tourismusregion ist bestrebt, sich nicht nur auf eine Saison zu konzentrieren. Natürlich versucht das Erzgebirge, eine Ganzjahressaison zu haben. Dazu gab es in den letzten Jahren verschiedene Bestrebungen. Mit der Rad-Tour "Stoneman" ist es gelungen, das Erzgebirge für Mountainbiker bekannter zu machen. Insgesamt sind die Zahlen im Sommer gestiegen. Bei der Auslastung gab es in den letzten Jahren kaum noch Unterschiede zwischen Sommer- und Wintersaison – doch hier kann nur für mich sprechen.

Was für ein Jammer: Nach Jahren mal wieder richtig viel Schnee - doch Corona bremst die Urlaubsbegierden. Da bleibt der Blick auf die Fichtelbergbaude auf dieses malerische Foto. Bildrechte: Ronny Küttner

Gesundheitsminister Jens Spahn hat Sonntagabend erklärt, er halte eine längerfristige Sechs-Monats-Pandemieplanung nicht für realistisch. Was sagen Sie dazu?

Ich kenne die direkte Aussage nicht. Aber das ist das, was ich von der Politik vermisse. Sie hat nur einen einzigen Plan: von einen Lockdown in den anderen zu gehen. Die Politik macht überhaupt keine Angebote, wann wieder geöffnet werden könnte. Vor ein paar Wochen sollte auf alle Fälle bei einer Inzidenz von 50 geöffnet werden. Aber jetzt kommen ja die bösen Mutanten und wir brauchen, wenn möglich, eine Null-Inzidenz. Das schreit gen Himmel, solche Aussagen! Wer sicher in seinem Sessel sitzt und monatlich sein Geld bekommt - da kann ich das verstehen, dass man dort relativ locker mit solchen Sachen umgeht.

Wie könnte eine Strategie aussehen - auch für Ihr Hotel?

Wir hatten schon vor der Wintersaison ein Konzept für das Skigebiet – mit Nachverfolgungsapp und so weiter. Die Konzepte liegen vor, sie sollten einfach mal mit abgefragt werden. Wir sind natürlich bereit, mit Abstand, mit Maske, mit Desinfektion und allen geforderten Dingen, umzugehen. Womit wir nicht umgehen werden, ist eine Öffnung mit halber Auslastung. Das macht wenig Sinn, im Frühling und Sommer sind bei uns im Gebirge die Preise und Erlöse ohnehin niedriger. Man muss die Leute mit in die Diskussion einbeziehen, man kann nicht alles nur vom Schreibtisch aus entscheiden.

Können Sie sich vorstellen, in Ihrem Hotel Schnelltests einzurichten?

Ja, natürlich. Fast jedes Hotel in Oberwiesenthal hat einen Mitarbeiter zum Schnelltest-Kurs geschickt. Auch bei uns im Hotel gibt es jetzt eine Person, die Schnelltests durchführen kann. Wir wären bereit, Mitarbeiter und gegebenenfalls auch Urlauber zu testen.

Viele Sachsen planen ihren Urlaub. Gibt es bei Ihnen schon Anfragen für Frühling und Sommer?

Auf alle Fälle. Besonders die, denen wir seit drei Monaten absagen müssen, wollen ihren Urlaub nachholen. Im Moment müssen wir jede Buchungen dreimal anfassen, das ist mit einem wahnsinnigen Mehraufwand verbunden, weil wir quasi von Schließung zur Schließung buchen.

Sie sind also beschäftigt mit Umbuchungen und leider nicht mit Neubuchungen?

Es gibt natürlich auch Neubuchungen. Die Leute reservieren jetzt für Frühjahr und Sommer bis in den Herbst. Auch mit den aktuellen Buchungen, die im Januar und Februar nicht stattfinden konnten, wird umgegangen. Die Gäste wollen irgendwann kommen.

Das sind hoffnungsvolle Aussichten. Herr Weißflog, ich bedanke mich recht herzlich für das Gespräch.

Bildergalerie

Jens Weißflog - der "Floh vom Fichtelberg"

1984 war der große Durchbruch von Jens Weißflog. Er gewann die Vierschanzentournee (hier beim Neujahresspringen in Garmisch-Partenkirchen) und später bei den Olympischen Spielen in Sarajevo Gold und Silber. Bildrechte: imago images / WEREK
1985 wiederholte Weißflog seinen Erfolg auf den vier Schanzen. Nach dem Sieg beim Neujahrsspringen reichte es am Ende knapp vor dem finnischen Dauerrivalen Matti Nykänen. Bildrechte: imago/WEREK
Was für ein Nervendrama 1990/91: Nach zwei Siegen in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen wurde es zum Abschluss der Tour doch noch eng. Andreas Felder aus Österreich siegte, Weißflog wurde nur Zehnter, behauptete aber einen 14-Punkte-Vorsprung. Bildrechte: imago images / WEREK
Was für ein Triumph: zehn Jahre nach dem Sieg bei den Olympischen Spielen in Sarajevo gelingt Jens Weißflog das Kunststück, mit dem neuen V-Stil auch bei den Spielen in Lillehammer Gold im Einzel und mit dem Team zu gewinnen. Bildrechte: imago images / Sven Simon
Zum Abschluss einer großen Karriere zeigte es Jens Weißflog in der Saison 1995/96 noch einmal allen. Bei der Vierschanzentournee holte der Sachse bei allen vier Springen Podestplätze, krönte seine Leistung mit dem überlegen Sieg in Bischofshofen. Bildrechte: imago images / WEREK
Weißflog lebt und arbeitet immer noch in Oberwiesenthal - und ist sehr heimatverbunden. Bei der Junioren-WM im März 2020 war er Schirmherr - hier gratuliert Weißflog (re.) den Skisprung-Medaillengewinnerinnen der JWM, Thea Minyan Björseth, Marita Kramer, Lara Malsiner (v.l.n.r.). Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister
Heute ist Jens Weißflog Geschäftsmann, führt ein Hotel und Restaurant und kämpft seit Corona auch mit den finanziellen Folgen. Bildrechte: imago images / Bernd März

Quelle: MDR/kt

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSENMDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 09.02.2021 | 20:00 - 23:00 Uhr

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