Öffentlicher Nahverkehr Zwönitz: Elektrobus steuert jetzt auch entlegene Winkel an

Vor allem Gemeinden im ländlichen Raum stehen vor der Herausforderung, auch abseits des Stadtkerns allen Bewohnern einen Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr zu bieten. Zwönitz im Erzgebirge hat dafür nun eine Lösung gefunden: Das Erzmobil kann über eine App individuell von den Fahrgästen gebucht werden. Der Elektrobus bringt sie von bisher nicht angebundenen Wohngebieten ins Stadtzentrum oder zum Bahnhof.

Erzmobil Zwönitz
Gebucht werden kann das Erzmobil ausschließlich über eine App. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Feierstimmung am Sonnabend in Zwönitz: Der Linienverkehr auf Abruf, das sogenannte Erzmobil, geht an den Start. Der Startschuss erfolgte parallel zur Inbetriebnahme der ebenfalls am Sonnabend freigegebene Strecke des Chemnitzer Modells Aue-Chemnitz. Ziel ist es alle Ortsteile von Zwönitz besser an den Nahverkehr anzubinden.

Im Unterschied zu bislang bekannten Anrufsammeltaxis ist die Zwönitzer Lösung vollständig in den Öffentlichen Personennahverkehr integriert. Dieses setzt ein spezielles Nutzungsrecht voraus, für welches erst im August vorigen Jahres die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Die Stadt Zwönitz ist bundesweit der erste Verkehrsträger, der dieses Nutzungsrecht erhält.

So funktioniert das Erzmobil Der mit sechs Fahrgastsitzplätzen ausgestattete elektrische Kleinbus kann über eine App für Fahrten zwischen insgesamt 28 Haltestellen gebucht werden. Diese liegen an Stellen, die bislang keinen Anschluss an den öffentlichen Personennahverkehr hatten. Das betrifft vor allem die Zwönitzer Ortsteile Brünlos, Dorfchemnitz, Günsdorf, Hormersdorf, Kühnhaide, Lenkersdorf und Niederzwönitz.

Wer zum Beispiel in Niederzwönitz wohnt und zum Zwönitzer Bahnhof möchte, muss spätestens 15 Minuten vor Fahrtbeginn eine verbindliche Buchung über die App abschließen.

Da kein fester Fahrplan besteht, wird in der App ein Fahrtwunsch für eine bestimmte Zeit angefragt. Die Software bietet dann die nächste mögliche Fahrt in Abhängigkeit des jeweiligen Fahrzeugstandortes und bereits bestätigter Fahrtbuchungen an.

Der Bus fährt zu einem Komfortzuschlag von 50 Cent, der zusätzlich zum normalen Nahverkehrsticket beim Fahrer bezahlt werden muss. Später soll auch eine Zahlung in der App möglich sein.

Erzmobil soll Lücke im Nahverkehr schließen

Dreh- und Angelpunkt soll der Zwönitzer Bahnhof sein. Jeweils zur vollen Stunde treffen hier gleichzeitig die Bahnen aus Chemnitz und Aue sowie die Busse der Linien 342 und 363 ein. Somit entwickelt sich der Bahnhof zum Umsteigeschwerpunkt und deshalb werden alle Buchungen des Erzmobils so berechnet, dass der Kleinbus wenn nötig ebenfalls zur vollen Stunde am Bahnhof sein kann.

Erzmobil Zwönitz
Bürgermeister Wolfgang Triebert und Vertreter des Verkehrsverbundes Mittelsachsen (VMS), des Regionalverkehrs Erzgebirge (RVE) sowie der Firma IAV nehmen für die erste Fahrt im Erzmobil Platz. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Die Herausforderung sei, Ortsteile, die weiter entfernt vom Bahnhof liegen, mit anzuschließen, so Projektleiter Martin Benedict. "Und da versuchen wir mit Hilfe der Digitalisierung - wir haben ja das Smart-City-Zwönitz-Projekt ‑ eine Lücke zu schließen und die Menschen gut hin und her zu transportieren."

Haltestellen innerhalb von 600 Metern zum Wohnort

"Ziel ist es, mindestens 80 Prozent der Bürger innerhalb von 600 Metern zum Wohnort eine Haltestelle zu bieten", erzählt Bürgermeister Wolfgang Triebert. Zum Ausprobieren sind die Fahrten am Sonnabend für die Bürgerinnen und Bürger kostenfrei.

"Chemnitzer Modell" Das Chemnitzer Modell verknüpft nach dem sogenannten Tram-Train-Prinzip Straßenbahn und Eisenbahn. Bislang gibt es vier Linien, die Chemnitz mit Stollberg, Hainichen, Mittweida und Burgstädt verbinden. Seit Sonnabend ist auch die Strecke nach Aue für Fahrgäste freigegeben. Weitere Strecken sollen folgen.

Triebert lässt es sich nicht nehmen, die erste Fahrt selbst zu genießen. Gemeinsam mit Vertretern des Verkehrsverbundes Mittelsachsen (VMS) und des Regionalverkehrs Erzgebirge (RVE) sowie der Firma IAV, die für die Softwareentwicklung zuständig war, nimmt er in dem Kleinbus Platz. Für den Nahverkehr in der Erzgebirgsregion ist im Normalfall der RVE zuständig. Deswegen gab es vorab eine Einigung, damit Zwönitz sein Erzmobil umsetzen konnte. Finanziert wird es über das Modellprojekt Smart City Zwönitz, das vom Bund und vom Freistaat Sachsen gefördert wird.

"Ich war natürlich sehr neugierig und habe nicht bis heute mit meiner ersten Fahrt gewartet", verrät Triebert lachend. "Aber es war das erste Mal mit mehreren Leuten und das Auto ist sehr flexibel. Dadurch, dass es voll elektrisch ist, hat es auch ein besonderes Fahrgefühl."

Die Reichweite von rund 250 bis 300 Kilometern soll laut der Berechnungen des Projektteams ausreichen, um den ganzen Tag die Fahrten zu bestreiten. Geladen werden kann das Fahrzeug dann über Nacht im Depot. Ausgestattet mit einer Rollstuhlrampe ist der Kleinbus barrierefrei. Auch Kinderwagen können problemlos transportiert werden. Und auch Kindersitze sind schon bereitgelegt.

Erzmobil Zwönitz
Durch die ausklappbare Rollstuhlrampe ist der elektrische Kleinbus barrierefrei nutzbar. Bildrechte: MDR/Anett Linke

Buchungen ausschließlich per App

Am Montag wird der reguläre Fahrbetrieb aufgenommen. Buchungen sind zwischen 8 und 16 Uhr per App möglich. Über eine Hotline und beim Fahrer können die Fahrgäste Fragen stellen und Vorschläge zur Verbesserung machen.

"Gebucht werden können die Fahrten aber ausschließlich über die App", sagt Benedict. Für Menschen, die sich mit dem Smartphone nicht so gut auskennen, soll es Kurse geben. Die Bürger sollen so auch an das Thema Digitalisierung herangeführt werden.

Perspektivisch sollen die Fahrzeiten auch verlängert werden, erzählt Benedict. "Aber wir machen jetzt erstmal den Praxistest und schauen, wie genau der Bedarf der Bürger aussieht", sagt er. Bürgermeister Triebert wagt sogar noch einen weiteren Blick in die Zukunft: 2025 soll der Kleinbus bereits autonom, also ohne Fahrer, in der Stadt unterwegs sein.

MDR (al)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Nachrichten | 29. Januar 2022 | 10:00 Uhr

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