Einzelhandel beleben Kurzzeitläden in Wolkenstein: Projekt gegen den Leerstand im Erzgebirge

Corona macht dem ohnehin schwächelnden Einzelhandel zu schaffen. Viele Geschäfte geben auf. Um den Leerstand nicht nur kurzzeitig zu beenden, sind neue Konzepte gefragt. Eine erste Probe dafür gibt es in Wolkenstein.

Ein renoviertes Ziegelhaus mit der Aufschrift "Oskar Teichert", davor Besucher und eine Fahne "Kurzzeitladen"
Kurzzeitläden soll es im Erzgebirge in Zukunft für immer längere Zeit geben. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Am Sonntag hat in Wolkenstein im wahrsten Sinne des Wortes "geschäftiges" Treiben geherrscht. In der Stadt gab es einen verkaufsoffenen Sonntag in Geschäften, die schon lange geschlossen hatten. Fahnen an der Straße lockten die Gäste des Städtchens in "Kurzzeitläden". Dort gab es Keramik, Figuren, Kosmetik und regionale Produkte.

Gestalter Michael Ramm, der von kleinen Holzfiguren bis zum großen Messestand alles entwirft, ist zufrieden. "Es geht hier nicht ums große Geschäft. Wichtiger ist es, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Im Gespräch hat sich heute schon einiges ergeben, was eine Webseite einfach nicht erzählen kann." Außerdem habe ihn das Ambiente der 100 Jahre alten Fleischerei gereizt. "Ich habe dafür auch extra Möbel gefertigt, damit der Kurzzeitladen nicht wie ein Provisorium auf die Besucher wirkt." Die Corona-Zeit mit dem ausbleibenden Messegeschäft habe ihm auch Raum gelassen, sich um andere Projekte zu kümmern, die sonst liegengeblieben wären.

Ein Mann mit grauem langen Haaren (Gestalter Michael Ramm) vor Holfiguren und Plakaten in einer Fleischerei
Gestalter Michael Ramm hat auch "seinen" Kurzzeitladen gestaltet. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Auf der Suche nach der Fläche

Auch Lena Thriemer ist mit dem Jugendblog "Medien ErZ Community" in einen der Kurzzeitläden in Wolkenstein gezogen. "Viele unserer Projekte laufen ja online gut." Doch manche Sachen ließen sich im persönlichen Kontakt besser klären. "Wir haben ein eigenes Modelabel entwickelt. T-Shirts oder Sweatshirts mit minimalistischen Designs, den Koordinaten des Erzgebirges oder der knappen Aufschrift 'Erzgebirge'. Da ist es natürlich gut, wenn man den Stoff auch einmal anfassen oder die Kleidung probieren kann." Dafür seien solche Veranstaltungen gut. "Das Bedrucken und die Stickerei haben schon Unternehmen aus dem Erzgebirge übernommen. Nur für die eigentliche Herstellung suchen wir noch nach regionalen Unternehmen." Lena betont, dass jeweils ein Euro vom Verkaufserlös der Kleidung zur Unterstützung von zwei schwerbehinderten Kindern verwendet wird, die teure Therapien benötigen. "Das sind zwei der wichtige Projekte unserer Arbeit."

Eine junge Frau (Lena Thriemer) hält lächelnd ein Sweatshirt mit der Aufschrift "Erzgebirge"
Lena Thriemer unterstützt mit dem Jugendblog "Medien ErZ Community" zwei Familien mit schwerstbehinderten Kindern. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Bürgermeister hat uns die Türen geöffnet

Nadja Hecker und Josephine Leonhardt-Dietrich, sind für ihre Idee der Kurzzeitläden mit dem "So geht sächsisch."-Preis #JetztLokalHandeln ausgezeichnet worden. Beim Wolkensteiner Bürgermeister Wolfram Liebing hätten sie die sprichwörtlichen "offenen Türen" eingerannt, sagt Josephine Leonhardt-Dietrich. "Wir haben des Konzept beim Verein 'Kreatives Erzgebirge' besprochen. Wolfgang war sofort davon begeistert. Er hatte die Kontakte zu den Vermietern schon geknüpft. Nur so konnten wir das so schnell umsetzen." Die Kurzeitläden in Wolkenstein seien ein Probelauf für ein größeres Projekt. "Wir möchten über den Status der kurzzeitigen Öffnung von Geschäften hinauskommen. Dazu werden wir eine Webseite erstellen, auf der sich Vermieter und potentielle Mieter im gesamten Erzgebirge zusammenfinden können." Dann könnten die leerstehenden Geschäfte öfter mit Leben gefüllt werden und vielleicht auch langfristigere Beziehungen entstehen, sagt Josephine Leonhardt-Dietrich.

Josephine Leonhardt-Dietrich, eine blonde Frau, steht auf einer Straße in Wolkenstein
Josephine Leonhardt-Dietrich will Vermieter und potentielle Mieter im gesamten Erzgebirge zusammenbringen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Wolkenstein sucht Kreative

Wolfram Liebing, der Bürgermeister von Wolkenstein, hatte auch schon ähnliche Pläne. "Mir tut weh, wenn ich die leeren Geschäfte sehe, nicht nur in Wolkenstein", sagt er. "Îch könnte mir vorstellen, dass sich hier Kreative ansiedeln, zum Beispiel ein Töpfer oder eine Töpferin." Er habe bereits vor längerer Zeit Kontakte zu den Besitzern leerstehender Geschäfte geknüpft. "Da kommen mir die Kurzzeitläden als erster Versuch gerade recht." Hier könne man lernen, wie so etwas funktioniert. "Wir werden uns in ein paar Wochen zusammensetzen und dann auch sehen, wie der Tag gelaufen ist." Die Stadt könne keine Einzelhändler herbeischaffen. Aber sie könne helfen, die nötigen Kontakte zu knüpfen, sagt Liebing.    

Ein Mann mit Bart, Gehrock und Dreispitz: Wolfram Liebing, der Bürgermeister von Wolkenstein
Wolfram Liebing, der Bürgermeister von Wolkenstein, würde gern Kreative im Ort ansiedeln. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Wenn sich genügend Partner finden, sollen viele jetzt noch verwaiste Geschäfte im Erzgebirge in Zukunft nur noch für kurze Zeit leerstehen.

Quelle: MDR/tfr

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Guten Morgen Sachsen | 11. September 2021 | 09:11 Uhr

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