Protest Voigtsdorf: Letzter Baum für Transport von Mega-Windrad wird gefällt

Der Transport von drei Windkraftanlagen in Voigtsdorf im Erzgebirge erregte in vielerlei Hinsicht Aufsehen - und zwar immer negativ. Erst blockierten die 90 Meter langen Schwertransporte die Autobahnabfahrt Chemnitz-Mitte, weil der Kurvenradius enger war, als gedacht. Dann sollten in Voigtsdorf mehrere 100 Jahre alte Straßenbäume für die Durchfahrt gefällt werden. Die Wut der Anwohner war entsprechend groß.

Eine Arbeitsmaschine hält einen Baumstamm, der am unteren Ende von einem Arbeiter abgesägt wird.
Am Donnerstag wurde der Baum des Anstoßes gefällt. Nach dem erfolgreichen Protest eines Anwohners sollen 33 neue Bäume dafür gepflanzt werden. Bildrechte: MDR/Mario Unger-Reißmann

Einigung: 33 Bäume werden gepflanzt

Drei große Windkraftanlagen sollen in der Nähe von Voigtsdorf, einem Ortsteil von Dorfchemnitz, gebaut werden. Die Teile dafür, zum Beispiel die 90 Meter lange Flügel, müssen mit Schwerlasttransportern durch den Ort gefahren werden. Doch dort stehen 100 Jahre alte Straßenbäume im Weg, die für den Transport gefällt wurden. Das wollte sich Anwohner Conny Albert nicht gefallen lassen und bewachte den alten Baum vor seinem Grundstück, der stehen bleiben sollte.

Am Donnerstagnachmittag einigte sich der Anwohner mit den Verursachern des Problems. Alle seine Forderungen werden erfüllt. Die UKA Meißen Projektentwicklung GmbH & Co.KG, die für die Windkraftanlagen verantwortlich ist, vereinbarte mit der Gemeinde Dorfchemnitz schriftlich, dass sie 33 neue Bäumepflanzen werde als Ersatz für die elf entlang des Transportwegs der Windkraftanlagen gefällten Bäume. Standorte und Baumarten sollen zwischen den Grundstücksanliegern, der Straßenmeisterei und der Gemeinde abgestimmt werden. Außerdem wird die Pflege der Bäume für 20 Jahre durch die UKA und die Gemeinde Dorfchemnitz sichergestellt.

Ein Mann sitzt neben einem Zelt in einem Gartenpavillon neben einem Baum.
Was nach Urlaub auf dem eigenen Grundstück aussah, hatte für Conny Albert einen ernsten Hintergrund. Er widersetzte sich damit der Fällung des Baumes vor seinem Grundstück. Bildrechte: MDR/Mario Unger-Reißmann

Landratsamt hatte Genehmigung zur Fällung gegeben

An anderen Stellen der Strecke bis Voigtsdorf waren neben engen Straßenabschnitten Plattenwege über angrenzende Felder für den Schwertransport gebaut worden. Dort mussten Straßenbäume zwar beschnitten, aber nicht wie in Voigtsdorf später, ganz gefällt werden. Das Landratsamt Mittelsachsen teilte dazu schriftlich mit:

In der Folge wurde festgestellt, dass durch den starken Verschnitt die Standsicherheit der Bäume gefährdet gewesen wäre. Deshalb wurde die Ausnahmegenehmigung zum Fällen Anfang Juli erteilt. Es wird Ersatzpflanzungen geben.

Landratsamt Mittelsachsen Pressestelle

An einer kurvigen Landstraße steht ein zur Hälfte beschnittener Baum, davor ein Plattenweg.
An anderen Stellen des Transportweges wurden Bäume beschnitten und Trassen über freies Feld angelegt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Warum der Weg durchs Dorf führte

Die Firma UKA teilte mit, dass in Voigtsdorf kein Weg am Ort vorbei gewählt werden konnte, wie bisher bei der Installation von Windrädern üblich. Demnach hatten Anrainer auf mögliche Probleme hingewiesen, dass der Transport der Anlagenteile über einen Feldweg mehrere darunter liegende Gasleitungen beschädigen könnte.

Der bisherige Windpark wird von der Windkraft Unger GmbH geführt. Geschäftsführer Dirk Unger wies darauf hin, dass keiner der Beteiligten über den Weg einfach so verfügen könne. Auch der Windparkbetreiber habe sich für "die offenkundige Vorzugsvariante, den Dörnthaler/Voigtsdorfer Weg" ausgesprochen. Der dauerhafte Ausbau dieses Weges an der Ortschaft vorbei hätte für die Zukunft der Windanlagen Vorteile gehabt. "Warum sollten wir dagegen sein, wenn alle erforderlichen Punkte rechtzeitig von den zuständigen Gemeinden, Landratsämtern und Vorhabensträgern geklärt worden wären", merkte Unger an. Für ihn ist diese Klärung nur aufgeschoben, weil die neuen Windkraftanlagen in Voigtsdorf irgendwann auch erneuert werden müssten "und doch dann nicht wieder dafür die jungen Bäume in Voigtsdorf weichen müssen", betonte Unger.

Außerdem habe Unger nach eigenen Angaben Ende Juni darauf aufmerksam gemacht, dass vier betroffene Gasleitungsbetreiber ihre Sicherheitsvorgaben für die Überfahrt durch Schwertransporte hätten geben müssen.

Erfolg in kleinen Schritten

Bereits am Mittwoch hatte sich eine Einigung angebahnt. Der stellvertretende Bürgermeister von Dorfchemnitz, Mathias Rudolph, war bei Conny Albert, um die Situation zu entspannen. Er verwies darauf, dass als Ausgleichsmaßnahme für die Windkraftanlage zwei Hektar Wald aufgeforstet würden. Gleichzeitig hatte er eine Vereinbarung im Gepäck: Die sicherte zu, dass die Firma UKA auf dem Grundstück von Conny Albert bis zu fünf Obstbäume als Ersatz für den gefällten Straßenbaum pflanzen werde.

Doch damit wollte sich Conny Albert nicht zufrieden und blieb unter dem Baum vor seinem Grundstück sitzen. Er sei zwar froh, dass sich Rudolph bei ihm gemeldet habe, aber dieses erste Angebot reichte ihm nicht aus. "Ich finde es erschütternd, dass ich jetzt ein Angebot über fünf lächerliche Obstbäume bekomme, weil die anderen Bäume schon gefällt sind", sagte er am Mittwoch. Das Ortsbild sei kaputt. "Meine Kinder erleben vielleicht, dass es wieder schön aussieht, wenn man in den Ort hinein fährt." Albert verlangte mehr Bäume für das gesamte Ortsbild und keine Obstbäumchen im Privatgarten.

Anwohner: Ich bin kein Windkraft-Gegner

Conny Albert betonte während des Streits, dass er keineswegs Gegner der Windkraft sei. "Wir wohnen direkt am Windpark und spüren jeden Tag die Auswirkungen. Wir leben damit, wir akzeptieren das. Wir haben Windschläge, wir haben Schattenwurf auf die Häuser. Das ist so, das nützt nichts." Doch die Fehlplanung mit dem Transport der Anlagenteile sei jenseits von Gut und Böse gewesen, kritisierte er.

Conny Albert steht auf einer Straße. Im Hintergrund ist unscharf ein einzelner Baum am Fahrbahnrand zu sehen.
Conny Albert hat "seinen" Straßenbaum bis zuletzt verteidigt. Bildrechte: MDR/Mario Unger-Reißmann

Nach der Einigung am Donnerstag ist auch Conny Albert erleichtert. "Es ist besser, wenn man miteinander zu einer Lösung kommt, als sich irgendwann wegtragen lassen zu müssen, ohne sich geeinigt zu haben."

Am Rand der Dorfstraße in Voigtsdorf stehen zwei frische Baumstümpfe.
Im Ortsbild von Voigtsdorf werden einige Jahre keine markanten Straßenbäume zu sehen sein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR (tfr/mur)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | SACHSENSPIEGEL | 21. Juli 2022 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

p-adams vor 9 Wochen

Ich möchte unten stehende Beiträge nicht kommentieren, würde mir aber professionellere Kommentare wünschen. Am Ende wurde hier wieder Geld gespart auf Kosten der Natur, sei es durch den Hersteller der Windkraftanlagen oder durch den Betreiber des Windparks.
Jedenfalls gibt es Transporttechniken (sogenannte Blade Lifter), die den Transport der Blätter auch durch den Ort OHNE das Fällen von 33 Bäumen ermöglicht hätten. Eventuell wären 3 bis 4 Bäume zum Opfer gefallen!
Ich spreche hier aus der praktischen Erfahrung!

GenervterZugezogener vor 9 Wochen

Wohingegen Umwelt zu zerstören, um noch mehr Umwelt zu zerstören, völlig ok da ja - in Ihren Augen - logisch wäre, oder wie?

Diese Heuchelei ist wirklich schwer erträglich. Bäume werden alle naselang gefällt, aber wenn das im Zuge eines Windenergieprojektes geschieht, ist hierzulande bzw. in den Kommentarspalten die Empörung riesengroß.
Wobei Herr Albert ja zeigt, daß es auch hier pragmatisch und lösungsorientiert geht.

Nebenbei bemerkt sieht der Baum, unter dem der Herr Albert seinen Pavillon aufgebaut hat, nicht wirklich 100 Jahre alt aus, wenn man den Stammumfang betrachtet. Aus welcher Quelle stammt den diese Altersangabe, lieber MDR?

hinter-dem-Regenbogen vor 9 Wochen

Da kommen viele umstrittenen Fragen wieder auf - wem nutzt der Klimawandel, wem nutzen die Windräder.
Hat die Abholzung der Bäume und Wälder womöglich auch etwas mit dem Klimawandel zu tun ? Wer macht hier die dicke Kohle?

Schon vor hundert und hunderten Jahren, wurden in Deutschland die Wälder abgeholzt mit dem Ziel des "Handel" . . . damit in Holland und England Schiffe gebaut werden können , die dann den Globus umsegeln und das Zeitalter des Ausplündern einleuteten.

Sollte sich die Geschichte wiederholen ? Genauer würde der geneigte Leser hier beurteilen können, wenn er auch erfahren würde, wem denn die übergroßen Windräder gehören und wer der Eigner des zukünftigen "Windparks" ist und wer der Betreiber.

Klimawandel scheint im Zeitalter von Dekadenz und Übersättigung ein Willkommenes Ereignis zu sein , neue Geschäftsfelder zu generieren. Schon jetzt bestreiten zahlreiche Gewerke , Einzelpersonen als Händler, Banken und Versicherungen ihren "Lebensunterhalt" damit.

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